Dienstag, 15. Januar 2008

harter januar



Am schuppen im schnee

ausgekernte sonnenblumenblütenkörbe



Einer am himmel





von Reiner Kunze

Reiner Kunze wurde 1933 in dem erzgebirgischen Ort Oelsnitz geboren. Der Bergarbeitersohn studierte in Leipzig Philosophie und Journalistik. 1959 veröffentlichte er erste Gedichte, 1962 ließ er sich im thüringischen Greiz als Schriftsteller nieder. Beeinflusst von den Ereignissen des Prager Frühlings trat er 1968 aus der SED aus. 1976 wurde er aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, kurz nachdem er in der Bundesrepublik den Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ veröffentlicht hatte. 1977 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über. In der Aktennotiz des DDR-Staatssicherheitsdienstes hieß es: «13.09 Uhr K. verlässt Kontrollpunkt in Richtung Hinterland».
Für sein lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk wurde Reiner Kunze mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. 1977 mit dem Georg-Büchner-Preis.
Die meisten Gedichte zu seinem jüngsten Buch „lindennacht“ entstanden in den Jahren 2005 und 2006. Es wird mit einem Motto des finnischen Schriftstellers Paavo Haaviko eingeleitet: „Wenn du langsam gehst, holst du ihn schließlich ein, den alten Mann, der du bist, und seinen Schatten.“ Das Buch beginnt mit Gedichten über seine Kindheit, die von Armut und dem harten Tagwerk der Bergleute geprägt ist. Schon nach wenigen Seiten zeigt sich ein Grundthema, die Erfahrung des Alterns und der Tod, in vielen Gedichten ist er direkt oder vermittelt anwesend. „Die welt entfernt sich“, schreibt Reiner Kunze an einer Stelle seines Alterswerks. Und doch bringt er sie dem Leser in unscheinbar wirkenden, alltäglichen Beobachtungen ganz nah. Noch stärker als seine früheren Gedichte lebt das Buch von der Fähigkeit, mit wenigen Mitteln poetische Räume zu eröffnen. Wo Reiner Kunze Landschaften und Naturszenen beschreibt, wo er allzu vordergründige Bedeutung weglässt und nichts aussagen möchte, wie in „harter januar“, trifft das zu, was er selbst in einem seiner kurzen Gedichte schreibt, dass das Gedicht entlang dem Staunen siedelt. Seine Fähigkeit, scheinbar kunstlos Kunst zu erzeugen, ist von der Haiku-Dichtung beeinflusst. Paradoxerweise erinnern aber ausgerechnet die zwei Gedichte, die das Wort Haiku („schule des haiku“ und „altershaiku“) im Titel tragen, mehr an epigrammatische Sinnsprüche in 5-7-5 Silbenform als an Haiku. Dagegen kommen andere Werke wie das obige Gedicht, die der Autor nicht als Haiku bezeichnet, einem zeitgemäßen Verständnis von Haiku-Dichtung nahe.



Gedicht aus: Reiner Kunze. lindennacht. gedichte. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Homepage von Reiner Kunze.



Dienstag, 1. Januar 2008

Am Fenster



Was bleibt mir an Wünschen?

Die Ferne.

Die Nähe.


von Ko Un


Ko Un wurde 1933 in Südkorea geboren. Sein umfangreiches Œuvre hat viele Facetten, zu seinen Werken zählen Gedichte, Romane, Essays, Reisebücher, Autobiografien, literaturkritische und politische Arbeiten und Übersetzungen aus dem Chinesischen. Der 2007 erschienene Lyrikband „Beim Erwachen aus dem Schlaf“ vereinigt Werke von vier früheren Lyriksammlungen, die in den 1990er Jahren in Südkorea erschienen sind. Das Buch enthält, im Gegensatz zu den bisher auf Deutsch erschienenen Gedichtbänden, nur wenige politische Gedichte. Als junger Mann war Ko Un Zenmönch. Nach einem Zwangsdienst in der koreanischen Volksarmee hatte er sich in ein Zen-Kloster geflüchtet. Einige seiner politischen Gedichte wurden in den koreanischen Studentenunruhen der 1960er Jahre zu Widerstandshymnen. 1962 gab er das Mönchsleben offiziell als Protest gegen den sich zum Buddhismus bekennenden Militärmachthaber Park Chung-Hee auf und wandte sich dem weltlichen Leben zu. Persönliche Krisen und Suizidversuche folgten. 1973 hatte Ko Un eine führende Rolle in der koreanischen Demokratiebewegung inne. Während der Diktatur geriet er in den Fokus des Geheimdienstes, wurde verfolgt, mehrfach inhaftiert und gefoltert. Im Mai 1980 wurde der Dichter wegen Hochverrats angeklagt, vor ein Kriegsgericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Während der Haft im Militärgefängnis musste er täglich mit seiner Exekution rechnen. Aufgrund einer Generalamnestie wurde er 1982 zwar aus dem Gefängnis entlassen, stand aber weiterhin unter Hausarrest. Erst im Zuge der „Sonnenscheinpolitik“ des ab 1997 amtierenden Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Kim Dae-jung wurden die Repressalien gegen Ko Un aufgehoben. Im Juni 2000 nahm der renommierte Schriftsteller gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten und einer Verhandlungsdelegation an den Annäherungsgesprächen zwischen Nord und Süd in Nordkorea teil. Ko Un wurde bereits dreimal für den Literaturnobelpreis nominiert. Es liegen mehr als 130 Publikationen von ihm vor. Seine Texte sind stark sowohl vom politischen Engagement als auch von buddhistischer Philosophie geprägt.

"Die Lehre, die ich als Mönch erfahren habe, war sehr hart. Etwa zehn Jahre lang habe ich versucht, die Sprache zu verwerfen: das Schreiben und auch das Sprechen. Doch auch innerlich soll man sich nicht an Gefühle oder an Wissen klammern, sondern alles loslassen. Nach etwa zehn Jahren las ich dann in einem Buch, dass es zwei verschiedene Arten von Wahrheit gibt: Die eine Wahrheit beruht auf der Sprache, die andere auf der Nicht-Sprache. Die Sprache, die Wahrheit ausdrücken will, verfolgt keine Ziele und hat keine Mission, sie besteht nur darin, die Wahrheit konzentriert zu erfassen. Wenn man auf diese Weise Gedichte schreibt, kommt man dem, was man als schweigsamer Mönch liebt, dann schließlich wieder sehr nah."



















Gedicht aus: Ko Un. Beim Erwachen aus dem Schlaf. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Kim Miy-He und Sylvia Bräsel. Mit einem Vorwort des Autors und einem Nachwort von Sylvia Bräsel. Wallstein-Verlag, Göttingen 2007.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Wallstein-Verlags.

Fotografie von Udo Wenzel (Ausschnitt aus der Installation "Dining Room" von Melissa Martin. Wanås Skulpturenpark, Südschweden 2006.)