Dienstag, 15. April 2008

Die Mäuse

von Kaneko Kun'en


Auf dem Bord des Küchenregals liegt, einfach so hingelegt, ein toter Vogel.
Matt scheint die Nachmittagssonne durch das Dachfenster auf seine grauen Flügel.
In der Küche sind weder Koch noch Küchenmädchen.
Aus dem Schatten des großen Wasserkruges kommen ein paar Mäuse hervor.
Alles ist sauber aufgeräumt, und auf dem Boden nicht einmal der Schnipsel eines Kohlblatts.
Die Mäuse sind ein wenig ängstlich, außerhalb des Verstecks so ungeschützt umherzulaufen.
Wie verabredet schauen die mehr als zehn listigen Äuglein zu dem toten Vogel auf dem Bord empor.
Eine Maus klettert leichtfüßig und behende auf das Bord und macht sich mit ihren scharfen Zähnen über den Kopf des toten Vogels her, dessen Augen nur das Weiße zeigen. Ebenso die nächste Maus, und die nächste ...
Aus dem abgetrennten Kopf tropft Blut in den Wasserkrug.
Mit einem lauten Knall wird da die Küchentür aufgestoßen. Flugs sind die Mäuse in ihrem Versteck hinter dem Wasserkrug verschwunden.
Das Küchenmädchen schöpft Wasser aus dem Krug, um das Geschirr zu spüIen.
Auf dem Bord überlegt sich eine besonders ungeduldige Maus, wie sie den Kopf des Vogels wohl am besten in das Mauseloch bringen kann.

(aus: Agnes Fink-von Hoff. Petitessen, Pretiosen. Die Prosaminiatur in Japan um 1910. iudicium Verlag München, 2006


Der japanische Tanka-Dichter Kaneko Kun'en (1876-1951) rief 1902 als Gegenbewegung zur romantischen Lyrik in Japan die sogenannte Jokeishi jokeika undô (Bewegung für realistisch skizzierende Natur- und Landschaftspoesie) ins Leben. Später wandte er sich dem Naturalismus zu, wodurch die realistische Tendenz noch verstärkt wurde. Der vorliegende Text stellt die Szenerie shasei-artig dar; auch im Original zeigt das Prosastück einen verknappten umgangssprachlichen Stil, der vornehmlich von Nomina und Verben geprägt ist. Das Buch Petitessen, Pretiosen von Agnes Fink-von Hoff ist hervorragend recherchiert und bietet einen sehr guten Einblick in die Geschichte und die vielfältigen Konzepte der japanischen Prosaminiatur, die zum Teil auch mit Poetiken der Haiku- und Tanka-Dichtung verbunden sind.



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des iudicium Verlags. Copyright für Bild und Text beim Verlag.


Dienstag, 1. April 2008

Muki Haiku – Haiku ohne Jahreszeitenwort

von Richard Gilbert, Yûki Itô, Tomoko Murase, Ayaka Nishikawa und Tomoko Takaki

Folge 6

Dōshokubutsu – Pflanzen und Tiere


Haiku


死の時を知りたる巨象うしろ見ず
shi no toki o shiritaru kyozō ushiro mizu

von Takaya Sōshu


Übersetzungen



Um seinen Tod wissend,
der mächtige Elefant
schaut nicht zurück



[knowing its death
an enormous elephant:
not looking back]


Muki-Kategorien


動植物(どうしょくぶつ)dōshokubutsu: Pflanzen und Tiere
象(ぞう) zō: Elefanten
巨象(きょぞう) kyozō: riesige Elefanten


Bild


Ein großer Elefant schaut nicht zurück, er weiß um seinen eigenen Tod.

Interpretationen


1. Der Elefant weiß um seinen nahenden Tod. Er lebt in Würde und Frieden und hat seine Ruhe gefunden, es gibt nichts in seinem Leben, das er bereuen müsste. Dieser Elefant symbolisiert eine gebieterische ältere Person (Mann), die ihr Leben kraftvoll gelebt hat.
2. In diesem Gedicht ist der Elefant als ein Tier mit starkem Willen und einer würdevollen Erscheinung dargestellt. Ruhig nimmt er seinen Tod an. Weder bereut er die Vergangenheit noch fürchtet er das Sterben. Das Gedicht kann als Frage des Autors interpretiert werden – was werden wir in unserem letzten Moment tun? Tiere sind dem Nirwana näher als menschliche Wesen.
3. Japan ist nicht der angestammte Lebensraum von Elefanten. Doch wurde die Vorstellung des Elefanten aus Indien und China importiert, in seiner Bedeutung als eines der mythischen Tiere antiker Zeit. In Indien hält man Elefanten für heilig. Die hinduistische Gottheit Ganesha hat den Kopf eines Elefanten und den Körper eines Menschen, in Sanskrit wird sie Ganeza genannt: „Herr aller Wesen“. Im Buddhismus ist die Gottheit als eine der Wächtergottheiten anerkannt. Im japanischen Buddhismus nennt man sie Kangi-ten, „Gottheit der Liebe und der Freude“. Sie verkörpert auch das sexuelle Vergnügen. Deshalb wird die Gottheit im japanischen Buddhismus nicht nur als Halb-Elefant dargestellt, sondern auch als Mann und Frau im Liebesakt.
Vor dem Mittelalter existierten keine Elefanten in Japan, aber es gibt einige Ortsnamen, die sich auf Elefanten beziehen. Einer lautet Zōzusan (Elefantenkopf-Berg). 1766 besuchte der bedeutende Haikudichter Buson diesen Ort und schrieb das berühmte Haiku:


