Samstag, 15. Dezember 2007

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 4

Seikatsu – Leben


Haiku


きみにふれたことばの端が黄ばんでゆく 
kimi ni fureta kotoba no hashi ga kiban de yuku

von Itô Toshie


Übersetzungen



Das du verwandelt
den Rand der Sprache
in Gelb


oder:

Durchs du
das Ende der Sprache
wird gelb


[through you
the ending of language
turns yellow ]


Muki-Kategorien


生活 (せいかつ) seikatsu: Leben, Dasein
言葉 (ことば) kotoba: Sprache, Wörter
言霊(ことだま) kotodama: Wort-Geist
隠語(いんご)lingo: Umgangssprache/Geheimsprache/Jargon
文字(もじ) moji: Schriftzeichen (Rechtschreibung)
手話(しゅわ)shuwa: Gebärdensprache/Gesten


Bild


Die Ränder des Gesagten werden gelb, sobald das Wort „du“ fällt. Der Wortwechsel findet zwischen einem Mann und einer Frau statt. Eine Liebesbeziehung ist in die Krise geraten. Die Gespräche der beiden sind nicht mehr so lebendig und unverbraucht wie früher.

Interpretation 1


Das Gedicht verweist auf die schwindende Liebe in einer Beziehung. Es ist nicht nur die Liebe, die Verschleißerscheinungen zeigt, auch die Worte, die die beiden wechseln, verlieren allmählich an Kraft und Bedeutung.

Interpretation 2


Ein Mann möchte nicht mit seiner Partnerin sprechen, aber er ist dazu verpflichtet. "Der Rand" des Gesprochenen verwandelt sich in ein schmutziges Gelb, als enthielte das Gesagte ein dem Hass verwandtes Gefühl.

Interpretation 3


Möchte jemand etwas sagen, existieren die Worte bereits vor der eigentlichen Äußerung in seinem Inneren. Weil diese von Herzen kommen, aus der Seele, sind sie warm. Werden sie (oder andere Worte) dann tatsächlich geäußert, treten sie in die Luft hinaus, das Medium des Atems. Der Atem hält sie einen Augenblick lang warm, doch sobald sie ausgesprochen werden, können sie ihre Wärme verlieren. Wenn jemand in seinem Inneren keine Liebe mehr für seinen Partner empfindet, sind auch seine Worte nicht „im Herzen“ warm. Werden sie ausgesprochen, kühlen sie noch stärker ab. Ein kaltes, liebloses Gespräch ist mit etwas vergleichbar, das „gelb“ wird, alt und fahl, vergilbt.
Das Haiku erinnert uns an ein Haiku von Bashō:

もの言えば唇寒し秋の風
ものいえばくちびるさむしあきのかぜ 
mono ieba kuchibiru samushi aki no kaze


Sowie ich spreche
werden meine Lippen kalt
im Herbstwind

Kulturelle Anmerkung 1


In Japan spricht man sich selten mit „du“ an. Man vermeidet es, innerhalb eines Satzes das Subjekt zu verwenden. Wird das „du“ verwendet, gibt es im Wesentlichen zwei Anredeformen: あなた (anata) und きみ (kimi). Im vorliegenden Haiku wird letzteres (きみ) benutzt. Die Verwendung von あなた weist auf eine engere Beziehung zwischen "du" und "ich" hin als きみ. Im Gegensatz dazu kennzeichnet きみ eine förmlichere Beziehung; zwischen dem "du" und dem "ich" existiert eine gewisse Distanz.

Kulturelle Anmerkung 2


Zur Bedeutung von fureru (ふれる ist die attributive Form oder Vergangenheitsform von fureta): Das Wort kann in diesem Gedicht auf zweierlei Weise verstanden werden: zum einen als „berühren“ im Sinne von „fühlen" oder „in Kontakt mit einem Gegenstand treten“, zum anderen im Sinne von „sich beziehen auf“ etwas oder jemanden.

Kulturelle Anmerkung 3


In der westlichen Philosophie ist das 'Wort' (der grundlegende konnotative, begriffliche Teil der Sprache) stark mit dem Logos und Rationalität verbunden. Die Empfindung, dass das "Wort" sehr stark mit Begriffen wie 'Wahrheit' oder 'Denken' verknüpft ist, ist vorherrschend. Man könnte sagen, die westliche Einstellung zum „Wort“ sei logozentrisch. Dagegen wird das „Wort“ in Japan als koto no ha (Rand einer Sache) betrachtet, eine Sichtweise jenseits von Logos oder Rationalität. Das „Wort“ könnte zwar auch ein Weg zur Wahrheit oder zum Denken sein, ist damit aber nicht eng verbunden. So ist die japanische Einstellung zum „Wort“ nicht logozentrisch. Außerdem gibt es in Japan den Glauben, dass das „Wort“ spirituelle Kraft besitzt. Diese Kraft wird kotodama (Wortseele) genannt. Die Welt des Shintoismus ist voller Wortseelen. Sie sind nicht nur menschlichen Wesen zu Eigen, sondern auch Tieren, Pflanzen, Steinen, Bergen, Flüssen, Seen usw. Alle Klänge der natürlichen Welt sind gleichermaßen Wortseelen und bilden von daher auch das Saatgut der Poesie. Wir haben es hier mit einem animistischen Glauben zu tun (vergl. die japanische Mythologie des Kojiki und die altjapanische Dichtung im Man'yōshu, ebenso das Nô-Drama, z.B. Takasago).

Kulturelle Anmerkung 4


Im Japanischen bedeutet "kotoba no hashi" (ことばの端 das Ende der Sprache) auch "trivial, banale Worte".

Kulturelle Anmerkung 5


Kibamu (黄ばむ) bezieht sich wörtlich auf "gelb werden" (wie Blätter), der Ausdruck wird aber auch häufig für Kleidung oder Papier benutzt. Er impliziert, dass der Gegenstand älter wird, zunehmend abnutzt und nach einiger Zeit ganz verschwindet.

Kulturelle Anmerkung 6


Die Farbe Gelb ist im Kojiki (712 v.Chr.) nicht erwähnt. Zwar existierte bereits das entsprechende Kanji, aber ihm lag ein anderes Konzept zu Grunde. Im Man'yōshu (759? v.Chr.), der frühesten noch bestehenden Sammlung japanischer Verse, wird Gelb (黄) als Farbe erwähnt, die dem Rot nahe steht. Dies hat mit der Färbung des japanischen Ahorns im Herbst zu tun. Vermutlich wurde die Farbe Gelb früher als typische Herbstfarbe betrachtet, doch heutzutage gilt der jahreszeitliche Bezug als veraltet.



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 (natürliche Phänomene) ...
Folge 2 (Geographie) ...
Folge 3 (Welt der Menschen) ...


Nächste Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 01.02.2008

Samstag, 1. Dezember 2007

 Sternschanze...






 Straßenmusik -   

 hin zur Mazurka  

 sprießt zartes Grün  





 Fotografie von G.M.B. Akash, Bangladesh.
 Haiku von Udo Wenzel, Hamburg.


Der vielfach preisgekrönte Fotograf G.M.B. Akash wurde 1977 in Bangladesh geboren. Er lebt noch für kurze Zeit in Hamburg, mit Hilfe der Hamburger Stifung für politisch Verfolgte erhielt er als politischer Flüchtling das Gastrecht in Deutschland.

