Montag, 15. Dezember 2008

Und dann noch




Sie wandte sich ihm zu. Oder, anders:

sie wandte sich ab. Tauben stoben

übers Meer, oder: nachts schlug

die See an die Pfeiler der Brücke.

Nachsaison: die Kerzen mediterran,

opak, und die Katze schrie olor,

olor, olor in das blaue Geflüster

der Heide beim Hüttentor.





von Robert Hass


Dem amerikanischen Dichter Robert Hass, geb. 1941 in San Francisco, wurde dieses Jahr für seine Gedichtesammlung Time and Materials. Poems 1997-2005 der Pulitzer-Preis verliehen. Seit 1989 ist Robert Hass Professor an der Berkeley Universität von Kalifornien. Von 1995 bis 1997 war er Poet Laureate der Vereinigten Staaten von Amerika, 1997 wurde ihm zum zweiten Mal der National Book Critics Circle Award zugesprochen. 2002 übernahm er die Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur an der FU Berlin.
Hass übersetzte unter anderem die Werke des polnischen Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz und des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer ins Englische. Sein Werk The Essential Haiku: Versions of Bashô, Buson, and Issa (1994) enthält Übersetzungen der klassischen Haikudichter.
Das Gedicht Und dann noch stammt aus der 2005 erschienenen Anthologie Die Wünsche der Menschen, das einzige auf Deutsch vorliegende Werk. Robert Hass' Affinität zum Haiku zeigt sich in vielen seiner Gedichte. So erinnern eine Reihe von Langgedichten in ihrer Bildhaftigkeit und Präzision immer wieder an Haiku-Sequenzen.
"Wollte man eine Landkarte seiner dichterischen Herkunft zeichnen, so sähe sie vielleicht so aus: Von der kurzen Form des Haiku lernte Robert Hass die Unmittelbarkeit des dichterischen Bildes, von Ezra Pound den Versuch, die Sinnlichkeit vor der Abstraktion der Metapher zu retten, von W.C. Williams die Raffinesse der Einfachheit, von Whitman den epischen Atem und - mit Seitenblick auf Rilke - den hymnischen Gestus des Lobens." (aus dem Klappentext von Die Wünsche der Menschen)



Aus Robert Hass: Die Wünsche der Menschen. Gedichte.
© 1999 Ammann Verlag & Co., Zürich. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Montag, 1. Dezember 2008

Lichtblick




herbe herbstnacht

in der neonvertagten stadt

ruft eine hure „hallo"



von Dietmar Tauchner

Dietmar Tauchner, geb. 1972 in Neunkirchen, lebt und arbeitet in Puchberg & Wien. (Kurz-)Lyriker, Dramatiker, Essayist, Trekker und passionierter Reisender. Publikationen in diversen internationalen Online- und Printmagazinen und Anthologien, wie z.B: Acorn, Frogpond, CET, Dulzinea, KO. Erster Preis beim internationalen Kurzlyrikwettbewerb Ludbreg, Kroatien & Gewinner des Preises der Haiku International Association in Tokio 2008.
Herausgeber des Kurzlyrikmagazines Chrysanthemum.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Samstag, 15. November 2008

Dein roter Baum




Dein roter Baum

macht Winter.

Deine Vögel

fliegen auf.

Lange saßen sie stumm im Geäst.

Sie fliegen

sie kreisen über dir.

Sie werden fremd.





von Hilde Domin


Hilde Domin wurde 1909 in Köln geboren. Nach dem Studium von Jura, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Philosophie floh die Tochter jüdischer Eltern während des Nationalsozialismus ins Exil, aus dem sie erst nach zwanzig Jahren zurückkehrte. Die vielfach übersetzte, mit Preisen ausgezeichnete und geehrte Lyrikerin und Essayistin galt auch als "starke Ruferin", für die es selbstverständlich war, sich auch auf unbequeme Weise politisch zu Wort zu melden. Ihre Dichtung ist von einem unerschütterlichen Glauben an den Menschen, an Frieden und Gerechtigkeit geprägt.
Ab 1987 hatte sie eine Poetikdozentur an der Universität Frankfurt am Main inne, daraus entstanden die Frankfurter Poetik-Vorlesungen "Das Gedicht als Augenblick von Freiheit", in dem sie auch auf die Verwandtschaft ihrer Dichtung mit der japanischen hinweist. Ihre scheinbar einfachen Gedichte beruhen auf einer bewussten Schreibdisziplin. Jedes gute Gedicht habe eine Reserve an Ungesagtem, die mitgehört wird und die eigentliche Lebensfähigkeit des Gedichtes ausmache. Diese Reserve nehme zu, je mehr der Dichter auf eine unspezifische Genauigkeit abziele.
Als Hilde Domin den Gedichtband "Der Baum blüht trotzdem" veröffentlichte, aus dem das obige Gedicht stammt, war sie bereits neunzig. Es wurde ihr Abschiedsband. Im Februar 2006 starb Hilde Domin in Heidelberg im Alter von 96 Jahren. Harald Hartung schrieb in seinem Nachruf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.2.2006: "Hilde Domin war eine große Mutmacherin. In einem ihrer späten Gedichte beschwört sie sich und uns zugleich, nicht müde zu werden. Wir sollen vielmehr, heißt es da, 'dem Wunder / leise / wie einem Vogel, / die Hand hinhalten'."



Aus Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1999.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1999



Samstag, 1. November 2008

"De Beata Vita"


Ein Haibun von Beate Conrad



Vom Deckengewölbe zu Sankt Bonifatius klingen die hellen Stimmen der Niederdeutschen Kantorei: "Libera me ..." gefolgt von einem vollen Bariton: "Libera eas de peonis ..."
Ein Tier blökt vernehmlich dazwischen.

Pause.

"Mutter wird ihn in der Badewanne ordentlich einweichen und abschrubben müssen, – die weißen Stoppeln stutzen und ihn zur Probe in einen Anzug stecken. 's wird schon werden mit der Hochzeit. Gespartes, das besitzt er wohl. Sein Leben lang als Knecht geschuftet und bei den Schafen soll er geschlafen haben. Was das wichtigste ist, das wisse sie als Älteste mit fünf Geschwistern."
"Einfach ist nicht einfach!" höre ich mich zurückflüstern und fühle den mahnenden Blick des Chorleiters auf mir.

Pause.

