Seikatsu – Leben
Haiku
きみにふれたことばの端が黄ばんでゆく kimi ni fureta kotoba no hashi ga kiban de yuku
von Itô Toshie
Übersetzungen
Das du verwandelt den Rand der Sprache in Gelb
oder:
Durchs du das Ende der Sprache wird gelb
[through you the ending of language turns yellow ]
Muki-Kategorien
生活 (せいかつ) seikatsu: Leben, Dasein 言葉 (ことば) kotoba: Sprache, Wörter 言霊(ことだま) kotodama: Wort-Geist 隠語(いんご)lingo: Umgangssprache/Geheimsprache/Jargon 文字(もじ) moji: Schriftzeichen (Rechtschreibung) 手話(しゅわ)shuwa: Gebärdensprache/Gesten
Bild
Die Ränder des Gesagten werden gelb, sobald das Wort „du“ fällt. Der Wortwechsel findet zwischen einem Mann und einer Frau statt. Eine Liebesbeziehung ist in die Krise geraten. Die Gespräche der beiden sind nicht mehr so lebendig und unverbraucht wie früher.
Interpretation 1
Das Gedicht verweist auf die schwindende Liebe in einer Beziehung. Es ist nicht nur die Liebe, die Verschleißerscheinungen zeigt, auch die Worte, die die beiden wechseln, verlieren allmählich an Kraft und Bedeutung.
Interpretation 2
Ein Mann möchte nicht mit seiner Partnerin sprechen, aber er ist dazu verpflichtet. "Der Rand" des Gesprochenen verwandelt sich in ein schmutziges Gelb, als enthielte das Gesagte ein dem Hass verwandtes Gefühl.
Interpretation 3
Möchte jemand etwas sagen, existieren die Worte bereits vor der eigentlichen Äußerung in seinem Inneren. Weil diese von Herzen kommen, aus der Seele, sind sie warm. Werden sie (oder andere Worte) dann tatsächlich geäußert, treten sie in die Luft hinaus, das Medium des Atems. Der Atem hält sie einen Augenblick lang warm, doch sobald sie ausgesprochen werden, können sie ihre Wärme verlieren. Wenn jemand in seinem Inneren keine Liebe mehr für seinen Partner empfindet, sind auch seine Worte nicht „im Herzen“ warm. Werden sie ausgesprochen, kühlen sie noch stärker ab. Ein kaltes, liebloses Gespräch ist mit etwas vergleichbar, das „gelb“ wird, alt und fahl, vergilbt. Das Haiku erinnert uns an ein Haiku von Bashō:
もの言えば唇寒し秋の風 ものいえばくちびるさむしあきのかぜ mono ieba kuchibiru samushi aki no kaze Sowie ich spreche werden meine Lippen kalt im Herbstwind
Kulturelle Anmerkung 1
In Japan spricht man sich selten mit „du“ an. Man vermeidet es, innerhalb eines Satzes das Subjekt zu verwenden. Wird das „du“ verwendet, gibt es im Wesentlichen zwei Anredeformen: あなた (anata) und きみ (kimi). Im vorliegenden Haiku wird letzteres (きみ) benutzt. Die Verwendung von あなた weist auf eine engere Beziehung zwischen "du" und "ich" hin als きみ. Im Gegensatz dazu kennzeichnet きみ eine förmlichere Beziehung; zwischen dem "du" und dem "ich" existiert eine gewisse Distanz.
Kulturelle Anmerkung 2
Zur Bedeutung von fureru (ふれる ist die attributive Form oder Vergangenheitsform von fureta): Das Wort kann in diesem Gedicht auf zweierlei Weise verstanden werden: zum einen als „berühren“ im Sinne von „fühlen" oder „in Kontakt mit einem Gegenstand treten“, zum anderen im Sinne von „sich beziehen auf“ etwas oder jemanden.
Kulturelle Anmerkung 3
In der westlichen Philosophie ist das 'Wort' (der grundlegende konnotative, begriffliche Teil der Sprache) stark mit dem Logos und Rationalität verbunden. Die Empfindung, dass das "Wort" sehr stark mit Begriffen wie 'Wahrheit' oder 'Denken' verknüpft ist, ist vorherrschend. Man könnte sagen, die westliche Einstellung zum „Wort“ sei logozentrisch. Dagegen wird das „Wort“ in Japan als koto no ha (Rand einer Sache) betrachtet, eine Sichtweise jenseits von Logos oder Rationalität. Das „Wort“ könnte zwar auch ein Weg zur Wahrheit oder zum Denken sein, ist damit aber nicht eng verbunden. So ist die japanische Einstellung zum „Wort“ nicht logozentrisch. Außerdem gibt es in Japan den Glauben, dass das „Wort“ spirituelle Kraft besitzt. Diese Kraft wird kotodama (Wortseele) genannt. Die Welt des Shintoismus ist voller Wortseelen. Sie sind nicht nur menschlichen Wesen zu Eigen, sondern auch Tieren, Pflanzen, Steinen, Bergen, Flüssen, Seen usw. Alle Klänge der natürlichen Welt sind gleichermaßen Wortseelen und bilden von daher auch das Saatgut der Poesie. Wir haben es hier mit einem animistischen Glauben zu tun (vergl. die japanische Mythologie des Kojiki und die altjapanische Dichtung im Man'yōshu, ebenso das Nô-Drama, z.B. Takasago).
Kulturelle Anmerkung 4
Im Japanischen bedeutet "kotoba no hashi" (ことばの端 das Ende der Sprache) auch "trivial, banale Worte".
Kulturelle Anmerkung 5
Kibamu (黄ばむ) bezieht sich wörtlich auf "gelb werden" (wie Blätter), der Ausdruck wird aber auch häufig für Kleidung oder Papier benutzt. Er impliziert, dass der Gegenstand älter wird, zunehmend abnutzt und nach einiger Zeit ganz verschwindet.
Kulturelle Anmerkung 6
Die Farbe Gelb ist im Kojiki (712 v.Chr.) nicht erwähnt. Zwar existierte bereits das entsprechende Kanji, aber ihm lag ein anderes Konzept zu Grunde. Im Man'yōshu (759? v.Chr.), der frühesten noch bestehenden Sammlung japanischer Verse, wird Gelb (黄) als Farbe erwähnt, die dem Rot nahe steht. Dies hat mit der Färbung des japanischen Ahorns im Herbst zu tun. Vermutlich wurde die Farbe Gelb früher als typische Herbstfarbe betrachtet, doch heutzutage gilt der jahreszeitliche Bezug als veraltet.
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