Die Fotografie oben ist Teil der Ausstellung „Dhaka-Hamburg“, die vom 10.12. – 28.12.2007 (Wochentag 7-19, Samstag 10-17, Sonntag 10-16 Uhr) im Hamburger Rathaus gezeigt werden wird. In dem Jahr seines Aufenthalts in Hamburg hat „das Auge von Bangladesh“ Bilder der hiesigen Armut fotografiert. In der Ausstellung konfrontiert er diese mit Bildern von sozialem Elend in Bangladesh. Akash erzählt mit seiner Kamera Geschichten von Menschen am Rand der Gesellschaft.

Das Foto zeigt eine typische Szene im Hamburger Schanzenviertel. Unter der Eisenbahnbrücke des S-Bahnhofs "Sternschanze" ist häufig Straßenmusik von Migranten zu hören. Dabei entstand en passant auch das Haiku.


Ein Interview mit G.M.B. Akash von Dirk Kirchberg
Website von G.M.B. Akash


Veröffentlichung der Fotografie
mit freundlicher Genehmigung von G.M.B. Akash.


Donnerstag, 15. November 2007

Ein Winterhaiku




Atem flüchtiger

Gruß übern Aschekübel

Ahorn einsam starr.



von Ralf Zühlke und Frank Martens


Der Berliner Verleger (Stadtlichter Presse) Ralf Zühlke und der Lyriker Frank Martens schrieben im Winter 1996/1997 gemeinsam eine Reihe von Haiku, daraus entstand das Buch „Einen Winter lang“, das im Jahr 2000 in einer bibliophilen Ausgabe in einer Auflage von 160 Exemplaren in der Edition Schwarzdruck erschien.


"Einen Winter lang gemeinsam Haiku schreiben, hatten wir froh beschlossen. Was wir nicht ahnten, war dann eine schlichte Erfahrung: Dreizehn Jahre Freundschaft und eine gemeinsame Arbeit sind zweierlei. Wir lernten uns neu kennen.
Alles berührte unser Thema. An den Abenden und in den Nächten saßen wir zusammen und schrieben. Ein Wort ergab das andere, eine Zeile die nächste – und wurde verworfen oder bejubelt. Der Ofen bullerte, aber die Temperatur sank stetig in diesem Winter. Immer wieder sprachen wir die Haiku laut – wie Beschwörungsformeln – und horchten. Der Klang sollte stimmen. Wir erinnerten uns an vergangene Winter, befragten uns nach unseren Ausflügen. Erlebten die Jahreszeit erstaunt bewußter als die vielen Male zuvor. Wenn die Zeilen angestrengt schienen, bremsten wir uns abwechselnd mit Spott. Und auch mit erleichtertem Lachen, das aus der Nähe wuchs. Wir stritten um jedes Wort. Als der Frühling nahte, veränderten wir die Form des Arbeitens. Jeder schrieb seine Haiku, die wie Rohmaterial behandelt und gemeinsam umgeschrieben wurden.
Vielleicht hatten wir nie zuvor so empfindlich und gleichzeitig mitfühlend auf das Wort des anderen reagiert, die genaue Beschreibung eines Augenblicks eingefordert. Immer wieder Grenzen. Irgendwann ein Wort, das den Blick öffnet." (Nachwort des Buches)


Aus: Einen Winter lang. Haiku. Edition Schwarzdruck 2000. Handpressendruck mit mehrfarbigen Holzschnitten von Angela Schröder, gebunden in japanischer Blockbindung.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Donnerstag, 1. November 2007

Als ob sie zu befinden hätten

von Gerhard Meier

Nach Allerseelen sind die Bäume erst richtige Bäume. (Und Kinder, mit vier, fünf holen sie Blumen vom Feld.) Alte haben Tage zuweilen, wo sie nicht sein möchten, einfach nicht sein möchten. Indes nach Allerseelen sind die Bäume erst richtige Bäume. Die Kastenwagen vom Kundendienst der Warenhäuser (Nordmann, Neckermann etc.) kehren zurück in die Städte. Die Stadt zieht einen Himmel über, den Geschmäckler kitschig finden (als ob sie zu befinden hätten). Nackter, nackter denn je sind die Bäume.




Gerhard Meier, geb. 1917. Schweizer Schriftsteller. Gerhard Meier begann erst 1957 während eines Kuraufenthaltes ernsthaft zu schreiben. Die Liebe zur Literatur entdeckte er schon als Kind. Doch um seine Familie zu ernähren, arbeitete Gerhard Meier mehr als 30 Jahre in einer Lampenfabrik, mehr als 20 Jahre lang mied er jede Literatur, um nicht in einen Konflikt zwischen Brotberuf und schriftstellerische Leidenschaft zu geraten. Sein erstes Buch „Das Gras grünt“, ein Gedichtband, erschien 1964. Es folgten weitere Bücher mit Gedichten und Prosaskizzen, danach erste Romane. 1971 gab er seinen bisherigen Beruf auf und wurde freischaffender Schriftsteller. Schließlich wuchs ab 1979 sein bedeutendstes Werk, der vierbändige Roman „Baur und Bindschädler. Amrainer Tetralogie“ mit den Einzelwerken „Toteninsel“ (1979), „Borodino“ (1982), „Die Ballade vom Schneien“ (1985) und „Land der Winde“ (1990) heran. Als Leser begleitet man die Protagonisten Kaspar Baur und Rudolf Bindschädler zunächst auf einem Spaziergang durch Olten und lauscht ihren Gesprächen über Erinnertes und Gegenwärtiges, ihr „kreiselnder Dialog“ wird im nächsten Band fortgeführt. In der „Ballade vom Schneien“ schließlich wacht Bindschädler am Bett des sterbenden Baur, im letzten Band „Land der Winde“ trifft man Bindschädler am Grab des Freundes und wird Zeuge, wie er in sich die Erzählfäden der früheren Dialoge weiterspinnt.
In der Schweizer Provinz begegnet den Protagonisten und dem Leser das Einfache und Unscheinbare kunstvoll verwoben mit den großen Weltbewegungen, mit napoleonischen Schlachten, der russischen Revolution, und bedeutenden Werken der Kunst, Schostakowitschs Musik, Caspar David Friedrichs Gemälden und Romanen von Tolstoi und Claude Simon. Bei all dem geschieht so gut wie nichts. Meiers Bücher offenbaren "die Grossartigkeit des Geringen, die Ungewöhnlichkeit des Gewöhnlichen, die Vielfältigkeit des vermeintlich Gleichförmigen" (Peter Hamm).
Im Roman "Toteninsel" lässt der Autor Bindschädler auf die Frage nach der Funktion von Poesie antworten:

"Ich bemerkte zu Baur, dass die Poesie vielleicht als Spinne zu verstehen wäre, als Spinne in uns drin, die freilich nicht Schmeißfliegen zu fangen, sondern Fäden zu spannen hätte - zu den Dingen."

Dieses Jahr erschien die Tetralogie anlässlich des 90. Geburtstages des vielfach ausgezeichneten Autors neu in der Bibliothek Suhrkamp. Ebenfalls entstand der Schweizer Dokumentarfilm „Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot“ von Friedrich Kappeler, der zurzeit in den Schweizer Kinos zu sehen ist.
In der obigen Prosaskizze deutet sich bereits der spätere Stil Meiers an, der sich u.a. durch raffiniert gestaltete Wiederholungen, auch über sein gesamtes Werk hinweg, auszeichnet.


Veröffentlichung der Prosaskizze mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Werke in 3 Bänden. Band 1. Zytglogge Verlag, Gümlingen 1987.
Fotografie von Udo Wenzel.