Ich trage das verirrte Schaf und meine Erinnerungen hinaus auf den spätabendlichen Marktplatz einer ehemaligen Ackerbürgerstadt. Meine Heimatstadt in einem anderen Leben. Gleich hinter der Kirche beginnen die Uferwiesen. Ich wandere über die neue Fußgängerbrücke weiter im Marschland

verfallner Stall ich
teile meine Ruhestatt mit
dem großen Mond



Beate Conrad ist 1961 in Norddeutschland geboren. Sie lebt in den USA, beschäftigt sich seit 2005 mit der Haiku-Dichtung, ab 2006/7 auch mit Haiga und Haiku-Prosa. Sie ist Mitglied in Haiku-Gesellschaften verschiedener Länder.
Homepage von Beate Conrad


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Eine vollständige Geschichte Deutschlands und Japans


von Richard Brautigan


Vor ein paar Jahren (Zweiter Weltkrieg) wohnte ich in einem Motel neben einem Zweigbetrieb von Swifts Konservenfabrik, was eine sehr freundliche Umschreibung für Schlachthof ist.
Sie schlachteten da Schweine, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, bis der Frühling Sommer wurde und der Sommer Herbst, indem sie ihnen den Hals durchschnitten, ein Vorgang, auf den regelmäßig eine Art Klanggesang folgte, schrill wie eine Oper, die man durch einen Müllschlucker laufen läßt.
Irgendwie glaubte ich, daß das Schlachten all dieser Schweine etwas mit dem Gewinnen des Kriegs zu tun hatte. Wahrscheinlich, weil auch sonst alles damit zusammenhing.
In den ersten ein oder zwei Wochen, die wir in dem Motel wohnten, machte es mir wirklich zu schaffen. Das dauernde Gekreische war kaum auszuhalten, aber dann gewöhnte ich mich daran, und es war ein Geräusch wie jedes andere auch: ein Vogel, der in einem Baum singt, das Pfeifensignal zur Mittagszeit oder das Radio oder vorbeifahrende Lastautos oder menschliche Stimmen oder die Sätze, mit denen man zum Essen gerufen wurde.
"Du kannst ja nach dem Essen wieder spielen!"
Immer wenn die Schweine einmal nicht kreischten, war die Stille wie eine Maschine, die kaputtgegangen ist.


Richard Brautigan (1935-1984), geboren in Tacoma/Washington, war freier Schriftsteller in San Francisco. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Westküsten-Underground der 60er und 70er Jahre.
"Der auf den ersten Eindruck schlichte Ton der Texte ist das Ergebnis systematischer Reduktion des Ausdrucks unter konsequenter Konzentrierung und Verdichtung der inhaltlichen Substanz. In seinen Gedichten erinnert dies bisweilen an die Methodik und Ausdrucksform der Imagisten. ... Die hohe Qualität seines sprach-experimentellen Stils zeigt sich in der vermeintlichen Leichtigkeit seiner Texte und der Tatsache, dass seine Reduktionsarbeit nie zum Manierismus absinkt. Brautigan zeichnet sich durch sprachliche Treffsicherheit und Vielseitigkeit aus." (aus Wikipedia)
Aus: Die Rache des Rasens. Geschichten. Die Bücher von Richard Brautigan werden derzeit im Kartaus Verlag neu herausgegeben.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Kartaus Verlags. (c) Kartaus Verlag Regensburg.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Pfifferlinge




Als der Ausreißer gefaßt wurde

hatte er die Taschen

voller Pfifferlinge.




När rymmaren greps

bar han fickoria fulla

med kantareller.





von Tomas Tranströmer


Tomas Tranströmer wurde 1931 in Stockholm geboren und gilt als der bedeutendste schwedische Lyriker der Gegenwart. Er erhielt eine Reihe von internationalen Auszeichnungen, in Deutschland beispielsweise 1981 den Petrarca-Preis, 1992 den Horst-Bienek-Preis für Lyrik und 1996 den August-Preis. Auch zählt man ihn immer wieder zu den Anwärtern auf den Literaturnobelpreis. 1990 erlitt Tranströmer einen Schlaganfall, der sein Sprachzentrum erheblich beeinträchtige.
Auf Deutsch erschien zuletzt das Buch „Das große Rätsel“ (2005), das neben fünf Gedichten eine Reihe von „Haikus“ aus den späten fünfziger Jahren enthält, die nach einem Besuch in der Jugendstrafanstalt Hällby bei Eskilstuna entstanden sind, und eine Reihe neuer Haiku. Das obige Haiku gehört zu diesen Gefängnis-Haiku. Tranströmers Gedichte sind geprägt von einer faszinierenden Bilderwelt, Paradoxien, überraschenden Wendungen und komplexen Metaphern. Motive wie Tod, Gott, Meer und Schatten sind häufig anzutreffen. Alle Haiku von Tomas Tranströmer sind im 5-7-5 Silbenmuster geschrieben. Er bedient sich dabei einer bildmächtigen, aber bewusst unprätentiösen Sprache: „Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen“, schreibt er in seinem Gedicht „Aus dem März '79".
"Tranströmer hat eine diebstahlsichere Fähigkeit, unerwartete Räume zu schaffen - stille Explosionen aus Freude und Trauer, Nischen für Verwunderung und Zuversicht." (Aris Fioretos)



Aus Tomas Tranströmer: Das große Rätsel. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Hanns Grössel. Carl Hanser Verlag, München, 2005.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags. (c) 2005 Carl Hanser Verlag München.



Montag, 15. September 2008

Reisender, kommst du...


von Horst Ludwig



Es ist meine Art, an einem neuen Ort, vor allem nach einer langen Anreise, erstmal in eine Kirche zu gehen. Ich meine schon, daß ein gewisser förmlicher Dank für gute Fahrt und für das, was andere geschaffen haben und ich jetzt miterleben kann, immer würdig und recht ist.
Wie so viele wirtschaftlich wichtige deutsche Städte war natürlich auch Bremen im zweiten Weltkrieg stark zerstört worden; und der natürlich nötige schnelle Wiederaufbau und sicher auch kritisches Nachdenken bedingten dann jedoch auch, daß vieles nicht wieder so ist, wie's einmal ganz natürlich gewachsen war.


Der St.-Petri-Dom —
auch das meine Art Kirche.
Salvete corda!


Weit über ein Millennium an dieser namhaften Stelle also christliches Gebet. Das ist schon erhebend. Ewiges Licht leuchte allen Betern.
Draußen sogleich viel fürs Auge Angenehmes. Modern das Haus der Bürgerschaft; — umstritten, ich weiß. Aber ich finde es nicht nur nicht unpassend, ich finde es gut; es zeigt Geschichte. Gegenüber das Rathaus mit dem schwerttragenden Roland davor und seinem kaiserlichen Reichsschild; nur wenig weiter seitab charmant die Skulptur aus dem 20. Jahrhundert der Bremer Stadtmusikanten aus dem 12. Jahrhundert. Ebenso lieblich das Schnoorviertel und dann die Böttcherstraße mit


Jugendstilspiele,
Modersohn, Bernhard Hötger, —
das lebt einen an.


Und diesmal seh ich mir, weil ich vorm Abend noch gut Zeit habe, zur Weserrenaissance auch das Gewerbehaus an, in der Ansgaritorstraße (welch genaue lateinischen Genitive!).
Sodann muß ich aber auch das andere sehen, den Hafen (ja, der Überseehafen ist ja eigentlich in Bremerhaven, das hier, das haben Sie ja sicher schnell gesehen), aber auch einige wichtige Industrie, die Universität, Wohngegenden, Museen, — naja, auch die Brauerei, deren Bier ich mir im weiten Amerika hin und wieder zur Brust nehme. Ja, und der Borgward, — ich fand den Wagen immer große Klasse.


