Freitag, 15. Februar 2008

Der goldene Schlüssel


Ein Märchen der Gebrüder Grimm - KHM 200

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bißchen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur paßt! dachte er, es sind gewiß kostbare Sachen in dem Kästchen. Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, daß man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

Anmerkung der Brüder Grimm:

Aus Hessen. Ein ähnliches Märchen aus dem Bernburgischen in dem Deutschen Sprachbuch von Adolf Gutbier (Augsb. 1853)
843 Hühnchen findet ein Schlüsselchen im Mist und Hähnchen findet ein Kästchen. Es wird aufgeschlossen, und es liegt darin ein kleines, kurzes, rothseidenes Pelzchen. Wäre das Pelzchen länger gewesen, so wäre auch das Märchen länger geworden.




Ausschreibung


Dieses frühe Beispiel kleiner Prosa offenbart den Reiz der Unabgeschlossenheit, Einfachheit und Spontaneität kurzer Erzählkunst. Jean Paul schrieb in "Bittschrift aller deutscher Satiriker":

"In den kleinsten Tieren zirkuliert das heißeste Blut;
gerade so steigt die Wärme der Ideen mit der Kleinheit des Tummelplatzes."


Lassen Sie sich inspirieren: Schreiben Sie selbst eine Prosaminiatur, die das Motiv des Schlüssels aufgreift. Es können Texte sein, die eine Nähe zur Skizze, zur Erzählung oder zum Gedicht aufweisen. Auch Texte nach dem Vorbild japanischer Haibun (Prosa mit Haiku) sind möglich. Vermeiden Sie abgedroschene Formulierungen und Metaphern. Entdecken (oder verstecken) und gestalten Sie das Motiv durch Ihre Brille: durch Ihr Empfinden und Ihre persönliche Ausdruckweise.


Senden Sie Ihren Beitrag bis zum 31.05.2008 an

udo.wenzel@gmx.de
Betreff: "Schlüsseltext".


Die gelungensten Exemplare werden im "Taubenschlag" in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 veröffentlicht. Der eingesandte Text sollte 200 Wörter nicht überschreiten.


Freitag, 1. Februar 2008

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 5

Bunka – Kultur


Haiku


忘れていた詩集の紙で指を切る
wasureteita shishyu no kami de yubi o kiru

von Doi Hiroko


Übersetzungen



Sich den Finger schneiden
an liegen gebliebenen Gedichten


oder:

Die Blattkante
eines vergessenen Gedichtbandes
schneidet in meinen Finger


[cut a finger
on neglected poems
or:
the edge of a page
of a forgotten poetry book
cuts my finger]


Muki-Kategorien


文化(ぶんか)bunka: Kultur
詩(し)shi: Dichtung
現代詩(げんだいし)gendai-shi: Moderne Dichtung
詩集(ししゅう)shi shū: Gedichtsammlung


Bild


Die Autorin entdeckt eine Gedichtsammlung wieder; sie hat vergessen, dass sie sich in ihrem Besitz befindet. Beim Blättern schneidet sie sich mit einer Blattkante in den Finger.

Interpretationen


1. „Gedichte“ (shishū) sind, insbesondere Haiku, und dieses Gedicht zeigt die Revanche der Haiku. Worte haben Macht. Jedes Gedicht enthält die Seele des Dichters, also ist eine Anthologie so etwas wie eine Sammlung von Dichterseelen.
2. Ein Schnitt an einer Blattkante ist trivial, doch verursacht er einen schneidenden und überraschenden Schmerz. Dieses schneidende und unerwartete Empfinden impliziert das eindringliche, bewegende Gefühl beim Lesen des Gedichts.
3. Ein alter Gedichtband wird aus einem Bücherregal geholt, das verursacht einen Schnitt in den Finger der Autorin. Der Schmerz ist die Erinnerung an die jugendliche Unschuld, an Dichtung und Träume.
4. Es könnte auch sein, dass es sich bei der Gedichtsammlung nicht um ein tatsächliches Buch handelt, sondern lediglich um Gedichte im Bewusstsein der Autorin. Vielleicht erinnert sie sich an ein trauriges Gedicht und erfährt dabei einen Schmerz, als habe sie ihr Inneres statt ihren Finger verletzt.



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 (natürliche Phänomene) ...
Folge 2 (Geographie) ...
Folge 3 (Welt der Menschen) ...
Folge 4 (Leben) ...

Letzte Folge zum Muki Haiku voraussichtlich am 01.04.2008