Montag, 15. Oktober 2007

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 3

Ningen – Welt der Menschen


Haiku


どしゃ降りの身体の中に町黒く 
dosyaburi no karada no naka ni machi kuroku

von Ogawa Sôsôshi


Übersetzungen



Starker Regen
im Inneren des Körpers
die dunkle Straße


[heavy rain
within the body
dark street]


Muki-Kategorien


人間 (にんげん)ningen: Welt der Menschen
身体 (しんたい) shintai: Körper (gegenständlich)
体(からだ) karada: Körper (allgemeine Verwendung)


Bild


Das fiktive Subjekt streift bei starkem Regen durch eine Straße, ohne Schirm, traurig, hilflos und bedrückt. Die Straße ist ebenso finster (und wahrscheinlich ebenso verlassen) wie die Stimmung des Subjekts.

Interpretation 1


Obwohl der Ausdruck „starker Regen“ verwendet wird, regnet es nicht tatsächlich; vielmehr verweist das Haiku auf die Tränen des fiktiven Subjekts und seinen Kummer. Seine „dunklen“ inneren Emotionen führen zur Wahrnehmung einer ins Dunkel getauchten Straße.

Interpretation 2


Es regnet in Strömen, das fiktive Subjekt schluchzt. Die Straßenszene verknüpft diese starke Empfindung mit dem starken Regen. Das fiktive Subjekt erlebt seine Vision ganz körperlich, im Inneren seines Leibes. Die sonderbare Überlagerung der inneren Empfindungen und der äußeren Szene intensiviert die düstere Stimmung dieses Haiku.

Kulturelle Anmerkung 1


In Japan existieren mehrere Wörter mit der Bedeutung „Körper“. Das Kanji "身体" wird shintai ausgesprochen und hat eine medizinisch-wissenschaftliche (sachliche) Färbung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass shintai eine Länge von 4 Moren (on) hat. Würde das Kanji auf diese übliche Weise ausgesprochen, ergäbe es einen extra Ton und ein Haiku mit 18 Moren. Es existiert ein anderes, gebräuchlicheres Kanji für Körper, nämlich "体", das karada ausgesprochen wird. Es hat drei Moren und passt von daher in die Haiku-Form mit 17 Moren. Indem die ungewöhnlichere, spezialisierte Wortverbindung shintai verwendet wurde, verstößt das Haiku gegen die 17 Moren-Regel, zugleich führt der Autor den Leser auf geschickte Weise an das Konzept des Kanji karada heran. Das Beispiel zeigt eine Weise dichterischer Kreativität, die die spezifischen Vorstellungsqualitäten in den japanischen Kanji zum Einsatz bringt. Dadurch entstehen mittels der Verbindung zweier Kanji zwei unterschiedliche Vorstellungen. Uns wird sowohl das Bild eines menschlichen Körpers als das auch einer eher nüchternen Empfindung vermittelt. Das dient in diesem Kontext dem Ausdruck einer subjektiven Melancholie, die zugleich eine kühle (sachliche, wissenschaftliche) Nuance aufweist.

Kulturelle Anmerkung 2


Es wurde das Kanji 町 verwendet, doch existiert noch ein anderes Kanji derselben Aussprache, 街 (machi). Beide, sowohl 町 als auch 街 bedeuten mit leichten Nuancen „Stadt“. 町 wird für einen Gemeindebezirk verwendet, während 街 einen Innenstadtbereich kennzeichnet, in dem viele Menschen, Läden und Restaurants zu finden sind. Mittels der Verwendung von 町 statt von 街 zeigt das Haiku ein fiktives Subjekt, das sich in seiner eigenen gewohnten Umgebung aufhält; deshalb wurde diese Übersetzungsweise von "Straße" gewählt. Bemerkenswert ist auch die Verwendung von 町 an Stelle von machi (lit. 'Straße'), weil dabei im Japanischen automatisch auch die Nebenbedeutungen 'Weg', Pfad oder Richtung mitschwingen.




Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 ...
Folge 2 ...



Nächste Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 15.12.2007

Montag, 1. Oktober 2007

Lässliche Sünden

von David Cobb

Wir Haikupoeten brechen gelegentlich beinahe in Streit darüber aus, welche und wie viele Methoden der Dichtkunst im Haiku verwendet werden dürfen. Man wünscht, die Unschuld und Natürlichkeit unserer Spezialität nicht zu gefährden. Welche dieser Tricks passen gut zum Haiku, was denken Sie?

Reim? Stabreim? Assonanz? Anspielung? Zitat? Personifizierung? Lautmalerei / Onomatopöie? Rhetorische Fragen? Apostrophe? Gleichnis? Metapher? Metrum?
Geständnis: ich habe neulich auf ganz spontane Art ein Haiku geschrieben, in dem auf einmal FAST ALLE zum Vorschein kommen! Mir wurde dieses Vergehen erst später gewahr.

Original-Haiku:



so this is what you do,
O breath of autumn's being ―
        bash trash can lids?



Deutsche Fassung:


so etwas tust du,
O Herbstes Atemzug ―
        schmeisst Eimerdeckel?

Die zweite Zeile des Haikus zitiert die erste Zeile eines berühmten Gedichts von Shelley: O wild West Wind, thou breath of Autumn's being. Also, auf einen Schlag Zitat, Anspielung, Apostrophe und Personifizierung. Ein Stabreim ist auch vorhanden: breath, being, bash. Ebenso ein Reim: bash. trash. Dazu noch Assonanz: bash, trash, can. Bash und trash sorgen auch für Onomatopöie. Bash trash can lids gilt als Metapher für 'blinde Zerstörungswut'. Ein leicht-jambisches Metrum ist ebenfalls dabei, zugleich noch ein ungewöhnlicher Doppel-Spondäus. Es endet mit einem rhetorischen Fragezeichen.

Vergeben Sie mir bitte meine Sünden, aber ich bin ziemlich stolz darauf ― nicht weil ich so viele Kniffe hineingestopft habe, sondern weil sich mir das Ganze irgendwie leichtherzig ins Herz prägt, mir etwas Prägnantes über den Herbst sagt.

Folgendes muss ich aber zugeben: am Anfang hatte ich als letzte Zeile geschrieben, hurl dust bin lids. Dann hat mich der amerikanische Begriff trash can verführt, wegen der Onomatopöie; es ist das einzige Mal in meinem Leben, dass ich einem amerikanischen Begriff den Vorzug gegeben habe. In der Endfassung bin ich, an Stelle von bash, auf hurl zurückgekommen. Nur weil dieses Wort präziser ist, nicht weil ich einen Reim usw. vermeiden wollte.

Schade? Was meinen Sie?





Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright bei David Cobb, Essex.

David Cobb, geb. 1926, Mitbegründer und ehemaliger langjähriger Präsident der „British Haiku Society“. Wohnhaft in Braintree, Essex, England. David Cobbs innovative Haiku und Haibun bestechen sowohl durch ihren hintergründigen Humor als auch durch ihren Anspielungsreichtum. Häufig enthalten sie eine Vielzahl an historischen und literarischen Verweisen. 2005 führte ich mit ihm ein Interview: “Haiku muss tanzen”.


