Donnerstag, 1. November 2007

Als ob sie zu befinden hätten

von Gerhard Meier

Nach Allerseelen sind die Bäume erst richtige Bäume. (Und Kinder, mit vier, fünf holen sie Blumen vom Feld.) Alte haben Tage zuweilen, wo sie nicht sein möchten, einfach nicht sein möchten. Indes nach Allerseelen sind die Bäume erst richtige Bäume. Die Kastenwagen vom Kundendienst der Warenhäuser (Nordmann, Neckermann etc.) kehren zurück in die Städte. Die Stadt zieht einen Himmel über, den Geschmäckler kitschig finden (als ob sie zu befinden hätten). Nackter, nackter denn je sind die Bäume.




Gerhard Meier, geb. 1917. Schweizer Schriftsteller. Gerhard Meier begann erst 1957 während eines Kuraufenthaltes ernsthaft zu schreiben. Die Liebe zur Literatur entdeckte er schon als Kind. Doch um seine Familie zu ernähren, arbeitete Gerhard Meier mehr als 30 Jahre in einer Lampenfabrik, mehr als 20 Jahre lang mied er jede Literatur, um nicht in einen Konflikt zwischen Brotberuf und schriftstellerische Leidenschaft zu geraten. Sein erstes Buch „Das Gras grünt“, ein Gedichtband, erschien 1964. Es folgten weitere Bücher mit Gedichten und Prosaskizzen, danach erste Romane. 1971 gab er seinen bisherigen Beruf auf und wurde freischaffender Schriftsteller. Schließlich wuchs ab 1979 sein bedeutendstes Werk, der vierbändige Roman „Baur und Bindschädler. Amrainer Tetralogie“ mit den Einzelwerken „Toteninsel“ (1979), „Borodino“ (1982), „Die Ballade vom Schneien“ (1985) und „Land der Winde“ (1990) heran. Als Leser begleitet man die Protagonisten Kaspar Baur und Rudolf Bindschädler zunächst auf einem Spaziergang durch Olten und lauscht ihren Gesprächen über Erinnertes und Gegenwärtiges, ihr „kreiselnder Dialog“ wird im nächsten Band fortgeführt. In der „Ballade vom Schneien“ schließlich wacht Bindschädler am Bett des sterbenden Baur, im letzten Band „Land der Winde“ trifft man Bindschädler am Grab des Freundes und wird Zeuge, wie er in sich die Erzählfäden der früheren Dialoge weiterspinnt.
In der Schweizer Provinz begegnet den Protagonisten und dem Leser das Einfache und Unscheinbare kunstvoll verwoben mit den großen Weltbewegungen, mit napoleonischen Schlachten, der russischen Revolution, und bedeutenden Werken der Kunst, Schostakowitschs Musik, Caspar David Friedrichs Gemälden und Romanen von Tolstoi und Claude Simon. Bei all dem geschieht so gut wie nichts. Meiers Bücher offenbaren "die Grossartigkeit des Geringen, die Ungewöhnlichkeit des Gewöhnlichen, die Vielfältigkeit des vermeintlich Gleichförmigen" (Peter Hamm).
Im Roman "Toteninsel" lässt der Autor Bindschädler auf die Frage nach der Funktion von Poesie antworten:

"Ich bemerkte zu Baur, dass die Poesie vielleicht als Spinne zu verstehen wäre, als Spinne in uns drin, die freilich nicht Schmeißfliegen zu fangen, sondern Fäden zu spannen hätte - zu den Dingen."

Dieses Jahr erschien die Tetralogie anlässlich des 90. Geburtstages des vielfach ausgezeichneten Autors neu in der Bibliothek Suhrkamp. Ebenfalls entstand der Schweizer Dokumentarfilm „Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot“ von Friedrich Kappeler, der zurzeit in den Schweizer Kinos zu sehen ist.
In der obigen Prosaskizze deutet sich bereits der spätere Stil Meiers an, der sich u.a. durch raffiniert gestaltete Wiederholungen, auch über sein gesamtes Werk hinweg, auszeichnet.


Veröffentlichung der Prosaskizze mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Werke in 3 Bänden. Band 1. Zytglogge Verlag, Gümlingen 1987.
Fotografie von Udo Wenzel.




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