Ein jedes Stück Welt —
es offen zu betreten
ist mein Ereignis



Dieses 'Haibun' von Horst Ludwig wurde auf die Ausschreibung zu "Schlüsseltexten" eingesendet. Der Autor wurde bereits in der Ausgabe 07/2007 des Taubenschlag vorgestellt. Es ist der letzte Prosatext, der in der Reihe der "Schlüsseltexte" veröffentlicht wird. Das Motiv des Schlüssels wurde auf ganz unterschiedliche Weise eingesetzt. Ganz offen bei Beate Conrad, als Notenschlüssel getarnt bei Hans Lesener und hier schließlich taucht es kunstvoll mehrfach verschlüsselt auf. Nur ein kleiner Hinweis: man sehe sich einmal das Bremer Stadtwappen an.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Montag, 1. September 2008

Blutspur




Schlage nach Mücken -

und blutverschmiert ist

diese Kriegsgeschichte



ka o utte / gunsho no ue ni / chi o in su





von Masaoka Shiki


Masaoka Shiki (1867-1902) gilt in der japanischen Haiku-Dichtung als einer der vier großen Haiku-Dichter (neben Bashô, Buson und Issa). Shiki lebte zur Zeit der Meiji-Restauration (1868-1912), eine Epoche, die geprägt war durch die Zunahme westlicher Einflüsse und einer rasanten Modernisierung des Landes. Viele Literaten dieser Zeit waren vom westlichen Realismus beeinflusst, zugleich waren sie bestrebt, etwas „Japanisches“ zu erhalten, bzw. zu definieren. Shiki kritisierte die Haiku-Dichtung seiner Zeit, der er Oberflächlichkeit vorwarf und jeden literarischen Wert absprach. In einer seiner zahlreichen Schriften konstatierte er, viele Haiku von Matsuo Bashô (1644-1694) seien schlechte Haiku. Da Bashô damals wie ein Heiliger verehrt wurde, galt dies als eine heftige Attacke auf die Haiku-Dichtung und das Meister-Schüler-System.
Die Verwendung des Begriffes haiku verdanken wir Shiki. Es handelt sich dabei um eine Kombination von haikai (so der Name der Kettendichtung) und hokku (der Startvers eines Kettengedichts). Shikis Art zu dichten und seine kritische Tätigkeit sorgten schließlich dafür, dass dem Haiku als eigenständigen Gedicht literarische Qualitäten zugesprochen wurden.
Eine der großen Reformleistungen Shikis war die Entwicklung des shasei-Stils. Shasei bedeutet „Skizze aus dem Leben“ und birgt die Idee, dass die Welt so abgebildet werden könne, wie sie ist. Auch wenn dieser Abbildrealismus aus heutiger Sicht naiv erscheinen mag*, erfüllte er doch damals eine wichtige Funktion. Shiki sah die Haiku-Dichtung seiner Zeit in Konventionen erstarrt. Teilweise war genau festgelegt, welche Wörter auf welche Weise und in welchen Verbindungen innerhalb eines Haiku verwendet werden sollten. Shiki wandte sich der tatsächlichen Welt zu und riet den Dichtern seiner Zeit, diese zu beobachten und aus dem eigenen Umfeld und Erleben zu schreiben.
In dem vielfach ausgezeichneten Buch „The Poetics of Japanese Verse“ (Tôkyô 2000) weist der Literaturexperte Kôji Kawamoto (geb. 1935) zurecht darauf hin, dass der „Realismus“ nicht etwa eine zeitlos gültige Methode darstellt, sondern in den unterschiedlichen Epochen der Literaturgeschichte jeweils unterschiedliche methodische Verfahren nutzte, um eine Szene realistischer erscheinen zu lassen. Wichtig für eine fesselnde realistische Darstellung ist letztlich das einfallsreiche Arrangement der sprachlichen Elemente und nicht die Tatsache, dass etwas detailgetreu beschrieben wird. Dies gilt für Shikis Gedichte ebenso wie für Gedichte, die heute versuchen, realistisch zu sein.
Eindrucksvoll im obigen Haiku aus dem Sommer 1896 erscheint mir besonders, wie hier persönliches mit einem gesellschaftlichen Ereignis in einer gewöhnlichen Sommerszenerie verwoben ist. 1895 wurde Shiki auf eigenes Drängen als Korrespondent für die Tageszeitung Nihon im japanisch-chinesischen Krieg eingesetzt. Dabei litt er bereits seit einiger Zeit unter Tuberkulose (an der er im Alter von 34 Jahren sterben sollte) und spuckte nun häufig Blut. Schon nach einem Monat sah er sich gezwungen, stark geschwächt zurückzukehren. Woher das im Haiku erwähnte Blut auf Shikis Kriegsgeschichte stammt, bleibt offen. Janine Beichman-Yamamoto mutmaßt in ihrem Aufsatz Masaoka Shiki's A Drop of Ink aufgrund von Shikis Tagebucheintragungen, dass er sich in diesem Kriegseinsatz erstmals seiner Sterblichkeit in Gänze bewusst geworden sei und daraufhin nach seiner Rückkehr verstärkt eine Reform der Haiku-Dichtung angestrebt habe.


Anmerkung:
* siehe dazu die Arbeiten u.a. von Ernst Gombrich ("Kunst und Illusion") und Nelson Goodman ("Sprache der Kunst")



Übersetzung von Udo Wenzel unter Zuhilfenahme von „Masaoka Shiki. Selected Poems. Translated by Burton Watson“ (New York 1997) und mit freundlicher Unterstützung von Kanae Shirai-Elfeky.



Freitag, 15. August 2008

Mit wehendem Haar


Ein Haibun von Hans Lesener


Vom Ruhrgebiet aus fahre ich mit der Bahn durch das Rheintal Richtung Basel. Jetzt, kurz nach Ostern, ist überall schon zartes Grün zu sehen. Manche Bäume blühen bereits.

Im Zug nach Süden -
rosa Schatten
huschen vorbei

In Düsseldorf steigen zwei japanische Paare ein. Die beiden Frauen, in eifrigem Gespräch, kichern und lachen, ihr Goldschmuck klimpert. Eine wirft manchmal den Kopf in den Nacken und wirkt dabei mit ihrem scharfgeschnittenen, zierlichen Profil wie einem Farbholzschnitt entstiegen. Die Männer - dunkler Teint, kantige Gesichter - trinken schweigend ihr Dosenbier. Niemand scheint die vier zu beachten.

Jeder für sich
im Großraumwagen -
nur die Blicke ...

Wir passieren Koblenz, Boppard. Die Eisenbahntrasse rückt näher an das Rheinufer heran. Etwas ändert sich in der Unterhaltung der beiden Japanerinnen. Ihre Sprache wird musikalischer, nähert sich einer noch unbestimmten Tonfolge, sucht nach einer Melodie. Nimmt an Kraft und Fülle zu, ohne laut zu sein. Kein Zweifel, das ist geschulter, beherrschter Gesang, ohne Worte, nur mit einzelnen unterlegten Silben. Ähnlich verhalten sich Sänger, wenn sie sich nicht völlig verausgaben wollen. Auch meine Mitfahrerinnen halten ihre Stimmen zurück, lächelnd und unbefangen. Immer deutlicher ist es nun zu erkennen, das Loreleylied. Aber die Sängerinnen wirken gar nicht traurig, sind fröhlich und selbstbewusst.
Schließlich lassen wir den berühmten Felsen hinter uns. Die Frauen unterhalten sich nur noch leise. Eine blickt kurz zu mir herüber, amüsiert. Nach einer halben Stunde steige ich aus. Noch ein Blick.