Samstag, 15. September 2007

Lichtharfe

von Gerd Börner



Mitten in der Nacht werde ich wach. Es ist stockdunkel. Ich richte mich auf und strecke eins nach dem anderen die Beine aus dem Bett - erwarte die rauen Dielen unter meinen Füßen. Aber da ist kein Fußboden – es ist, als hingen meine Beine in der Luft oder als wäre das Bett plötzlich zu hoch. Ich lasse mich einfach aus dem Bett gleiten und stürze in einen Schacht - zwar nicht sehr tief, doch zu weit, um wieder herausklettern zu können. Über mir ist es sonnenhell, und das obwohl der Schacht mit einem Gullydeckel verschlossen ist. Ich rufe laut, sehr laut. Erst passiert nichts. Dann erscheinen zwei Kinderköpfe über den eisernen Streben - vielleicht Jungen. Durch die parallelen Zwischenräume, durch die sonst das Regenwasser aus dem Rinnstein abfließt, lassen die Jungen je eine Taschenuhr an einer Schnur herab. Die Uhren ticken hörbar. Ich ziehe kräftig an der einen und schaue auf das Ziffernblatt. Die Zeiger der Uhr in meiner Hand rasen wie Windmühlen durch die Stunden. Im selben Moment wird die zweite Uhr nach oben gezogen und verschwindet rasselnd im Tageslicht.


Windwiesen
Gras aus der Zeit gerissen
und vergessen zu fragen



Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright bei Gerd Börner, Berlin.
Zur Homepage von Gerd Börner


Samstag, 1. September 2007

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 2

Chiri - Geographie


Haiku


少年のバイク ダム湖を傾けて  
shônen no baiku damu-ko o katamukete

von Miyoshi Yashuko


Übersetzungen



Ein Jugendlicher auf einem Motorrad:
der Stausee kippt


[a youth on a motorcycle:
the dammed lake tilts]


Muki-Kategorie


地理(ちり)  chiri: Geographie
湖沼 (こしょう) koshō: See, Teich, Sumpf
ダム湖〔だむこ〕 damu-ko: Stausee


Bild


Ein junger Mann fährt mit seinem Motorrad um einen Stausee. Als er in eine enge Kurve fährt, lehnt er sich mit dem Motorrad zur Seite. Aus seiner Sicht scheint nun das Wasser des Stausees zu kippen.

Interpretation 1


Zwar gerät eigentlich der Jugendliche in Schieflage, doch besagen die Worte des Autors, dass es der Stausee ist, der von ihm gekippt wird. Es scheint, als versuche der junge Mann etwas zu widerstehen – einer starken Kraft, einem Naturgesetz. Auch führt die Fahrt nicht um einen natürlichen See, sondern um den Damm eines künstlich angelegten Stausees. Ein Damm ist eine Mauer, die Wasser am Fließen hindert. Die Mauer steht für die erstarrte Gesellschaft, in der der Junge aufwächst. Das Gedicht versinnbildlicht den aufsässigen Geist eines Jugendlichen, der der Erwachsenenwelt gegenübersteht und seinen Versuch, diese Gesellschaft herauszufordern und zu stören.

Interpretation 2


Ein Jugendlicher rast unbesorgt auf seinem nicht allzu großen Motorrad (max. 400 Kubik) durch das Grün der Wald- und Seenlandschaft. Er durchquert ein tiefgelegenes Tal, danach umrundet er einen Stausee. Die Strasse windet sich, doch eignet sie sich gut zum Motorradfahren. Er lehnt das Motorrad mit seinem Körper in eine Kurve; im Gefühl hoher Geschwindigkeit scheint nun das Wasser des Stausees geneigt zu sein. Der Fahrer fährt hart am Limit seiner Steuerungsfähigkeit. Eine unbekümmerte und hitzige Fahrt, wie auch das Haiku schrill und voller Energie ist.

Interpretation 3


Das Haiku deutet die unbeschränkten Möglichkeiten des jungen Fahrers an, bringt doch das Subjekt, 'des jungen Fahrers Motorrad', einen See – also ein viel größeres Objekt als der Jugendliche selbst - zum Kippen. Der Ehrgeiz des jungen Mannes wird deutlich erkennbar.




Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 ...


Nächste Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 15.10.2007

Mittwoch, 15. August 2007

Wäsche ...


ein Foto-Haiku von
Udo Wenzel









Mittwoch, 1. August 2007

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort


Die japanische Gendai Haiku Kyokai (Modern Haiku Association) veröffentlichte im Juni 2004 ein neuartiges fünfbändiges Saijiki (Jahreszeitenwörterbuch), in dem ca. zehntausend Haiku präsentiert werden. Wie der ehemalige Präsident der Gendai Haiku Kyokai Tôta Kaneko (geb. 1919) im Vorwort erläutert, unterscheidet es sich grundlegend von herkömmlichen Jahreszeitenwörterbüchern. Zum einen wurden die Kigo (Jahreszeitenwörter) durchgehend auf Basis des heutigen gregorianischen Kalenders zu kategorisieren versucht, was bei einigen Kigo zu einem Wechsel der Jahreszeitenzuordnung führte. Ziel war es, die kigo stärker an die tatsächliche Erfahrung anzupassen. Aus diesem Grund wurde zusätzlich eine neue Kategorie eingeführt, so genannte tsûki kigo. Das sind kigo, die nicht eindeutig einer bestimmten Jahreszeit zuzuordnen sind (z.B. Sushi, Sumo, Seife, Seifenblasen etc.).
Außerdem enthält das Saijiki erstmals in der Geschichte des Haiku einen umfassenden Band mit Haiku, die überhaupt keiner Jahreszeit zugeordnet werden können, weil sie weder kigo noch Jahreszeitenbezug enthalten und die damit der Forderung des so genannten traditionellen Haiku nicht entsprechen. Diese Haiku ohne kigo werden als Muki Haiku bezeichnet, der Band Muki Saijiki.

Das Muki Saijiki ist in 6 Kategorien gegliedert: natürliche Phänomene, Geographie, Welt der Menschen, Leben, Kultur, Pflanzen und Tiere. Dr. Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa and Tomoko Takaki von der Universität Kumamoto stellten in einem Artikel für „Simply Haiku“ exemplarisch ein Haiku jeder Kategorie vor und interpretierten es. Mit der freundlichen Genehmigung von Richard Gilbert wurden die Beispiele von mir übersetzt, sie erscheinen als Fortsetzung im Laufe des Jahres hier im Taubenschlag und auch in Sommergras, der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft (DHG).


1. Tenmon - natürliche Phänome



Haiku


人を待つ影が来て影ふんでゆく  
hito o matsu kage ga kite kage funde yuku

von Ichihara Masanao


Übersetzungen



Während des Wartens -
Schatten treten
auf Schatten


Des Wartenden Schatten
vorbei die Schatten
vorbei



[while waiting –
shadows tread
on shadow

whose waiting shadow
passes shadows
passing]


Muki-Kategorie


天文(てんもん) tenmon: natürliche Phänomene
影(かげ) kage: Schatten
影法師 (かげぼうし)kage-bôshi:
menschliches Schattenbild/Silhouette


Bild 1


Das fiktive Subjekt wartet auf jemanden an einem überfüllten Platz. Fremde kommen und gehen. Sie treten auf Schatten – auf die Schatten des fiktiven Subjekts und ebenso jedes anderen Schattens.


Bild 2


Eine Person wartet seit langem vergeblich auf die Ankunft von jemandem. Fremde nähern sich und gehen vorüber. Dabei treten sie auf den Schatten des Wartenden. Der Erwartete kommt niemals an, der Protagonist wartet und wartet.

