Donnerstag, 15. Mai 2008

Nachthügel

von Itô Yûki

Kann es sein,
diese schlaflose Nacht wird
Hügel genannt?



眠られぬ夜を坂と呼ぶのか
ねむられぬよるをさかとよぶのか
nemurarenu yoru o saka to yobu no ka





Dieses Haiku des jungen japanischen Haiku-Dichters Itô Yûki wurde im vergangenen Jahr auf der Website der Gendai Haiku Kyokai lobend erwähnt als gelungenes Beispiel für ein zeitgenössisches Haiku ohne Jahreszeitenbezug. Morisu Ran, die Haiku-Lehrerin von Itô Yûki, kommentierte:

"Gewöhnlich erholt man sich in der Schlafenszeit. Doch eine Nacht ohne Schlaf kann sich dahinziehen wie ein Hügel in weiter Ferne. Auf diesem Hügel existieren weder Straße noch Pfad. Ich denke, der Autor dieses Haiku ist bergauf unterwegs. Derzeit [September 2007] ist er Student im ersten Jahr seiner Doktorandenlaufbahn (an der Universität von Kumamoto), er ist 24 Jahre alt. Aber er scheint sich in einer Art Krise zu befinden, er ist in Sorge, wie sein Alltagsleben bewältigt werden kann. Das Haiku von Itô Yûki ist kein Haiku im üblichen Sinne, es ist vielmehr eine Art poetisches Raunen. Es könnte der Autor selbst sein, der die im Gedicht gestellte Frage beantwortet. Möglicherweise muss er diesen Hügel immer wieder aufs Neue ersteigen. Stürzt er, wird er nicht nach unten zurückkehren, sondern erneut hinauf steigen. Wir können dieses Raunen hören, doch trägt es keine Anzeichen von Resignation. Das Wandern scheint Gewinn zu bringen; erst das Raunen erlaubt, wenn man so will, die Selbstbefragung in einer schlaflosen Nacht.
In der Jungianischen Psychologie gibt es die Vorstellung einer „Reise in die Nacht“, in der man dem Unbewussten begegnet und es zu überwinden versucht. Ganz ähnlich verweist die „schlaflose Nacht“ in Itôs Haiku auf die Zeit, in der der Dichter darüber sinniert, wie er sich für den nächsten Anbruch des Tages rüsten kann; eine Initiation, die dazu dient, sich in ein neues Selbst zu verwandeln."



Quelle des Haiku: Saien Anthology V. (Tôkyô: private Veröffentlichung, 2006)
Gendai Haiku Database by Gendai Haiku Kyôkai [Modern Haiku Association]



Übersetzung von Udo Wenzel mit freundlicher Genehmigung von Itô Yûki

Donnerstag, 1. Mai 2008

Traumeswirren





Michael Denhoff wurde 1955 in Ahaus/Westfalen geboren. Er ist Komponist und Musiker und schreibt seit einigen Jahren auch Haiku. Im obigen Video verbindet er unter Einsatz von Flash-Video Musik und Dichtung. Er kombinierte eine Auswahl seiner Haiku & Dreizeiler mit neun kurzen Klavierstücken (NACHTSCHATTENGEWÄCHSE), die er zwischen 2001 und 2004 schrieb und gestaltete so insgesamt neun Kurzvideos.

Die restlichen Videos sind über die folgenden Links aufrufbar:
1. [ein Hauch Vergangenheut]
2. [... sieh, das Licht!]
3. [der Sonne entgegen ...]
4. [banges Warten]
5. [- Warum? -]
6. [ach, wie flüchtig ...]
7. [... hörst du den Mondwind]
8. [... ins Ungewisse ...]

Michael Denhoff unternahm mit zehn Jahren erste Kompositionsversuche und erhielt dabei entscheidende Impulse durch Günter Bialas. Ab 1973 studierte er bei Siegfried Palm und Erling Blöndal-Bengtsson Violoncello, bei Jürg Baur und Hans Werner Henze Komposition, sowie mit dem Denhoff-Klaviertrio beim Amadeus-Quartett Kammermusik.
Von 1976 bis 1980 war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.
1984-85 Lehrauftrag für Tonsatz an der Universität Mainz. Heute lebt er als freischaffender Komponist und Cellist in Bonn. Dort war er von 1985-1992 Leiter des Akademischen Orchesters Bonn und ist er seit 1992 Mitglied im Ludwig-Quartett Bonn. Seit 1996 engere Zusammenarbeit mit der Pianistin Birgitta Wollenweber als Duo.
Daneben diverse Dozententätigkeiten als Kammermusiker und Komponist, darunter u. a. 1997/99 Gastprofessur am Nationalen Konservatorium in Hanoi (Vietnam).
Für sein kompositorisches Schaffen erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen. 1986-87 ermöglichte ihm das Villa-Massimo-Stipendium einen 1-jährigen Studienaufenthalt in Rom. 1996 Arbeitsstipendium „Villa La Collina” in Cadenabbia.

Zahlreiche CDs dokumentieren sein umfangreiches Oeuvre. Denhoffs Werke werden weltweit aufgeführt.


Website von Michael Denhoff



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright by Michael Denhoff.