Auf dem Bahnsteig -
Du läufst mir entgegen
mit wehendem Haar



Das Prosastück nach japanischem Vorbild wurde von Hans Lesener auf die Ausschreibung vom Februar 2008 als "Schlüsseltext" eingesandt.
Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Ein weiterer Schlüsseltext folgt am 15.9.2008

Freitag, 1. August 2008

im porzellanhimmel


wie ein elefant
wäre ich sanft
still
wäre ich grau


schon heften die wolken
ein anderes wort
hell
ans delfter blau



von
Udo Wenzel

Mittwoch, 16. Juli 2008

"Second Life"


Ein Haibun von Beate Conrad



Du schreibst so, als ob es meine Anschauungen, meine Gedanken, meine Empfindungen sind. ― Nein, mich interessiert weder dein Alter, noch dein tatsächliches Aussehen. Je weiter entfernt du bist, desto besser.


Vor der Wohnungstür
Kinderrufe ... eine Frau ...
ein Schlüsselbund fällt.


Einfach
Mensch sein dürfen,
einmal nur.


Er tippt in das Antwortfeld und klickt auf den Sendeknopf.



Dieses kurze Prosastück wurde von Beate Conrad auf die Ausschreibung vom Februar 2008 als "Schlüsseltext" eingesendet.
Beate Conrad ist 1961 in Norddeutschland geboren. Sie lebt in den USA, beschäftigt sich seit 2005 mit der Haiku-Dichtung, ab 2006/7 auch mit Haiga und Haiku-Prosa. Sie ist Mitglied in Haiku-Gesellschaften verschiedener Länder.

Homepage von Beate Conrad.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Weitere Schlüsseltexte folgen am 15.8. und 15.9.2008.

Dienstag, 1. Juli 2008

weizenfelder



die weizenfelder

tragen das meer übers land.

kenternder traktor.



von Jan Wagner

Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg. Studium der Anglistik/Amerikanistik in Hamburg, Dublin, Berlin. Lebte bis 1995 in Hamburg, jetzt in Berlin. Initiator und Mitherausgeber der internationalen Literaturschachtel "Die Außenseite des Elements". Seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes "Probebohrung in den Himmel" (2001) ist er als freier Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer tätig. Er verfasst regelmäßig Rezensionen, z.B. für die Frankfurter Rundschau und für andere Zeitungen sowie den Rundfunk, und übersetzt englischsprachige Autoren wie Charles Simic, James Tate, Jo Shapcott, Simon Armitage, Matthew Sweeney und viele andere. Seine Übersetzungen erscheinen als Bücher, als Artikel in Literaturzeitschriften und in Anthologien. Im September 2007 erschien sein dritter Gedichtsband „Achtzehn Pasteten“ im Berlin-Verlag. Jochen Jung schreibt dazu in der ZEIT vom 29.5.2008: "Nun sind ja all die Jungen, die gerade dabei sind, uns eine wahrhaft glanzvolle Ära der deutschen Lyrik zu bescheren - haben es auch schon alle gemerkt? - ausgemachte Könner und Kenner ihres Handwerks. Jan Wagner aber ist da noch mal ein besonderer Fall, weil bei ihm das Vergnügen, das er selbst im Umgang mit seinen Mitteln hat, so offenbar spürbar ist, dass es ansteckt und man beim Lesen selber in die heiterste Stimmung kommt."
Jan Wagner erhielt u.a. den Mondseer Lyrikpreis (2004), den Anna-Seghers-Preis (2004) und den Ernst-Meister-Preis (2005).
Zeitgleich erscheint ein Interview mit Jan Wagner auf dem Haiku-Steg: Auf Zehenspitzen.


Gedicht aus: Jan Wagner. Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2004. Seite 41 (Auszug aus: ein japanischer ofen im norden).

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.



Sonntag, 15. Juni 2008

Eine Kriegsgeschichte


von Felix Linz, Jelle Leon Stolze und Lisbeth Lene Wenzel


Ein Riesenroboter mit Keule und Laserpistole schoss einen anderen Roboter damit tot. Der kaputte Laserroboter ist wieder zum Leben erwacht und wurde sofort wieder totgeschossen. Dann kamen die Panzer und haben versucht, den Riesenroboter zu Schrott zu schießen. Dann hat der Riesenroboter mit einem Schuss den Panzer mit den Soldaten abgeschossen. Dann kam ein anderer Panzer und hat einen anderen Panzer totgeschossen. Und ein anderer Panzer hat sich selber totgeschossen. Dann kamen lauter Roboter und haben versucht, den ganzen Schrott wegzuräumen. Das haben sie aber nicht geschafft, weil ganz viele Riesenroboter sie totgeschossen haben. Dann kamen lauter Darsfalter und haben mit ihrem Laserkanonen auf die Riesenroboter geschossen. Und dann kamen die Panzer von den Darsfaltern und haben die anderen Panzer totgeschossen. Da kam Darswader und hat mit seinem Laserschwert die ganze Panzer- und Roboterwelt und mit seiner Laserpistole auch die anderen totgeschossen. Da kamen aber aus einer anderen Welt Krieger und haben Starwars totgeschossen.

Felix Linz, Jelle Leon Stolze und Lisbeth Lene Wenzel (alle geb. 2002) sind Kinder der Waldkindertagesstätte Hamburg-Bergedorf der AWO. Innerhalb eines Projekts diktierten sie den Erziehern selbst erfundene Geschichten. Vielleicht werden spätere friedliebendere Generationen sich einmal diese Geschichte vorlesen, um sich an die Absurdität des Krieges zu erinnern.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Kinder und ihrer Erziehungsberechtigten.

Sonntag, 1. Juni 2008

TELEGRAMM VON EINER SEE



die Küste: mehr oder weniger

Randgebiet. das Wasser: eher signifikant

die Wellen: freie Radikale.



von Ron Winkler

Ron Winkler, geboren 1973. Studium von Germanistik und Geschichte in Jena. Tätigkeiten als Redakteur und Lektor. Derzeit freier Schriftsteller und Übersetzer. Lebt in Berlin. "Telegramm von einer See" wurde auch als Auftragsarbeit der Literaturwerkstatt Berlin von der argentinischen Komponistin Ana María Rodriguez für Sprecher, Instrumente und Live-Elektronik musikalisch umgesetzt und beim poesiefestival berlin 2007 uraufgeführt. Weitere Aufführungen 2007 im Konzerthaus Berlin und in der Carnegie Hall, New York.


"Geschult an der Tradition der deutschen Naturlyrik von der Romantik bis zur Naturmagischen Dichtung gelingt es ihm, das Naturgedicht ein weiteres Mal zu aktualisieren und als Referenz eines modernen Lebensgefühls nutzbar zu machen. Dabei sind die Analogien, von einer Landschaft auf einen Text und von einem Text auf eine Landschaft zu schließen, noch einmal unterbrochen von einem in Natur gestelltem Subjekt, das als meinungskompetente Person ebenso inszeniert wird wie als Rede- und Denkfigur. Beide Konfigurationen sind gekennzeichnet von Ironie und Selbstironie, Spiel und Komik sowie immer auch von existenzieller Ernsthaftigkeit."
(aus der Begründung der Jury für die Verleihung des Leonce-und-Lena-Preises 2005)


Zur Homepage von Ron Winkler.