Interpretation


1. Möglicherweise befindet sich das fiktive Subjekt in einem Bahnhof. Leute gehen ihres Wegs, kümmern sich nicht um einander, sie „übergehen“ die Schatten der anderen. Vielleicht kommen sie, wie das fiktive Subjekt, zu einer Verabredung. All diese Leute sind lediglich Schatten. Man erinnert sich an Ezra Pounds Gedicht:

In einer Metrostation
Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Zweig.

Nur das fiktive Subjekt findet einen Augenblick der Ruhe und wird sich der umhertretenden Schatten bewusst. Es hat den Anschein, dass das Gedicht nahelegen möchte, sich Zeit zu nehmen, im gegenwärtigen Moment innezuhalten, um die Welt in einem anderen Licht sehen zu können. Das Haiku enthält eine philosophische Ausrichtung, die Platons Wahrnehmungstheorie gleicht. Nichts in dieser Welt ist wirklich, die Dinge, die wir sehen, scheinen nur Schatten der tatsächlichen Realität zu sein. Der Gebrauch von „Schatten“ impliziert den Schatten an der Wand von Platons Höhle.

2. Das fiktive Subjekt ist traurig und einsam, weil die erwartete Person nicht kommt und die Anderen gehen vorüber ohne von ihm Notiz zu nehmen. Als es seinen eigenen Schatten sieht, der von den Anderen übergangen wird, fühlt es sich, als würde sein Herz mit Füßen getreten.

Kulturelle Anmerkungen

Das kage-fumi („Schatten-treten“) Spiel
Als Kinder spielten wir das kage-fumi Spiel. Ein Abklatschspiel, der Jäger muss auf den Schatten eines anderen Spielers treten, um mit ihm den Platz tauschen zu können. Das in Ostasien verbreitete Kinderspiel wird gewöhnlich am späten Nachmittag oder in der Dämmerung gespielt, wenn die Schatten lang werden. Japanische Erwachsene werden sich an dieses Spiel mit kindlicher Freude erinnern, indes hat es auch althergebrachte magische Wurzeln. In alter Zeit existierte der Glaube, unsere Schatten seien der Beweis für die Existenz der Seele. Demzufolge könnte man sterben, wenn der Schatten gestohlen wird – werden unsere Schatten undeutlich, zeigt dies den nahenden Tod an. Selbst heute noch spüren wir die spirituelle Aura und Bedeutung der Schatten – sie sind mehr als ein reines Lichtphänomen. Darüber hinaus gilt die Dämmerung als eine geheimnisvolle Zeit zwischen Tag und Nacht, so dass es auch ein Fluch werden kann, wenn man auf den Schatten eines Anderen tritt: eine Art von mitfühlender Magie.
Die bildhafte Darstellung der „menschlichen Schatten/Silhouetten“ erinnert auch an das klassische Haiku-Thema kagebôshi (die Silhouette).

Die Farbe Orange
Für manche Japaner evoziert dieses Haiku ein inneres Bild der Farbe Orange, denn Kinder spielen am späten Nachmittag kage-fumi, wenn die Straße in das orangefarbene Licht der Dämmerung getaucht ist. Die Schatten der Dämmerung sind sehr viel länger als die der Mittagszeit, auch werden sie schwächer. Das erzeugt die Farbe Orange. Da dies die Zeit des Nachhausegehens ist, ist auch ein vielschichtiges Gefühl der Melancholie, gepaart mit Leichtigkeit, wahrnehmbar, sobald die Bilder nebeneinander gestellt werden.



Nächste Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 01.09.2007

Freitag, 13. Juli 2007

Treiben


Ein Rengay von
Horst Ludwig und Udo Wenzel



Sich treiben lassen -
Himmel und Wasser leuchten
unerbittlich blau.


Rekordtemperaturen
zunächst. Jetzt dieser Regen!


Nachts hageln Bomben
auf die erblindete Stadt,
in Schutt und Asche.


Die alte Elfe
schwermütig erhebt sie sich
in den nächsten Tag.


Ein Neugeborenes schreit.
Immer wieder ein Wunder!


Und zur Taufe kommen
Verwandte aus aller Welt.
Man kann's kaum glauben.



(Udo Wenzel: 1, 3, 5; Horst Ludwig: 2, 4, 6)


Die Wendung unerbittlich blau habe ich der deutschen Übersetzung von Antonio Tabucchis Erklärt Peirera zu verdanken, in der ich den Satz fand: "Der Himmel über seinen Augen war von einem unerbittlichen Blau.".




Horst Ludwig, geb. 1936, Associate Professor of German am Gustavus Adolphus College in Minnesota, USA. Mitglied im Pegnesischen Blumenorden von 1644, in Haiku-Gesellschaften verschiedener Länder und in einigen literarischen und sprachwissenschaftlichen Vereinigungen.
Horst Ludwig veröffentlichte 1981 Wind im Bambusspiel: Sechsunddreißig Haiku, 1991 mit einer englischen Übersetzung von Nancy Hanson Nash neu aufgelegt. Zwölf Monde - Twaalf manen. Eine zweisprachige Rengeeserie (gemeinsam mit Max Verhart 2005). 1993 erhielt er den Robert-L.-Kahn-Preis für den besten von einem Nordamerikaner auf deutsch verfaßten lyrischen Text. Seine deutschen und englischen Texte in den traditionellen japanischen Gedichtformen sind in mehrere Zeitschriften aufgenommen worden; einige davon gewannen Preise und wurden auch anderweitig anerkannt und besprochen. Er widmet sich auch der Partnerdichtung japanischer Tradition, oft über Sprachgrenzen hinweg, und leitet Kasen in deutscher Sprache.


Sonntag, 1. Juli 2007

Juliltag



Bevor der Abend kommt

üben die Schwalbenjungen den Flug.

Nichts Schöneres läßt sich

behalten von diesem Tag.



von Hans Bender


Prof. Dr. h.c. Hans Bender, geb. am 1.Juli 1919, war nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zunächst alleiniger Herausgeber der Literaturzeitschrift Konturen. Er gehört zu den prägenden Gestalten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. 1954 gründete er gemeinsam mit Walter Höllerer die Folgezeitschrift Akzente, die zu einer der renommiertesten literarischen Zeitschriften in Deutschland avancierte. Er leitete sie bis 1980 als verantwortlicher Redakteur. Hans Bender ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, der Freien Akademie der Künste Mannheim sowie der Akademie der Künste Berlin, Sektion Literatur. Er schrieb zwei Romane, zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten und gilt auch wegen seiner Herausgeberschaft von repräsentativen Prosa- und Lyrik-Anthologien als wichtiger Literaturvermittler.
Hans Bender veröffentlichte in den letzten Jahren mehrere Bände mit eigenen Vierzeilern, die in ihrer klaren und lakonischen, doch warmherzigen Sprache zuweilen an Haiku erinnern.
Der jetzige Akzente-Herausgeber Michael Krüger schrieb im Nachwort des Buches "Postkarten aus Rom": "Wenn man am Ende der Welt einen Kenner der deutschen Literatur trifft, wird man mit ziemlicher Sicherheit nach Hans Bender gefragt."
Hans Bender lebt und arbeitet in Köln.









