Mittwoch, 1. August 2007

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort


Die japanische Gendai Haiku Kyokai (Modern Haiku Association) veröffentlichte im Juni 2004 ein neuartiges fünfbändiges Saijiki (Jahreszeitenwörterbuch), in dem ca. zehntausend Haiku präsentiert werden. Wie der ehemalige Präsident der Gendai Haiku Kyokai Tôta Kaneko (geb. 1919) im Vorwort erläutert, unterscheidet es sich grundlegend von herkömmlichen Jahreszeitenwörterbüchern. Zum einen wurden die Kigo (Jahreszeitenwörter) durchgehend auf Basis des heutigen gregorianischen Kalenders zu kategorisieren versucht, was bei einigen Kigo zu einem Wechsel der Jahreszeitenzuordnung führte. Ziel war es, die kigo stärker an die tatsächliche Erfahrung anzupassen. Aus diesem Grund wurde zusätzlich eine neue Kategorie eingeführt, so genannte tsûki kigo. Das sind kigo, die nicht eindeutig einer bestimmten Jahreszeit zuzuordnen sind (z.B. Sushi, Sumo, Seife, Seifenblasen etc.).
Außerdem enthält das Saijiki erstmals in der Geschichte des Haiku einen umfassenden Band mit Haiku, die überhaupt keiner Jahreszeit zugeordnet werden können, weil sie weder kigo noch Jahreszeitenbezug enthalten und die damit der Forderung des so genannten traditionellen Haiku nicht entsprechen. Diese Haiku ohne kigo werden als Muki Haiku bezeichnet, der Band Muki Saijiki.

Das Muki Saijiki ist in 6 Kategorien gegliedert: natürliche Phänomene, Geographie, Welt der Menschen, Leben, Kultur, Pflanzen und Tiere. Dr. Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa and Tomoko Takaki von der Universität Kumamoto stellten in einem Artikel für „Simply Haiku“ exemplarisch ein Haiku jeder Kategorie vor und interpretierten es. Mit der freundlichen Genehmigung von Richard Gilbert wurden die Beispiele von mir übersetzt, sie erscheinen als Fortsetzung im Laufe des Jahres hier im Taubenschlag und auch in Sommergras, der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft (DHG).


1. Tenmon - natürliche Phänome



Haiku


人を待つ影が来て影ふんでゆく  
hito o matsu kage ga kite kage funde yuku

von Ichihara Masanao


Übersetzungen



Während des Wartens -
Schatten treten
auf Schatten


Des Wartenden Schatten
vorbei die Schatten
vorbei



[while waiting –
shadows tread
on shadow

whose waiting shadow
passes shadows
passing]


Muki-Kategorie


天文(てんもん) tenmon: natürliche Phänomene
影(かげ) kage: Schatten
影法師 (かげぼうし)kage-bôshi:
menschliches Schattenbild/Silhouette


Bild 1


Das fiktive Subjekt wartet auf jemanden an einem überfüllten Platz. Fremde kommen und gehen. Sie treten auf Schatten – auf die Schatten des fiktiven Subjekts und ebenso jedes anderen Schattens.


Bild 2


Eine Person wartet seit langem vergeblich auf die Ankunft von jemandem. Fremde nähern sich und gehen vorüber. Dabei treten sie auf den Schatten des Wartenden. Der Erwartete kommt niemals an, der Protagonist wartet und wartet.

Interpretation


1. Möglicherweise befindet sich das fiktive Subjekt in einem Bahnhof. Leute gehen ihres Wegs, kümmern sich nicht um einander, sie „übergehen“ die Schatten der anderen. Vielleicht kommen sie, wie das fiktive Subjekt, zu einer Verabredung. All diese Leute sind lediglich Schatten. Man erinnert sich an Ezra Pounds Gedicht:

In einer Metrostation
Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Zweig.

Nur das fiktive Subjekt findet einen Augenblick der Ruhe und wird sich der umhertretenden Schatten bewusst. Es hat den Anschein, dass das Gedicht nahelegen möchte, sich Zeit zu nehmen, im gegenwärtigen Moment innezuhalten, um die Welt in einem anderen Licht sehen zu können. Das Haiku enthält eine philosophische Ausrichtung, die Platons Wahrnehmungstheorie gleicht. Nichts in dieser Welt ist wirklich, die Dinge, die wir sehen, scheinen nur Schatten der tatsächlichen Realität zu sein. Der Gebrauch von „Schatten“ impliziert den Schatten an der Wand von Platons Höhle.

2. Das fiktive Subjekt ist traurig und einsam, weil die erwartete Person nicht kommt und die Anderen gehen vorüber ohne von ihm Notiz zu nehmen. Als es seinen eigenen Schatten sieht, der von den Anderen übergangen wird, fühlt es sich, als würde sein Herz mit Füßen getreten.

Kulturelle Anmerkungen

Das kage-fumi („Schatten-treten“) Spiel
Als Kinder spielten wir das kage-fumi Spiel. Ein Abklatschspiel, der Jäger muss auf den Schatten eines anderen Spielers treten, um mit ihm den Platz tauschen zu können. Das in Ostasien verbreitete Kinderspiel wird gewöhnlich am späten Nachmittag oder in der Dämmerung gespielt, wenn die Schatten lang werden. Japanische Erwachsene werden sich an dieses Spiel mit kindlicher Freude erinnern, indes hat es auch althergebrachte magische Wurzeln. In alter Zeit existierte der Glaube, unsere Schatten seien der Beweis für die Existenz der Seele. Demzufolge könnte man sterben, wenn der Schatten gestohlen wird – werden unsere Schatten undeutlich, zeigt dies den nahenden Tod an. Selbst heute noch spüren wir die spirituelle Aura und Bedeutung der Schatten – sie sind mehr als ein reines Lichtphänomen. Darüber hinaus gilt die Dämmerung als eine geheimnisvolle Zeit zwischen Tag und Nacht, so dass es auch ein Fluch werden kann, wenn man auf den Schatten eines Anderen tritt: eine Art von mitfühlender Magie.
Die bildhafte Darstellung der „menschlichen Schatten/Silhouetten“ erinnert auch an das klassische Haiku-Thema kagebôshi (die Silhouette).

Die Farbe Orange
Für manche Japaner evoziert dieses Haiku ein inneres Bild der Farbe Orange, denn Kinder spielen am späten Nachmittag kage-fumi, wenn die Straße in das orangefarbene Licht der Dämmerung getaucht ist. Die Schatten der Dämmerung sind sehr viel länger als die der Mittagszeit, auch werden sie schwächer. Das erzeugt die Farbe Orange. Da dies die Zeit des Nachhausegehens ist, ist auch ein vielschichtiges Gefühl der Melancholie, gepaart mit Leichtigkeit, wahrnehmbar, sobald die Bilder nebeneinander gestellt werden.



Nächste Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 01.09.2007

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