Gedicht aus: Ron Winkler. Fragmentierte Gewässer. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2007. Seite 25.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.



Donnerstag, 15. Mai 2008

Nachthügel

von Itô Yûki

Kann es sein,
diese schlaflose Nacht wird
Hügel genannt?



眠られぬ夜を坂と呼ぶのか
ねむられぬよるをさかとよぶのか
nemurarenu yoru o saka to yobu no ka





Dieses Haiku des jungen japanischen Haiku-Dichters Itô Yûki wurde im vergangenen Jahr auf der Website der Gendai Haiku Kyokai lobend erwähnt als gelungenes Beispiel für ein zeitgenössisches Haiku ohne Jahreszeitenbezug. Morisu Ran, die Haiku-Lehrerin von Itô Yûki, kommentierte:

"Gewöhnlich erholt man sich in der Schlafenszeit. Doch eine Nacht ohne Schlaf kann sich dahinziehen wie ein Hügel in weiter Ferne. Auf diesem Hügel existieren weder Straße noch Pfad. Ich denke, der Autor dieses Haiku ist bergauf unterwegs. Derzeit [September 2007] ist er Student im ersten Jahr seiner Doktorandenlaufbahn (an der Universität von Kumamoto), er ist 24 Jahre alt. Aber er scheint sich in einer Art Krise zu befinden, er ist in Sorge, wie sein Alltagsleben bewältigt werden kann. Das Haiku von Itô Yûki ist kein Haiku im üblichen Sinne, es ist vielmehr eine Art poetisches Raunen. Es könnte der Autor selbst sein, der die im Gedicht gestellte Frage beantwortet. Möglicherweise muss er diesen Hügel immer wieder aufs Neue ersteigen. Stürzt er, wird er nicht nach unten zurückkehren, sondern erneut hinauf steigen. Wir können dieses Raunen hören, doch trägt es keine Anzeichen von Resignation. Das Wandern scheint Gewinn zu bringen; erst das Raunen erlaubt, wenn man so will, die Selbstbefragung in einer schlaflosen Nacht.
In der Jungianischen Psychologie gibt es die Vorstellung einer „Reise in die Nacht“, in der man dem Unbewussten begegnet und es zu überwinden versucht. Ganz ähnlich verweist die „schlaflose Nacht“ in Itôs Haiku auf die Zeit, in der der Dichter darüber sinniert, wie er sich für den nächsten Anbruch des Tages rüsten kann; eine Initiation, die dazu dient, sich in ein neues Selbst zu verwandeln."



Quelle des Haiku: Saien Anthology V. (Tôkyô: private Veröffentlichung, 2006)
Gendai Haiku Database by Gendai Haiku Kyôkai [Modern Haiku Association]



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Itô Yûki

Donnerstag, 1. Mai 2008

Traumeswirren





Michael Denhoff wurde 1955 in Ahaus/Westfalen geboren. Er ist Komponist und Musiker und schreibt seit einigen Jahren auch Haiku. Im obigen Video verbindet er unter Einsatz von Flash-Video Musik und Dichtung. Er kombinierte eine Auswahl seiner Haiku & Dreizeiler mit neun kurzen Klavierstücken (NACHTSCHATTENGEWÄCHSE), die er zwischen 2001 und 2004 schrieb und gestaltete so insgesamt neun Kurzvideos.

Die restlichen Videos sind über die folgenden Links aufrufbar:
1. [ein Hauch Vergangenheut]
2. [... sieh, das Licht!]
3. [der Sonne entgegen ...]
4. [banges Warten]
5. [- Warum? -]
6. [ach, wie flüchtig ...]
7. [... hörst du den Mondwind]
8. [... ins Ungewisse ...]

Michael Denhoff unternahm mit zehn Jahren erste Kompositionsversuche und erhielt dabei entscheidende Impulse durch Günter Bialas. Ab 1973 studierte er bei Siegfried Palm und Erling Blöndal-Bengtsson Violoncello, bei Jürg Baur und Hans Werner Henze Komposition, sowie mit dem Denhoff-Klaviertrio beim Amadeus-Quartett Kammermusik.
Von 1976 bis 1980 war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.
1984-85 Lehrauftrag für Tonsatz an der Universität Mainz. Heute lebt er als freischaffender Komponist und Cellist in Bonn. Dort war er von 1985-1992 Leiter des Akademischen Orchesters Bonn und ist er seit 1992 Mitglied im Ludwig-Quartett Bonn. Seit 1996 engere Zusammenarbeit mit der Pianistin Birgitta Wollenweber als Duo.
Daneben diverse Dozententätigkeiten als Kammermusiker und Komponist, darunter u. a. 1997/99 Gastprofessur am Nationalen Konservatorium in Hanoi (Vietnam).
Für sein kompositorisches Schaffen erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen. 1986-87 ermöglichte ihm das Villa-Massimo-Stipendium einen 1-jährigen Studienaufenthalt in Rom. 1996 Arbeitsstipendium „Villa La Collina” in Cadenabbia.

Zahlreiche CDs dokumentieren sein umfangreiches Oeuvre. Denhoffs Werke werden weltweit aufgeführt.


Website von Michael Denhoff



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright by Michael Denhoff.



Dienstag, 15. April 2008

Die Mäuse

von Kaneko Kun'en


Auf dem Bord des Küchenregals liegt, einfach so hingelegt, ein toter Vogel.
Matt scheint die Nachmittagssonne durch das Dachfenster auf seine grauen Flügel.
In der Küche sind weder Koch noch Küchenmädchen.
Aus dem Schatten des großen Wasserkruges kommen ein paar Mäuse hervor.
Alles ist sauber aufgeräumt, und auf dem Boden nicht einmal der Schnipsel eines Kohlblatts.
Die Mäuse sind ein wenig ängstlich, außerhalb des Verstecks so ungeschützt umherzulaufen.
Wie verabredet schauen die mehr als zehn listigen Äuglein zu dem toten Vogel auf dem Bord empor.
Eine Maus klettert leichtfüßig und behende auf das Bord und macht sich mit ihren scharfen Zähnen über den Kopf des toten Vogels her, dessen Augen nur das Weiße zeigen. Ebenso die nächste Maus, und die nächste ...
Aus dem abgetrennten Kopf tropft Blut in den Wasserkrug.
Mit einem lauten Knall wird da die Küchentür aufgestoßen. Flugs sind die Mäuse in ihrem Versteck hinter dem Wasserkrug verschwunden.
Das Küchenmädchen schöpft Wasser aus dem Krug, um das Geschirr zu spüIen.
Auf dem Bord überlegt sich eine besonders ungeduldige Maus, wie sie den Kopf des Vogels wohl am besten in das Mauseloch bringen kann.