  Verweilen, gehen - weißt du es nicht? - es ist dasselbe.
                                                           Umberto Saba



Gedicht "Julitag" aus:
Hans Bender. Verweilen, gehen.
Gedichte in vier Zeilen.
Rimbaud Verlag, Aachen 2003.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Fotografie von Udo Wenzel


Freitag, 15. Juni 2007

Gendai Haiku: Zweite Folge







 hizakari no kono yo o sugite chô kieshi



 Pralle Sommersonne

 diese Welt hinter sich lassend

 verschwindet ein Schmetterling


 (Hasegawa Kai)




Das Haiku von Hasegawa Kai wurde von Dr. Robert F. Wittkamp übersetzt. Richard Gilbert und Itô Yûki haben es ursprünglich auf der Gendai-Haiku-Seite wie folgt ins Englische übertragen:

high noon in this living world a butterfly disappears

Mittag in dieser lebendigen Welt verschwindet ein Schmetterling


Die beiden Übersetzer hatten sich zunächst für eine einzeilige Darstellungsweise entschieden, da Hasegawa Kai während des Interviews seine Ablehnung von „realistischen Haiku", die er abwertend als „Ramsch-Haiku“ bezeichnet, bekundet hat. Durch die einzeilige Darstellung erhalten Syntax und Bedeutung eine gewisse Unschärfe, weil der Mittelteil sowohl in Verbindung mit dem Anfang als auch dem Ende einen Sinnbezug ergibt.

Die deutsche Übersetzung von Robert F. Wittkamp folgt dieser Auffassung nicht. Das Haiku ist in 5-7-5 Moren geschrieben, die Aufteilung sei im Japanischen klar ersichtlich. Im Zuge der momentan stattfindenden Diskussion wurde die Übersetzung von Richard Gilbert noch einmal verändert. Diese Diskussion dauert noch an...

Diese und weitere Haiku-Übersetzungen der gendai haijin werden demnächst auf der deutschsprachigen Gendai-Seite veröffentlicht werden, weitere englische Übersetzungen von Richard Gilbert und Itô Yûki stehen bereits auf der englischsprachigen Seite. Außerdem sind inzwischen drei weitere Flash-Videos mit deutschen Untertiteln anklickbar, in denen die bisherigen Interviews fortgeführt werden.

Hasegawa Kai erläutert die Funktion des „Schneidens“ (kire) im Haiku. Allgemein bekannt sind die sogenannten kireji (Schneidewörter) wie z.B. ya, kana oder keri, die bei einer Übersetzung ins Deutsche oft mit einem Gedankenstrich, einem Ausrufezeichen, einem ‚ach’ oder ‚oh’ umgesetzt werden. Weniger bekannt wird sein, dass die meisten Haiku drei Schnitte aufweisen.
Der Autor erachtet ein richtiges Verständnis des kire für notwendig, um Bashôs berühmtes Frosch-Haiku und die Haiku-Dichtung überhaupt verstehen zu können.


Hoshinaga Fumio, dessen Werk deutliche Bezüge zum Shintô aufweist, geht auf die Bedeutung der kami, der japanischen Gottheiten ein. Die kami mit ihrem starken Naturbezug werden nicht als abgetrennte Einzelwesen betrachtet, die von ihrer Umgebung isoliert sind; sie seien imstande nicht nur den gesamten Ort, sondern beispielsweise auch die Besucher eines Schreins, eines heiligen Festes o.ä. zu erfüllen. Hoshinaga Fumio deutet an, wie auch heute noch der Glaube an die kami gegenwärtig ist und in seine Dichtung Eingang findet.


Tsubouchi Nenten weist auf die Wichtigkeit der Verwendung von Pseudonymen (haigô) in der japanischen Haiku-Tradition hin. Unter dem Einfluss der Moderne verlor diese Art der Maskierung an Bedeutung; Nenten plädiert für eine Rückbesinnung. Er zeigt, wie wichtig haigô auch für Masaoka Shiki, den Erfinder des modernen japanischen Haiku war. Die vielen von ihm verwandten Masken sind auch Ausdruck eines spielerischen, leichten Verständnisses der Haiku-Dichtung. Ein Verständnis, das Nenten zufolge zugleich ein anderes Verständnis von Shikis poetologischem Begriff ‚shasei’ (Skizze aus dem Leben) nahe legt.


Die Folge 1 befindet sich im Archiv (Monat Mai).




Ausblick: Im Juli wird u.a. ein Vierzeiler von Hans Bender erscheinen. Mehr zum modernen japanischen Haiku am 1.8.2007 mit einem Beitrag zu dem paradoxen ’Muki-Saijiki’. Dieser ungewöhnliche Band eines insgesamt fünfbändigen Jahreszeiten-Wörterbuches, 2004 in Japan von der „Modern Haiku Association“ herausgegeben, stellt Haiku ohne Jahreszeitenbezug vor und kategorisiert sie.

Freitag, 1. Juni 2007


Ein Tanka von Ingrid Kunschke








Ungewohnt,  

die weichen Pastelle  

aber langsam  

lege ich Ton über Ton  

Leben in deine Züge  






(Ingrid Kunschke)  








Ingrid Kunschke, geboren 1962 in den Niederlanden, lebt zwischen Weser- und Wiehengebirge. Sie schreibt Tanka, Haibun und Haiku; vielfach ausgezeichnet. Betreiberin der wohl umfangreichsten deutschsprachigen Website zum Thema Tanka im Internet:  Tankanetz.





Dienstag, 15. Mai 2007


Gendai-Haiku:
das zeitgenössische Haiku Japans



haru wo neru yabure kabure no yo u ni kaba


Im Frühling
 
sich niederlegen, verzweifelt  
 
wie ein Flusspferd


(Tsubouchi Nenten)


Einführung:

Im deutschsprachigen Raum war die Rezeption des japanischen Haiku lange Zeit weitgehend auf die Klassiker und ihre Schüler beschränkt. Vom gegenwärtigen Haikuleben Japans ist am ehesten noch das so genannte traditionelle Haiku bekannt. Mit der Veröffentlichung von Teilen eines Buches von Inahata Teiko wurden vom Hamburger Haiku Verlag in "Welch eine Stille!" Eckpunkte der Haiku-Lehre des Wegbereiters des traditionellen Haiku Takahama Kyoshi präsentiert. Aber wie ist es mit dem Haiku, das sich nicht an den Vorgaben der Traditionalisten orientiert, dem modernen Haiku? Der Japanologe Dr. Robert F. Wittkamp zeigte in seinem Buch "Santôka. Haiku, Wandern, Sake" (1996) den Dichter Santôka Taneda (1882-1940) als einen Meister der Lautmalerei in der Tradition des Hyôhaku (stetes Getriebensein).
Doch das zeitgenössische Haiku, das Gendai-Haiku (gendai: zeitgenössisch, modern) ist im Westen großteils unbekannt. Die Geschichte des Gendai-Haiku beginnt mit der Modernisierung dieser dichterischen Form durch Masaoka Shiki (1867-1902). Die Auseinandersetzung seiner beiden wichtigsten Schüler, Takahama Kyoshi und Kawahigashi Hekigotô, spaltete zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Haiku-Leben Japans. Hekigotô trat für eine Erneuerung der Haiku-Ästhetik ein und für eine Abkehr von den starren Regeln, Kyoshi erfand im Gegenzug das „traditionelle Haiku", opponierte gegen die Modernisierung und erreichte als Herausgeber der einflussreichen Haiku-Zeitschrift hototogisu die Vorherrschaft im japanischen Haiku-Leben. (siehe meinen Aufsatz: "Haiku am Scheideweg") Auch wenn das traditionelle Haiku heute noch zahlenmäßig in Japan überwiegt, ist das Gendai-Haiku, das die traditionellen Regeln variiert oder gar negiert, eine wichtige und innovative Kraft. Die Gendai Haiku Kyokai (Modern Haiku Association) wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Von Anfang an waren Offenheit und Freiheit des Ausdrucks zentrale Prinzipien. Die Dichter-Vereinigung fördert die ganze Vielfalt der modernen Haiku-Dichtung, auch solche, die an den Regeln des Einsatzes von 5-7-5 Moren oder an der Verwendung eines kigo (Jahreszeitenwort) festhalten.


