Donnerstag, 15. November 2007

Ein Winterhaiku




Atem flüchtiger

Gruß übern Aschekübel

Ahorn einsam starr.



von Ralf Zühlke und Frank Martens


Der Berliner Verleger (Stadtlichter Presse) Ralf Zühlke und der Lyriker Frank Martens schrieben im Winter 1996/1997 gemeinsam eine Reihe von Haiku, daraus entstand das Buch „Einen Winter lang“, das im Jahr 2000 in einer bibliophilen Ausgabe in einer Auflage von 160 Exemplaren in der Edition Schwarzdruck erschien.


"Einen Winter lang gemeinsam Haiku schreiben, hatten wir froh beschlossen. Was wir nicht ahnten, war dann eine schlichte Erfahrung: Dreizehn Jahre Freundschaft und eine gemeinsame Arbeit sind zweierlei. Wir lernten uns neu kennen.
Alles berührte unser Thema. An den Abenden und in den Nächten saßen wir zusammen und schrieben. Ein Wort ergab das andere, eine Zeile die nächste – und wurde verworfen oder bejubelt. Der Ofen bullerte, aber die Temperatur sank stetig in diesem Winter. Immer wieder sprachen wir die Haiku laut – wie Beschwörungsformeln – und horchten. Der Klang sollte stimmen. Wir erinnerten uns an vergangene Winter, befragten uns nach unseren Ausflügen. Erlebten die Jahreszeit erstaunt bewußter als die vielen Male zuvor. Wenn die Zeilen angestrengt schienen, bremsten wir uns abwechselnd mit Spott. Und auch mit erleichtertem Lachen, das aus der Nähe wuchs. Wir stritten um jedes Wort. Als der Frühling nahte, veränderten wir die Form des Arbeitens. Jeder schrieb seine Haiku, die wie Rohmaterial behandelt und gemeinsam umgeschrieben wurden.
Vielleicht hatten wir nie zuvor so empfindlich und gleichzeitig mitfühlend auf das Wort des anderen reagiert, die genaue Beschreibung eines Augenblicks eingefordert. Immer wieder Grenzen. Irgendwann ein Wort, das den Blick öffnet." (Nachwort des Buches)


Aus: Einen Winter lang. Haiku. Edition Schwarzdruck 2000. Handpressendruck mit mehrfarbigen Holzschnitten von Angela Schröder, gebunden in japanischer Blockbindung.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Donnerstag, 1. November 2007

Als ob sie zu befinden hätten

von Gerhard Meier

Nach Allerseelen sind die Bäume erst richtige Bäume. (Und Kinder, mit vier, fünf holen sie Blumen vom Feld.) Alte haben Tage zuweilen, wo sie nicht sein möchten, einfach nicht sein möchten. Indes nach Allerseelen sind die Bäume erst richtige Bäume. Die Kastenwagen vom Kundendienst der Warenhäuser (Nordmann, Neckermann etc.) kehren zurück in die Städte. Die Stadt zieht einen Himmel über, den Geschmäckler kitschig finden (als ob sie zu befinden hätten). Nackter, nackter denn je sind die Bäume.




Gerhard Meier, geb. 1917. Schweizer Schriftsteller. Gerhard Meier begann erst 1957 während eines Kuraufenthaltes ernsthaft zu schreiben. Die Liebe zur Literatur entdeckte er schon als Kind. Doch um seine Familie zu ernähren, arbeitete Gerhard Meier mehr als 30 Jahre in einer Lampenfabrik, mehr als 20 Jahre lang mied er jede Literatur, um nicht in einen Konflikt zwischen Brotberuf und schriftstellerische Leidenschaft zu geraten. Sein erstes Buch „Das Gras grünt“, ein Gedichtband, erschien 1964. Es folgten weitere Bücher mit Gedichten und Prosaskizzen, danach erste Romane. 1971 gab er seinen bisherigen Beruf auf und wurde freischaffender Schriftsteller. Schließlich wuchs ab 1979 sein bedeutendstes Werk, der vierbändige Roman „Baur und Bindschädler. Amrainer Tetralogie“ mit den Einzelwerken „Toteninsel“ (1979), „Borodino“ (1982), „Die Ballade vom Schneien“ (1985) und „Land der Winde“ (1990) heran. Als Leser begleitet man die Protagonisten Kaspar Baur und Rudolf Bindschädler zunächst auf einem Spaziergang durch Olten und lauscht ihren Gesprächen über Erinnertes und Gegenwärtiges, ihr „kreiselnder Dialog“ wird im nächsten Band fortgeführt. In der „Ballade vom Schneien“ schließlich wacht Bindschädler am Bett des sterbenden Baur, im letzten Band „Land der Winde“ trifft man Bindschädler am Grab des Freundes und wird Zeuge, wie er in sich die Erzählfäden der früheren Dialoge weiterspinnt.
In der Schweizer Provinz begegnet den Protagonisten und dem Leser das Einfache und Unscheinbare kunstvoll verwoben mit den großen Weltbewegungen, mit napoleonischen Schlachten, der russischen Revolution, und bedeutenden Werken der Kunst, Schostakowitschs Musik, Caspar David Friedrichs Gemälden und Romanen von Tolstoi und Claude Simon. Bei all dem geschieht so gut wie nichts. Meiers Bücher offenbaren "die Grossartigkeit des Geringen, die Ungewöhnlichkeit des Gewöhnlichen, die Vielfältigkeit des vermeintlich Gleichförmigen" (Peter Hamm).
Im Roman "Toteninsel" lässt der Autor Bindschädler auf die Frage nach der Funktion von Poesie antworten:

"Ich bemerkte zu Baur, dass die Poesie vielleicht als Spinne zu verstehen wäre, als Spinne in uns drin, die freilich nicht Schmeißfliegen zu fangen, sondern Fäden zu spannen hätte - zu den Dingen."

Dieses Jahr erschien die Tetralogie anlässlich des 90. Geburtstages des vielfach ausgezeichneten Autors neu in der Bibliothek Suhrkamp. Ebenfalls entstand der Schweizer Dokumentarfilm „Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot“ von Friedrich Kappeler, der zurzeit in den Schweizer Kinos zu sehen ist.
In der obigen Prosaskizze deutet sich bereits der spätere Stil Meiers an, der sich u.a. durch raffiniert gestaltete Wiederholungen, auch über sein gesamtes Werk hinweg, auszeichnet.


Veröffentlichung der Prosaskizze mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Werke in 3 Bänden. Band 1. Zytglogge Verlag, Gümlingen 1987.
Fotografie von Udo Wenzel.