(aus: Agnes Fink-von Hoff. Petitessen, Pretiosen. Die Prosaminiatur in Japan um 1910. iudicium Verlag München, 2006


Der japanische Tanka-Dichter Kaneko Kun'en (1876-1951) rief 1902 als Gegenbewegung zur romantischen Lyrik in Japan die sogenannte Jokeishi jokeika undô (Bewegung für realistisch skizzierende Natur- und Landschaftspoesie) ins Leben. Später wandte er sich dem Naturalismus zu, wodurch die realistische Tendenz noch verstärkt wurde. Der vorliegende Text stellt die Szenerie shasei-artig dar; auch im Original zeigt das Prosastück einen verknappten umgangssprachlichen Stil, der vornehmlich von Nomina und Verben geprägt ist. Das Buch Petitessen, Pretiosen von Agnes Fink-von Hoff ist hervorragend recherchiert und bietet einen sehr guten Einblick in die Geschichte und die vielfältigen Konzepte der japanischen Prosaminiatur, die zum Teil auch mit Poetiken der Haiku- und Tanka-Dichtung verbunden sind.



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des iudicium Verlags. Copyright für Bild und Text beim Verlag.


Dienstag, 1. April 2008

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 6

Dōshokubutsu – Pflanzen und Tiere


Haiku


死の時を知りたる巨象うしろ見ず
shi no toki o shiritaru kyozō ushiro mizu

von Takaya Sōshu


Übersetzungen



Um seinen Tod wissend,
der mächtige Elefant
schaut nicht zurück



[knowing its death
an enormous elephant:
not looking back]


Muki-Kategorien


動植物(どうしょくぶつ)dōshokubutsu: Pflanzen und Tiere
象(ぞう) zō: Elefanten
巨象(きょぞう) kyozō: riesige Elefanten


Bild


Ein großer Elefant schaut nicht zurück, er weiß um seinen eigenen Tod.

Interpretationen


1. Der Elefant weiß um seinen nahenden Tod. Er lebt in Würde und Frieden und hat seine Ruhe gefunden, es gibt nichts in seinem Leben, das er bereuen müsste. Dieser Elefant symbolisiert eine gebieterische ältere Person (Mann), die ihr Leben kraftvoll gelebt hat.
2. In diesem Gedicht ist der Elefant als ein Tier mit starkem Willen und einer würdevollen Erscheinung dargestellt. Ruhig nimmt er seinen Tod an. Weder bereut er die Vergangenheit noch fürchtet er das Sterben. Das Gedicht kann als Frage des Autors interpretiert werden – was werden wir in unserem letzten Moment tun? Tiere sind dem Nirwana näher als menschliche Wesen.
3. Japan ist nicht der angestammte Lebensraum von Elefanten. Doch wurde die Vorstellung des Elefanten aus Indien und China importiert, in seiner Bedeutung als eines der mythischen Tiere antiker Zeit. In Indien hält man Elefanten für heilig. Die hinduistische Gottheit Ganesha hat den Kopf eines Elefanten und den Körper eines Menschen, in Sanskrit wird sie Ganeza genannt: „Herr aller Wesen“. Im Buddhismus ist die Gottheit als eine der Wächtergottheiten anerkannt. Im japanischen Buddhismus nennt man sie Kangi-ten, „Gottheit der Liebe und der Freude“. Sie verkörpert auch das sexuelle Vergnügen. Deshalb wird die Gottheit im japanischen Buddhismus nicht nur als Halb-Elefant dargestellt, sondern auch als Mann und Frau im Liebesakt.
Vor dem Mittelalter existierten keine Elefanten in Japan, aber es gibt einige Ortsnamen, die sich auf Elefanten beziehen. Einer lautet Zōzusan (Elefantenkopf-Berg). 1766 besuchte der bedeutende Haikudichter Buson diesen Ort und schrieb das berühmte Haiku:


象の目の笑いかけたり山桜 
zō no me no waraikaketari yamazakura

Ein Elefantenauge lacht -
Bergkirschen blühen


Dieses Haiku ist inspiriert vom Namen des Ortes und seiner geologischen Gestalt. Zōzusan hat die Form eines Elefantenkopfes, der Schrein auf dem Berg sieht aus wie ein Elefantenauge.


Historisch / kulturelle Anmerkung


Im Jahr 1408 (während des Shōgunats von Ashikaga Yoshimochi) kam der erste Elefant nach Japan. Er befand sich auf einem spanischen oder portugiesischen Schiff, das in Südostasien unterwegs war. Die nächsten Elefanten trafen im Jahr 1597 (während der Regierungszeit von Kampaku Toyotomi Hideyoshi) ein und danach wieder 1602 (Shōgunat von Tokugawa Ieyasu). 1728 wurden zwei Indische Elefanten nach Nagasaki gebracht. Der Shōgun Tokugawa Yoshimune befahl, einen der beiden nach Edo zu transportieren, um ihn besichtigen zu können. Das Ereignis beeindruckte die Ansässigen und führte dazu, dass viele Bilder und Bücher von Elefanten gemalt und veröffentlicht wurden. 1888 wurden zwei Elefanten in den Ueno-Zoo nach Tôkyô gebracht.
Der Elefant ist in Japan bei Kindern sehr beliebt, er wird für stark und warmherzig gehalten. Die meisten japanischen Zoos besitzen Elefanten, am berühmtesten ist der Ueno-Zoo. Dieser Zoo und sein Elefant erinnerten uns an die traurige Geschichte Ein mitleiderregender Elefant (und die Verfilmung Ein Zoo ohne Elefant, 1982). Sie handelt von einem Ereignis während des Pazifikkrieges, als die japanische Regierung befahl, in jedem Zoo "alle wilden Tiere zu töten". Die Tragik des Krieges und die Hoffnung auf Frieden sind darin ausgedrückt.

Nachbemerkung


Für die Übersetzungen begannen wir zunächst unabhängig voneinander Bilder und Sprache eines jeden Haiku zu beschreiben. Nachdem wir unsere eigenen Bilder, Deutungen und verschiedene kulturelle Aspekte überlegt hatten, übersetzten wir die Haiku gemeinsam in die englische Sprache und recherchierten nach historischen, kulturellen und lexikalischen Vorstellungen, die während der Lektüre entstanden waren. Zwangsläufig entstanden bei den meisten Haiku mehrere Bilder und Deutungen, da jeder Leser seine eigene Auffassung hinzufügte. Wir fanden es interessant, vermittelt durch den Entstehungsprozess mehr über das zeitgenössische Haiku zu erfahren und wir würden uns freuen, wenn unsere Arbeit den englischen (und deutschen (d. Übersetzer)) Lesern eine Kostprobe des zeitgenössischen Haiku geboten hat.


Das ist der letzte Teil der Reihe zum Muki-Haiku. Der gesamte Aufsatz inkl. Vorwort ist in der Ausgabe März 2008 der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, SOMMERGRAS erschienen. Er steht auf der Website der DHG und auch auf dem Haiku-Steg zum Download zur Verfügung.