Welche Diskussionen werden im Gendai-Haiku geführt, welche Positionen finden sich dort, wo sich die Bande zum klassischen Haikai gelöst oder zumindest gelockert haben? Welche ästhetischen Stile und Begriffe werden verwendet? Wer sind die wichtigsten Vertreter und welche Haiku schreiben sie?

Dr. Richard Gilbert von der Universität Kumamoto hat innerhalb eines Studienprojekts mehrere Interviews mit Autoren des modernen Haiku geführt und diese auf Video aufgezeichnet. Seit Mai 2007 präsentiert er erste Teile auf einer Website: www.gendai-haiku.com. Bis zum Jahr 2008 soll das Archiv vervollständigt werden. Die Interviews wurden mit englischen Untertiteln versehen. Die jeweiligen Galerieseiten der Dichter werden nach und nach um weitere Interviewteile und auch um Übersetzungen von Haiku ergänzt.

Ich habe in Zusammenarbeit mit Richard Gilbert eine deutschsprachige Spiegelseite erstellt. Texte und Untertitel der Flash-Videos wurden von mir aus dem Englischen übersetzt. Ich werde diese Seite sukzessive ergänzen. Ich suche zurzeit noch Unterstützung für die Überprüfung der Übersetzungen, da naturgemäß über den Umweg der englischen Sprache mehr verloren geht, als dies bei einer direkten Übertragung der Fall wäre.


Erste Folge:


Dr. Richard Gilbert im Gespräch mit Tsubouchi Nenten, Hasegawa Kai und Hoshinaga Fumio



Der gendai haijin Professor Tsubouchi Nenten erörtert den Begriff katakoto, ein Begriff aus der japanischen Ästhetik, den er als eine grundlegende Quelle der japanischen Haiku-Kreativität betrachtet.



Professor Hasegawa Kai, Autor von über 20 Büchern zur Haiku-Poetik, preisgekrönter Dichter und Juror, spricht über Bashôs berühmtes Frosch-Haiku. Die Bemerkungen sind der Auftakt zu einer längeren Vorlesung.


Hoshinaga Fumio ist einer von 12 Autoren, die als herausragende nationale Gendai Haiku-Dichter gewählt wurden. Er erklärt die Vorstellung des kotodama shinkô, die geheimnisvolle Kraft der Sprache, eine Idee, die modernisiert in seine Dichtung Eingang gefunden hat und die er als bedeutende "Sensibilität" der japanischen Kultur erachtet.



Nächste Folge zum Gendai-Haiku am 15. Juni 2007.

Dienstag, 1. Mai 2007


das Wort & es werde






Die Libelle jagt


ihren eigenen Schatten -


längs des Flusslaufes




Haiku: Helmut Hannig

Kalligraphie: Wang Ning



Helmut Hannig, geb. 1939 im Sudetenland; Schule und Ausbildung ab 1946 in Westdeutschland. Wesentliche Berufsjahre im medizinisch-wissenschaftlichen Außendienst der Pharmaindustrie.

Verschiedene Ausstellungen und Publikationen ab 1988.

Gründungsmitglied von Club Forum Literatur, Ludwigsburg und deren Literaturpreisträger 2005; Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband FDA e.V. und Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V.


"das Wort & es werde" ist Helmut Hannigs jüngste Publikation. Es handelt sich um ein stilvoll gestaltetes Buch, das aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil, das Kunstbuch in Fadenheftung enthält sechsundzwanzig Holzschnittmotive (Ulme), die "das Wort" in multilingualen Ausdrucksformen von Sprachschriften aus unterschiedlichen Kulturen und Jahrtausenden zeigen. Der zweite Teil "es werde" besteht aus dreiunddreißig Einzelblättern, darunter achtzehn Holzschnitten (Esche), die eine graphisch-abstrahierte Bildfolge zu den sechs Themen Licht, Luft, Wasser, Erde, Feuer und Geist enthalten. Auf weiteren Blättern finden sich Gedichte, mehrsprachige Typographien und Kalligraphien.

Beide Teile sind in einer Kassette aus Fichtenholz aufbewahrt. Die sechsundsechzig existierenden Exemplare sind nummeriert und signiert.

Das Werk ist zur Zeit in den Ausstellungsräumen der Galerie am Michel in Hamburg, Krameramtsstuben Ulrike Haase-Remé am Krayenkamp 10 zu besichtigen.
Öffnungszeiten: Mo-So 11-18 Uhr.


Aufnahme von der Vernissage am 29.März 2007.


Am 10. Mai 2007 um 19:30 Uhr liest dort Helmut Hannig aus seinen Publikationen Prosa und Lyrik.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright für Bild und Text bei Helmut Hannig, Gutenbergstraße 8, D-77815 Bühl. Tel. 07223-952025.

Weitere Infos: www.helmuthannig.info



Sonntag, 15. April 2007



 Ein Frühlingshaiku

 von Uejima Onitsura




 Skelette,
 
 geschminkt und herausgeputzt, 
 
 bewundern die Blüten


 gaikotsu no ue wo yosoite hanami kana




1718 datiert; das Jahreszeitenwort ist "Blütenschau" (hanami). Diesem Gedicht, dem vielleicht bekanntesten und am häufigsten zitierten Vers Onitsuras, ist folgende Vorbemerkung vorangestellt: "Da es Verblendung gibt, gibt es auch die verschiedenen Lebewesen." Hier wird bezug genommen auf die buddhistische Lehre, daß die "Verblendung" (jap. bonnô, d.h. Gier, Zorn etc.) die Kausalfolge in Gang hält und zu immer neuen Wiedergeburten (Blühen und Vergehen) im Kreislauf des Seins führt. Das barocke Vanitas-Bild reduziert die herausgeputzten Spaziergänger auf ihre Sterblichkeit und wiederholt damit die sich - in der japanischen Tradition - bei dem Wort "Blüten" (hana) nahezu automatisch einstellende Assoziation mit dem Wort "herabfallen" (chiru).


Uejima Onitsura (1661-1738; der Familienname gelegentlich auch Ueshima oder Kamishima gelesen) führte auch den Namen Fujiwara Munechika, als Haikai-Dichter nannte er sich einfach "Onitsura". Onitsura verschwindet etwas im Schatten seines großen Zeitgenossen Bashô, hat aber einen durchaus selbständigen Beitrag zur Reform der Haikai-Dichtung geleistet. Als Kaufmann und Verwaltungsbeamter in der Dichtung sein Leben lang Amateur, überwand auch er die Tendenz zum virtuosen, gelegentlich vulgären Wortspiel der vorangegangenen Danrin-Schule und erreichte eine neue Einfachheit und einen neuen Ernst. Seinem bekanntesten Werk, der essayhaften Schrift Hitorigoto (1718) zufolge erreichte er 1685 die Einsicht: "Außerhalb der Aufrichtigkeit gibt es keine Haikai".


