Montag, 15. Oktober 2007

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 3

Ningen – Welt der Menschen


Haiku


どしゃ降りの身体の中に町黒く 
dosyaburi no karada no naka ni machi kuroku

von Ogawa Sôsôshi


Übersetzungen



Starker Regen
im Inneren des Körpers
die dunkle Straße


[heavy rain
within the body
dark street]


Muki-Kategorien


人間 (にんげん)ningen: Welt der Menschen
身体 (しんたい) shintai: Körper (gegenständlich)
体(からだ) karada: Körper (allgemeine Verwendung)


Bild


Das fiktive Subjekt streift bei starkem Regen durch eine Straße, ohne Schirm, traurig, hilflos und bedrückt. Die Straße ist ebenso finster (und wahrscheinlich ebenso verlassen) wie die Stimmung des Subjekts.

Interpretation 1


Obwohl der Ausdruck „starker Regen“ verwendet wird, regnet es nicht tatsächlich; vielmehr verweist das Haiku auf die Tränen des fiktiven Subjekts und seinen Kummer. Seine „dunklen“ inneren Emotionen führen zur Wahrnehmung einer ins Dunkel getauchten Straße.

Interpretation 2


Es regnet in Strömen, das fiktive Subjekt schluchzt. Die Straßenszene verknüpft diese starke Empfindung mit dem starken Regen. Das fiktive Subjekt erlebt seine Vision ganz körperlich, im Inneren seines Leibes. Die sonderbare Überlagerung der inneren Empfindungen und der äußeren Szene intensiviert die düstere Stimmung dieses Haiku.

Kulturelle Anmerkung 1


In Japan existieren mehrere Wörter mit der Bedeutung „Körper“. Das Kanji "身体" wird shintai ausgesprochen und hat eine medizinisch-wissenschaftliche (sachliche) Färbung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass shintai eine Länge von 4 Moren (on) hat. Würde das Kanji auf diese übliche Weise ausgesprochen, ergäbe es einen extra Ton und ein Haiku mit 18 Moren. Es existiert ein anderes, gebräuchlicheres Kanji für Körper, nämlich "体", das karada ausgesprochen wird. Es hat drei Moren und passt von daher in die Haiku-Form mit 17 Moren. Indem die ungewöhnlichere, spezialisierte Wortverbindung shintai verwendet wurde, verstößt das Haiku gegen die 17 Moren-Regel, zugleich führt der Autor den Leser auf geschickte Weise an das Konzept des Kanji karada heran. Das Beispiel zeigt eine Weise dichterischer Kreativität, die die spezifischen Vorstellungsqualitäten in den japanischen Kanji zum Einsatz bringt. Dadurch entstehen mittels der Verbindung zweier Kanji zwei unterschiedliche Vorstellungen. Uns wird sowohl das Bild eines menschlichen Körpers als das auch einer eher nüchternen Empfindung vermittelt. Das dient in diesem Kontext dem Ausdruck einer subjektiven Melancholie, die zugleich eine kühle (sachliche, wissenschaftliche) Nuance aufweist.

Kulturelle Anmerkung 2


Es wurde das Kanji 町 verwendet, doch existiert noch ein anderes Kanji derselben Aussprache, 街 (machi). Beide, sowohl 町 als auch 街 bedeuten mit leichten Nuancen „Stadt“. 町 wird für einen Gemeindebezirk verwendet, während 街 einen Innenstadtbereich kennzeichnet, in dem viele Menschen, Läden und Restaurants zu finden sind. Mittels der Verwendung von 町 statt von 街 zeigt das Haiku ein fiktives Subjekt, das sich in seiner eigenen gewohnten Umgebung aufhält; deshalb wurde diese Übersetzungsweise von "Straße" gewählt. Bemerkenswert ist auch die Verwendung von 町 an Stelle von machi (lit. 'Straße'), weil dabei im Japanischen automatisch auch die Nebenbedeutungen 'Weg', Pfad oder Richtung mitschwingen.




Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 ...
Folge 2 ...



Nächste Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 15.12.2007

Montag, 1. Oktober 2007

Lässliche Sünden

von David Cobb

Wir Haikupoeten brechen gelegentlich beinahe in Streit darüber aus, welche und wie viele Methoden der Dichtkunst im Haiku verwendet werden dürfen. Man wünscht, die Unschuld und Natürlichkeit unserer Spezialität nicht zu gefährden. Welche dieser Tricks passen gut zum Haiku, was denken Sie?

Reim? Stabreim? Assonanz? Anspielung? Zitat? Personifizierung? Lautmalerei / Onomatopöie? Rhetorische Fragen? Apostrophe? Gleichnis? Metapher? Metrum?
Geständnis: ich habe neulich auf ganz spontane Art ein Haiku geschrieben, in dem auf einmal FAST ALLE zum Vorschein kommen! Mir wurde dieses Vergehen erst später gewahr.

Original-Haiku:



so this is what you do,
O breath of autumn's being ―
        bash trash can lids?



Deutsche Fassung:


so etwas tust du,
O Herbstes Atemzug ―
        schmeisst Eimerdeckel?

Die zweite Zeile des Haikus zitiert die erste Zeile eines berühmten Gedichts von Shelley: O wild West Wind, thou breath of Autumn's being. Also, auf einen Schlag Zitat, Anspielung, Apostrophe und Personifizierung. Ein Stabreim ist auch vorhanden: breath, being, bash. Ebenso ein Reim: bash. trash. Dazu noch Assonanz: bash, trash, can. Bash und trash sorgen auch für Onomatopöie. Bash trash can lids gilt als Metapher für 'blinde Zerstörungswut'. Ein leicht-jambisches Metrum ist ebenfalls dabei, zugleich noch ein ungewöhnlicher Doppel-Spondäus. Es endet mit einem rhetorischen Fragezeichen.

Vergeben Sie mir bitte meine Sünden, aber ich bin ziemlich stolz darauf ― nicht weil ich so viele Kniffe hineingestopft habe, sondern weil sich mir das Ganze irgendwie leichtherzig ins Herz prägt, mir etwas Prägnantes über den Herbst sagt.

Folgendes muss ich aber zugeben: am Anfang hatte ich als letzte Zeile geschrieben, hurl dust bin lids. Dann hat mich der amerikanische Begriff trash can verführt, wegen der Onomatopöie; es ist das einzige Mal in meinem Leben, dass ich einem amerikanischen Begriff den Vorzug gegeben habe. In der Endfassung bin ich, an Stelle von bash, auf hurl zurückgekommen. Nur weil dieses Wort präziser ist, nicht weil ich einen Reim usw. vermeiden wollte.

Schade? Was meinen Sie?





Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright bei David Cobb, Essex.

David Cobb, geb. 1926, Mitbegründer und ehemaliger langjähriger Präsident der „British Haiku Society“. Wohnhaft in Braintree, Essex, England. David Cobbs innovative Haiku und Haibun bestechen sowohl durch ihren hintergründigen Humor als auch durch ihren Anspielungsreichtum. Häufig enthalten sie eine Vielzahl an historischen und literarischen Verweisen. 2005 führte ich mit ihm ein Interview: “Haiku muss tanzen”.