Quelle:
The Season of 'No-Season' in Contemporary Haiku: The Modern Haiku Association Muki-Kigo Saijiki. In: Simply Haiku: A Quarterly Journal of Japanese Short Form Poetry. Summer 2006, vol. 4 no. 2



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 (natürliche Phänomene) ...
Folge 2 (Geographie) ...
Folge 3 (Welt der Menschen) ...
Folge 4 (Leben) ...
Folge 5 (Kultur) ...

Sonntag, 16. März 2008

Osterwasser


Ein Rengay von
Horst Ludwig und Udo Wenzel



Licht im Taufbecken,
die Wundmale und das Jahr
nach schwerem Dunkel.


Noch glimmt es in der Asche
des vergangenen Tages.


Gleitende Wasser
durch geglättetes Gestein.
Osterwanderung.


Das Buch zugeklappt.
Von weiten Wegen blinken
farbige Kleider.


Luftig die neue Bluse.
Für barfuß ist's noch zu früh.


Über die Brücke…
das Gelb der Forsythien
weist in die Ferne.



(Horst Ludwig: 1, 3, 5; Udo Wenzel: 2, 4, 6)


Horst Ludwig wurde bereits in der Ausgabe 07/2007 des Taubenschlags vorgestellt.


Samstag, 1. März 2008

Kusamakura Haiku-Wettbewerb 2007




orchard
two ladders leaning
height of summer


von Klaus-Dieter Wirth


Dritter Preis im 12. Kusamakura Haiku-Wettbewerb 2007




Obstgarten
zwei angelehnte Leitern
Hochsommerzeit


Übersetzung vom Autor. Klaus-Dieter Wirth, geboren 1940 in Neuss. Lebt in Viersen am Niederrhein und in Burg an der Mosel. Studium moderner Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch). Lehrte an weiterführenden Schulen, in der Erwachsenenbildung und 15 Jahre an der Universität Düsseldorf (Linguistik und Literaturübersetzung). Zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik, Haiku/Senryû und Essays in diversen nationalen und internationalen Anthologien und Zeitschriften. Aktiv als Mitglied in Haiku-Gesellschaften von Großbritannien, Frankreich, Niederlande/Belgien, USA, Kanada, Japan sowie in mehreren Internet-Foren (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch). Redaktionsmitglied des GONG der französischen Haikugesellschaft AFH und der deutsch-englischen elektronischen Zeitschrift CHRYSANTHEMUM.



Über den internationalen Kusamakura Haiku-Wettbewerb berichtete ich bereits im März 2007. Dieses Jahr wählte jeder der beiden Juroren, Richard Gilbert und Morio Nisihkawa, 10 Haiku für den dritten Preis aus, darunter war jeweils ein Haiku eines deutschen Autoren: Neben Klaus-Dieter Wirths Haiku wurde auch erneut eines meiner Gedichte ausgezeichnet:


one rose
unfolds
another



eine Rose
entfaltet
eine andere




Der Große Preis Taishou wurde am 24. November 2007 der US-Amerikanerin Alexis Rotella überreicht. Das Haiku lautet:


Near dusk -
the sound of the last
fishing boat.


Nahe Dämmerung -
der Klang des letzten
Fischerbootes.



Interview mit Alexis Rotella


Offizielle Website des Wettbewerbs


Freitag, 15. Februar 2008

Der goldene Schlüssel


Ein Märchen der Gebrüder Grimm - KHM 200

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bißchen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur paßt! dachte er, es sind gewiß kostbare Sachen in dem Kästchen. Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, daß man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

Anmerkung der Brüder Grimm:

Aus Hessen. Ein ähnliches Märchen aus dem Bernburgischen in dem Deutschen Sprachbuch von Adolf Gutbier (Augsb. 1853)
843 Hühnchen findet ein Schlüsselchen im Mist und Hähnchen findet ein Kästchen. Es wird aufgeschlossen, und es liegt darin ein kleines, kurzes, rothseidenes Pelzchen. Wäre das Pelzchen länger gewesen, so wäre auch das Märchen länger geworden.




Ausschreibung


Dieses frühe Beispiel kleiner Prosa offenbart den Reiz der Unabgeschlossenheit, Einfachheit und Spontaneität kurzer Erzählkunst. Jean Paul schrieb in "Bittschrift aller deutscher Satiriker":

"In den kleinsten Tieren zirkuliert das heißeste Blut;
gerade so steigt die Wärme der Ideen mit der Kleinheit des Tummelplatzes."


Lassen Sie sich inspirieren: Schreiben Sie selbst eine Prosaminiatur, die das Motiv des Schlüssels aufgreift. Es können Texte sein, die eine Nähe zur Skizze, zur Erzählung oder zum Gedicht aufweisen. Auch Texte nach dem Vorbild japanischer Haibun (Prosa mit Haiku) sind möglich. Vermeiden Sie abgedroschene Formulierungen und Metaphern. Entdecken (oder verstecken) und gestalten Sie das Motiv durch Ihre Brille: durch Ihr Empfinden und Ihre persönliche Ausdruckweise.


Senden Sie Ihren Beitrag bis zum 31.05.2008 an

udo.wenzel@gmx.de
Betreff: "Schlüsseltext".


Die gelungensten Exemplare werden im "Taubenschlag" in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 veröffentlicht. Der eingesandte Text sollte 200 Wörter nicht überschreiten.


Freitag, 1. Februar 2008

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 5

Bunka – Kultur


Haiku


忘れていた詩集の紙で指を切る
wasureteita shishyu no kami de yubi o kiru

von Doi Hiroko


Übersetzungen



Sich den Finger schneiden
an liegen gebliebenen Gedichten


oder:

Die Blattkante
eines vergessenen Gedichtbandes
schneidet in meinen Finger


[cut a finger
on neglected poems
or:
the edge of a page
of a forgotten poetry book
cuts my finger]


Muki-Kategorien


文化(ぶんか)bunka: Kultur
詩(し)shi: Dichtung
現代詩(げんだいし)gendai-shi: Moderne Dichtung
詩集(ししゅう)shi shū: Gedichtsammlung


Bild


Die Autorin entdeckt eine Gedichtsammlung wieder; sie hat vergessen, dass sie sich in ihrem Besitz befindet. Beim Blättern schneidet sie sich mit einer Blattkante in den Finger.

Interpretationen


1. „Gedichte“ (shishū) sind, insbesondere Haiku, und dieses Gedicht zeigt die Revanche der Haiku. Worte haben Macht. Jedes Gedicht enthält die Seele des Dichters, also ist eine Anthologie so etwas wie eine Sammlung von Dichterseelen.
2. Ein Schnitt an einer Blattkante ist trivial, doch verursacht er einen schneidenden und überraschenden Schmerz. Dieses schneidende und unerwartete Empfinden impliziert das eindringliche, bewegende Gefühl beim Lesen des Gedichts.
3. Ein alter Gedichtband wird aus einem Bücherregal geholt, das verursacht einen Schnitt in den Finger der Autorin. Der Schmerz ist die Erinnerung an die jugendliche Unschuld, an Dichtung und Träume.
4. Es könnte auch sein, dass es sich bei der Gedichtsammlung nicht um ein tatsächliches Buch handelt, sondern lediglich um Gedichte im Bewusstsein der Autorin. Vielleicht erinnert sie sich an ein trauriges Gedicht und erfährt dabei einen Schmerz, als habe sie ihr Inneres statt ihren Finger verletzt.