Übersetzung und Begleittext:
Prof. Dr. Wolfgang Schamoni

mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers


Erstveröffentlichung in:
Hefte für ostasiatische Literatur Nr. 23.
November 1997; München, S.75f.
Bezugsadresse: iudicium Verlag




Fotografien von Udo Wenzel


Sonntag, 1. April 2007

Froschteich

von Willy Puchner



Jede freie Minute verbringe ich an einem Froschteich: Ein Gewässer ohne Zufluß, ein von Natur aus gewachsenes Paradies. Irgendwo in Wien zwischen der Oberen und Unteren Lobau. Dieser Ort ist für mich ein Refugium, eine Art geheimer Schlupfwinkel. Hier bin ich umgeben von Sumpfkresse, Brennessel, wilder Minze, geruchloser Kamille und kleinblütigem Knopfkraut. Im Wasser grundeln Fische, auf dem Wasser spazieren Teichläufer, am Ufer hocken Frösche und Kröten. Wenn ich noch davon schreibe, daß ständig kleine und große Libellen an mir vorbeischwirren, ist die Idylle perfekt. Vor kurzem bin ich auch einmal erschrocken. Ich sitze auf meiner Luftmatratze und blicke gedankenverloren über das Wasser. Plötzlich sehe ich einen Meter von mir entfernt eine aufgerichtete Schlange. Ich springe von meiner Luftmatratze hoch und kurz darauf sitzt ein Frosch an meiner Stelle. Zitternd. Mit rasendem Herzklopfen. In dem Moment war mir bewußt, wie zerbrechlich Idylle ist. Auch ich war erregt. Hatte für Augenblicke Angst. Hatte Mitleid um das kleine ängstliche Wesen. Minuten später sprang der Frosch zurück ins Wasser.


(aus: Willy Puchner. Tagebuch der Natur. St. Pölten – Wien – Linz 2001. Niederösterreichisches Pressehaus)



Willy Puchner (Fotograf, Künstler, Schriftsteller, Reisender) wurde bekannt mit seinem Projekt "Die Sehnsucht der Pinguine". Vier Jahre lang reiste er mit zwei Pinguinen aus Polyester namens Joe & Sally durch die Welt und fotografierte sie vor berühmten Stätten unseres kulturellen Gedächtnisses: in New York, Sydney, Peking, Paris, Venedig, Tokio, Honolulu und Kairo. Die FAZ lobte den dazu erschienenen Bildband im Jahr 2001 als "das wohl schönste Reisefotoalbum des zwanzigsten Jahrhunderts". Das "Tagebuch der Natur" gehört zu Puchners Materialbänden, in denen er in handgezeichneten Bildern, Fotografien, kurzen Texten und Zitaten festhält, was ihm am Wegesrand begegnet. Der Titel seines neuesten Buches lautet: "Illustriertes Fernweh. Vom Reisen und nach Hause kommen".


Zur Homepage von Willy Puchner


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright für Bild und Text bei Willy Puchner, Wien.


Donnerstag, 15. März 2007



Schwarze Tasche


Er stieg wie immer
die schwarze Tasche
unter dem Arm
in den Bus


Sein Lächeln klebte
am falschen Platz


Dort hinten
wo die Krähe ihre
Flügel jetzt spreizt
fanden sie ihn


die Tasche neben ihm
leer


Donnerstag, 1. März 2007



Dem Wind antworten


Rühre dich nicht,
lass den Wind reden
(Ezra Pound, Cantos CXX)




   crest of the dune -
   a young woman whispers
   to the wind


 

       Dritter Preis im Kusamakura Haikuwettbewerb 2006




Mein Dank gilt David Cobb aus Essex für die freundliche Unterstützung bei der Übersetzung. Eine deutsche Variante wurde im Juli 2006 in der Haiku heute Monatsauswahl erstveröffentlicht:


Dünenkamm –
ein Mädchen spricht
mit dem Wind


Die Kusamakura Haiku-Competition gilt als eine der renommiertesten international ausgeschriebenen Haiku-Wettbewerbe Japans. Die Preise werden von der Stadt Kumamoto seit 1996 zu Ehren des bedeutenden japanischen Schriftstellers Natsume Sôseki (1867–1916) vergeben, der 100 Jahre zuvor in Kumamoto ankam, um an der dortigen High School zu unterrichten. Neben Ich, der Kater und Kokoro zählt der Künstlerroman Kusamakura (auf deutsch "Das Graskissen-Buch") zu Sôsekis wichtigsten Werken. Sôseki schrieb auch Haiku (der Roman enthält einige wenige) und war mit Masaoka Shiki, der das Haiku in die Moderne führte, eng befreundet.

Der Große Preis, Taishou, der letztes Jahr zum 11. Mal ausgeschrieben wurde, ist mit einer viertägigen Rundreise durch die Präfektur Kumamoto und 50.000 Yen dotiert. Er wurde am 26. November 2006 dem Nordamerikaner Thomas Heffernan überreicht. Sein Haiku lautet:



equinox
kayak paddling
two sides of dusk


Tagundnachtgleiche
Kajakpaddeln
zwei Seiten der Dämmerung

Bericht und Dankesrede von Thomas Heffernan


Neben dem Großen Preis werden 12 zweite Preise (Tokusen) zu je 5.000 Yen und 20 dritte Preise (Nyusen) zu je 1.000 Yen verteilt.Die von 1984 bis 2004 gedruckten 1.000 Yen Scheine zeigen das Abbild Natsume Sôsekis.





Offizielle Website des Wettbewerbs


Donnerstag, 15. Februar 2007



Schwimmen lernen


Wenn der Fluss einen Teil der Gartenanlage überspült, neigt sich der Winter dem Ende zu. Dieses Jahr stand bereits im Januar das Wasser knöcheltief. Zwei Tage und Nächte schneite es ohne Unterbrechung, danach wurde es wieder wärmer. Ein Schneemann harrte beinahe eine Woche im grünen Gras aus, bevor nur seine Nase, eine Biomöhre, und seine Kopfbedeckung, Töchterchens Töpfchen, zurückblieben.







Dann fällte der Orkan unsere Felsenbirne. Der Baum stürzte in Nachbars Garten, ohne etwas zu beschädigen. Ein Mann, den meine Tochter "Herr Radio" ruft, zersägte den efeuüberwucherten Doppelstamm. Aber die Wege waren so aufgeweicht, dass es einige Tage dauerte, bevor er weggeschafft werden konnte.







Der Blick von der Sitzecke führt nun geradewegs auf die Fassade des Hauses. Meine Frau überredet mich über eine Neubepflanzung nachzudenken. Stockrosen? Ein neuer Baum? Schilfrohr? Kinder rennen mit ihren Gummistiefeln durch die überschwemmten Gärten zum Fluss.


Die Bille hinab
fährt ein Boot
aus Borke

Auf dem Weg zurück in die Wohnung hole ich die Tageszeitung aus dem Briefkasten: „UNO prophezeit Horrorklima: Lernen Sie schwimmen“.



Die Bille (slaw. biely = "weiß") ist ein 65 km langer Fluss, der im Südosten Schleswig-Holsteins, östlich der Hahnheide bei Trittau, entspringt und an der Brandshofer Schleuse in Hamburg in die Elbe mündet.






Donnerstag, 1. Februar 2007










Ein Vogel fliegt auf.
Sein Schatten an der Hauswand
fällt in die Tiefe












a blackbird lifts off -  
its shadow on the wall  
drops deep behind it  



Erstveröffentlichung: Mainichi Daily News. 19.01.2004  




Dienstag, 16. Januar 2007




Erster Schnee -
nun bleibe ich
doch