象の目の笑いかけたり山桜 
zō no me no waraikaketari yamazakura

Ein Elefantenauge lacht -
Bergkirschen blühen


Dieses Haiku ist inspiriert vom Namen des Ortes und seiner geologischen Gestalt. Zōzusan hat die Form eines Elefantenkopfes, der Schrein auf dem Berg sieht aus wie ein Elefantenauge.


Historisch / kulturelle Anmerkung


Im Jahr 1408 (während des Shōgunats von Ashikaga Yoshimochi) kam der erste Elefant nach Japan. Er befand sich auf einem spanischen oder portugiesischen Schiff, das in Südostasien unterwegs war. Die nächsten Elefanten trafen im Jahr 1597 (während der Regierungszeit von Kampaku Toyotomi Hideyoshi) ein und danach wieder 1602 (Shōgunat von Tokugawa Ieyasu). 1728 wurden zwei Indische Elefanten nach Nagasaki gebracht. Der Shōgun Tokugawa Yoshimune befahl, einen der beiden nach Edo zu transportieren, um ihn besichtigen zu können. Das Ereignis beeindruckte die Ansässigen und führte dazu, dass viele Bilder und Bücher von Elefanten gemalt und veröffentlicht wurden. 1888 wurden zwei Elefanten in den Ueno-Zoo nach Tôkyô gebracht.
Der Elefant ist in Japan bei Kindern sehr beliebt, er wird für stark und warmherzig gehalten. Die meisten japanischen Zoos besitzen Elefanten, am berühmtesten ist der Ueno-Zoo. Dieser Zoo und sein Elefant erinnerten uns an die traurige Geschichte Ein mitleiderregender Elefant (und die Verfilmung Ein Zoo ohne Elefant, 1982). Sie handelt von einem Ereignis während des Pazifikkrieges, als die japanische Regierung befahl, in jedem Zoo "alle wilden Tiere zu töten". Die Tragik des Krieges und die Hoffnung auf Frieden sind darin ausgedrückt.

Nachbemerkung


Für die Übersetzungen begannen wir zunächst unabhängig voneinander Bilder und Sprache eines jeden Haiku zu beschreiben. Nachdem wir unsere eigenen Bilder, Deutungen und verschiedene kulturelle Aspekte überlegt hatten, übersetzten wir die Haiku gemeinsam in die englische Sprache und recherchierten nach historischen, kulturellen und lexikalischen Vorstellungen, die während der Lektüre entstanden waren. Zwangsläufig entstanden bei den meisten Haiku mehrere Bilder und Deutungen, da jeder Leser seine eigene Auffassung hinzufügte. Wir fanden es interessant, vermittelt durch den Entstehungsprozess mehr über das zeitgenössische Haiku zu erfahren und wir würden uns freuen, wenn unsere Arbeit den englischen (und deutschen (d. Übersetzer)) Lesern eine Kostprobe des zeitgenössischen Haiku geboten hat.


Das ist der letzte Teil der Reihe zum Muki-Haiku. Der gesamte Aufsatz inkl. Vorwort ist in der Ausgabe März 2008 der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, SOMMERGRAS erschienen. Er steht auf der Website der DHG und auch auf dem Haiku-Steg zum Download zur Verfügung.


Quelle:
The Season of 'No-Season' in Contemporary Haiku: The Modern Haiku Association Muki-Kigo Saijiki. In: Simply Haiku: A Quarterly Journal of Japanese Short Form Poetry. Summer 2006, vol. 4 no. 2



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Richard Gilbert

Einführung und Folge 1 (natürliche Phänomene) ...
Folge 2 (Geographie) ...
Folge 3 (Welt der Menschen) ...
Folge 4 (Leben) ...
Folge 5 (Kultur) ...