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 (natürliche Phänomene) ...
Folge 2 (Geographie) ...
Folge 3 (Welt der Menschen) ...
Folge 4 (Leben) ...

Letzte Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 01.04.2008

Dienstag, 15. Januar 2008

harter januar



Am schuppen im schnee

ausgekernte sonnenblumenblütenkörbe



Einer am himmel





von Reiner Kunze

Reiner Kunze wurde 1933 in dem erzgebirgischen Ort Oelsnitz geboren. Der Bergarbeitersohn studierte in Leipzig Philosophie und Journalistik. 1959 veröffentlichte er erste Gedichte, 1962 ließ er sich im thüringischen Greiz als Schriftsteller nieder. Beeinflusst von den Ereignissen des Prager Frühlings trat er 1968 aus der SED aus. 1976 wurde er aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, kurz nachdem er in der Bundesrepublik den Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ veröffentlicht hatte. 1977 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über. In der Aktennotiz des DDR-Staatssicherheitsdienstes hieß es: «13.09 Uhr K. verlässt Kontrollpunkt in Richtung Hinterland».
Für sein lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk wurde Reiner Kunze mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. 1977 mit dem Georg-Büchner-Preis.
Die meisten Gedichte zu seinem jüngsten Buch „lindennacht“ entstanden in den Jahren 2005 und 2006. Es wird mit einem Motto des finnischen Schriftstellers Paavo Haaviko eingeleitet: „Wenn du langsam gehst, holst du ihn schließlich ein, den alten Mann, der du bist, und seinen Schatten.“ Das Buch beginnt mit Gedichten über seine Kindheit, die von Armut und dem harten Tagwerk der Bergleute geprägt ist. Schon nach wenigen Seiten zeigt sich ein Grundthema, die Erfahrung des Alterns und der Tod, in vielen Gedichten ist er direkt oder vermittelt anwesend. „Die welt entfernt sich“, schreibt Reiner Kunze an einer Stelle seines Alterswerks. Und doch bringt er sie dem Leser in unscheinbar wirkenden, alltäglichen Beobachtungen ganz nah. Noch stärker als seine früheren Gedichte lebt das Buch von der Fähigkeit, mit wenigen Mitteln poetische Räume zu eröffnen. Wo Reiner Kunze Landschaften und Naturszenen beschreibt, wo er allzu vordergründige Bedeutung weglässt und nichts aussagen möchte, wie in „harter januar“, trifft das zu, was er selbst in einem seiner kurzen Gedichte schreibt, dass das Gedicht entlang dem Staunen siedelt. Seine Fähigkeit, scheinbar kunstlos Kunst zu erzeugen, ist von der Haiku-Dichtung beeinflusst. Paradoxerweise erinnern aber ausgerechnet die zwei Gedichte, die das Wort Haiku („schule des haiku“ und „altershaiku“) im Titel tragen, mehr an epigrammatische Sinnsprüche in 5-7-5 Silbenform als an Haiku. Dagegen kommen andere Werke wie das obige Gedicht, die der Autor nicht als Haiku bezeichnet, einem zeitgemäßen Verständnis von Haiku-Dichtung nahe.



Gedicht aus: Reiner Kunze. lindennacht. gedichte. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Homepage von Reiner Kunze.



Dienstag, 1. Januar 2008

Am Fenster



Was bleibt mir an Wünschen?

Die Ferne.

Die Nähe.


von Ko Un


Ko Un wurde 1933 in Südkorea geboren. Sein umfangreiches Œuvre hat viele Facetten, zu seinen Werken zählen Gedichte, Romane, Essays, Reisebücher, Autobiografien, literaturkritische und politische Arbeiten und Übersetzungen aus dem Chinesischen. Der 2007 erschienene Lyrikband „Beim Erwachen aus dem Schlaf“ vereinigt Werke von vier früheren Lyriksammlungen, die in den 1990er Jahren in Südkorea erschienen sind. Das Buch enthält, im Gegensatz zu den bisher auf Deutsch erschienenen Gedichtbänden, nur wenige politische Gedichte. Als junger Mann war Ko Un Zenmönch. Nach einem Zwangsdienst in der koreanischen Volksarmee hatte er sich in ein Zen-Kloster geflüchtet. Einige seiner politischen Gedichte wurden in den koreanischen Studentenunruhen der 1960er Jahre zu Widerstandshymnen. 1962 gab er das Mönchsleben offiziell als Protest gegen den sich zum Buddhismus bekennenden Militärmachthaber Park Chung-Hee auf und wandte sich dem weltlichen Leben zu. Persönliche Krisen und Suizidversuche folgten. 1973 hatte Ko Un eine führende Rolle in der koreanischen Demokratiebewegung inne. Während der Diktatur geriet er in den Fokus des Geheimdienstes, wurde verfolgt, mehrfach inhaftiert und gefoltert. Im Mai 1980 wurde der Dichter wegen Hochverrats angeklagt, vor ein Kriegsgericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Während der Haft im Militärgefängnis musste er täglich mit seiner Exekution rechnen. Aufgrund einer Generalamnestie wurde er 1982 zwar aus dem Gefängnis entlassen, stand aber weiterhin unter Hausarrest. Erst im Zuge der „Sonnenscheinpolitik“ des ab 1997 amtierenden Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Kim Dae-jung wurden die Repressalien gegen Ko Un aufgehoben. Im Juni 2000 nahm der renommierte Schriftsteller gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten und einer Verhandlungsdelegation an den Annäherungsgesprächen zwischen Nord und Süd in Nordkorea teil. Ko Un wurde bereits dreimal für den Literaturnobelpreis nominiert. Es liegen mehr als 130 Publikationen von ihm vor. Seine Texte sind stark sowohl vom politischen Engagement als auch von buddhistischer Philosophie geprägt.

"Die Lehre, die ich als Mönch erfahren habe, war sehr hart. Etwa zehn Jahre lang habe ich versucht, die Sprache zu verwerfen: das Schreiben und auch das Sprechen. Doch auch innerlich soll man sich nicht an Gefühle oder an Wissen klammern, sondern alles loslassen. Nach etwa zehn Jahren las ich dann in einem Buch, dass es zwei verschiedene Arten von Wahrheit gibt: Die eine Wahrheit beruht auf der Sprache, die andere auf der Nicht-Sprache. Die Sprache, die Wahrheit ausdrücken will, verfolgt keine Ziele und hat keine Mission, sie besteht nur darin, die Wahrheit konzentriert zu erfassen. Wenn man auf diese Weise Gedichte schreibt, kommt man dem, was man als schweigsamer Mönch liebt, dann schließlich wieder sehr nah."



















Gedicht aus: Ko Un. Beim Erwachen aus dem Schlaf. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Kim Miy-He und Sylvia Bräsel. Mit einem Vorwort des Autors und einem Nachwort von Sylvia Bräsel. Wallstein-Verlag, Göttingen 2007.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Wallstein-Verlags.

Fotografie von Udo Wenzel (Ausschnitt aus der Installation "Dining Room" von Melissa Martin. Wanås Skulpturenpark, Südschweden 2006.)