Freitag, 13. Juli 2007

Treiben


Ein Rengay von
Horst Ludwig und Udo Wenzel



Sich treiben lassen -
Himmel und Wasser leuchten
unerbittlich blau.


Rekordtemperaturen
zunächst. Jetzt dieser Regen!


Nachts hageln Bomben
auf die erblindete Stadt,
in Schutt und Asche.


Die alte Elfe
schwermütig erhebt sie sich
in den nächsten Tag.


Ein Neugeborenes schreit.
Immer wieder ein Wunder!


Und zur Taufe kommen
Verwandte aus aller Welt.
Man kann's kaum glauben.



(Udo Wenzel: 1, 3, 5; Horst Ludwig: 2, 4, 6)


Die Wendung unerbittlich blau habe ich der deutschen Übersetzung von Antonio Tabucchis Erklärt Peirera zu verdanken, in der ich den Satz fand: "Der Himmel über seinen Augen war von einem unerbittlichen Blau.".




Horst Ludwig, geb. 1936, Associate Professor of German am Gustavus Adolphus College in Minnesota, USA. Mitglied im Pegnesischen Blumenorden von 1644, in Haiku-Gesellschaften verschiedener Länder und in einigen literarischen und sprachwissenschaftlichen Vereinigungen.
Horst Ludwig veröffentlichte 1981 Wind im Bambusspiel: Sechsunddreißig Haiku, 1991 mit einer englischen Übersetzung von Nancy Hanson Nash neu aufgelegt. Zwölf Monde - Twaalf manen. Eine zweisprachige Rengeeserie (gemeinsam mit Max Verhart 2005). 1993 erhielt er den Robert-L.-Kahn-Preis für den besten von einem Nordamerikaner auf deutsch verfaßten lyrischen Text. Seine deutschen und englischen Texte in den traditionellen japanischen Gedichtformen sind in mehrere Zeitschriften aufgenommen worden; einige davon gewannen Preise und wurden auch anderweitig anerkannt und besprochen. Er widmet sich auch der Partnerdichtung japanischer Tradition, oft über Sprachgrenzen hinweg, und leitet Kasen in deutscher Sprache.


Sonntag, 1. Juli 2007

Juliltag



Bevor der Abend kommt

üben die Schwalbenjungen den Flug.

Nichts Schöneres läßt sich

behalten von diesem Tag.



von Hans Bender


Prof. Dr. h.c. Hans Bender, geb. am 1.Juli 1919, war nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zunächst alleiniger Herausgeber der Literaturzeitschrift Konturen. Er gehört zu den prägenden Gestalten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. 1954 gründete er gemeinsam mit Walter Höllerer die Folgezeitschrift Akzente, die zu einer der renommiertesten literarischen Zeitschriften in Deutschland avancierte. Er leitete sie bis 1980 als verantwortlicher Redakteur. Hans Bender ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, der Freien Akademie der Künste Mannheim sowie der Akademie der Künste Berlin, Sektion Literatur. Er schrieb zwei Romane, zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten und gilt auch wegen seiner Herausgeberschaft von repräsentativen Prosa- und Lyrik-Anthologien als wichtiger Literaturvermittler.
Hans Bender veröffentlichte in den letzten Jahren mehrere Bände mit eigenen Vierzeilern, die in ihrer klaren und lakonischen, doch warmherzigen Sprache zuweilen an Haiku erinnern.
Der jetzige Akzente-Herausgeber Michael Krüger schrieb im Nachwort des Buches "Postkarten aus Rom": "Wenn man am Ende der Welt einen Kenner der deutschen Literatur trifft, wird man mit ziemlicher Sicherheit nach Hans Bender gefragt."
Hans Bender lebt und arbeitet in Köln.









  Verweilen, gehen - weißt du es nicht? - es ist dasselbe.
                                                           Umberto Saba



Gedicht "Julitag" aus:
Hans Bender. Verweilen, gehen.
Gedichte in vier Zeilen.
Rimbaud Verlag, Aachen 2003.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Fotografie von Udo Wenzel