Sonntag, 15. April 2007



 Ein Frühlingshaiku

 von Uejima Onitsura




 Skelette,
 
 geschminkt und herausgeputzt, 
 
 bewundern die Blüten


 gaikotsu no ue wo yosoite hanami kana




1718 datiert; das Jahreszeitenwort ist "Blütenschau" (hanami). Diesem Gedicht, dem vielleicht bekanntesten und am häufigsten zitierten Vers Onitsuras, ist folgende Vorbemerkung vorangestellt: "Da es Verblendung gibt, gibt es auch die verschiedenen Lebewesen." Hier wird bezug genommen auf die buddhistische Lehre, daß die "Verblendung" (jap. bonnô, d.h. Gier, Zorn etc.) die Kausalfolge in Gang hält und zu immer neuen Wiedergeburten (Blühen und Vergehen) im Kreislauf des Seins führt. Das barocke Vanitas-Bild reduziert die herausgeputzten Spaziergänger auf ihre Sterblichkeit und wiederholt damit die sich - in der japanischen Tradition - bei dem Wort "Blüten" (hana) nahezu automatisch einstellende Assoziation mit dem Wort "herabfallen" (chiru).


Uejima Onitsura (1661-1738; der Familienname gelegentlich auch Ueshima oder Kamishima gelesen) führte auch den Namen Fujiwara Munechika, als Haikai-Dichter nannte er sich einfach "Onitsura". Onitsura verschwindet etwas im Schatten seines großen Zeitgenossen Bashô, hat aber einen durchaus selbständigen Beitrag zur Reform der Haikai-Dichtung geleistet. Als Kaufmann und Verwaltungsbeamter in der Dichtung sein Leben lang Amateur, überwand auch er die Tendenz zum virtuosen, gelegentlich vulgären Wortspiel der vorangegangenen Danrin-Schule und erreichte eine neue Einfachheit und einen neuen Ernst. Seinem bekanntesten Werk, der essayhaften Schrift Hitorigoto (1718) zufolge erreichte er 1685 die Einsicht: "Außerhalb der Aufrichtigkeit gibt es keine Haikai".


Übersetzung und Begleittext:
Prof. Dr. Wolfgang Schamoni

mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers


Erstveröffentlichung in:
Hefte für ostasiatische Literatur Nr. 23.
November 1997; München, S.75f.
Bezugsadresse: iudicium Verlag




Fotografien von Udo Wenzel


Sonntag, 1. April 2007

Froschteich

von Willy Puchner



Jede freie Minute verbringe ich an einem Froschteich: Ein Gewässer ohne Zufluß, ein von Natur aus gewachsenes Paradies. Irgendwo in Wien zwischen der Oberen und Unteren Lobau. Dieser Ort ist für mich ein Refugium, eine Art geheimer Schlupfwinkel. Hier bin ich umgeben von Sumpfkresse, Brennessel, wilder Minze, geruchloser Kamille und kleinblütigem Knopfkraut. Im Wasser grundeln Fische, auf dem Wasser spazieren Teichläufer, am Ufer hocken Frösche und Kröten. Wenn ich noch davon schreibe, daß ständig kleine und große Libellen an mir vorbeischwirren, ist die Idylle perfekt. Vor kurzem bin ich auch einmal erschrocken. Ich sitze auf meiner Luftmatratze und blicke gedankenverloren über das Wasser. Plötzlich sehe ich einen Meter von mir entfernt eine aufgerichtete Schlange. Ich springe von meiner Luftmatratze hoch und kurz darauf sitzt ein Frosch an meiner Stelle. Zitternd. Mit rasendem Herzklopfen. In dem Moment war mir bewußt, wie zerbrechlich Idylle ist. Auch ich war erregt. Hatte für Augenblicke Angst. Hatte Mitleid um das kleine ängstliche Wesen. Minuten später sprang der Frosch zurück ins Wasser.


(aus: Willy Puchner. Tagebuch der Natur. St. Pölten – Wien – Linz 2001. Niederösterreichisches Pressehaus)



Willy Puchner (Fotograf, Künstler, Schriftsteller, Reisender) wurde bekannt mit seinem Projekt "Die Sehnsucht der Pinguine". Vier Jahre lang reiste er mit zwei Pinguinen aus Polyester namens Joe & Sally durch die Welt und fotografierte sie vor berühmten Stätten unseres kulturellen Gedächtnisses: in New York, Sydney, Peking, Paris, Venedig, Tokio, Honolulu und Kairo. Die FAZ lobte den dazu erschienenen Bildband im Jahr 2001 als "das wohl schönste Reisefotoalbum des zwanzigsten Jahrhunderts". Das "Tagebuch der Natur" gehört zu Puchners Materialbänden, in denen er in handgezeichneten Bildern, Fotografien, kurzen Texten und Zitaten festhält, was ihm am Wegesrand begegnet. Der Titel seines neuesten Buches lautet: "Illustriertes Fernweh. Vom Reisen und nach Hause kommen".


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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright für Bild und Text bei Willy Puchner, Wien.