Freitag, 15. August 2008

Mit wehendem Haar


Ein Haibun von Hans Lesener


Vom Ruhrgebiet aus fahre ich mit der Bahn durch das Rheintal Richtung Basel. Jetzt, kurz nach Ostern, ist überall schon zartes Grün zu sehen. Manche Bäume blühen bereits.

Im Zug nach Süden -
rosa Schatten
huschen vorbei

In Düsseldorf steigen zwei japanische Paare ein. Die beiden Frauen, in eifrigem Gespräch, kichern und lachen, ihr Goldschmuck klimpert. Eine wirft manchmal den Kopf in den Nacken und wirkt dabei mit ihrem scharfgeschnittenen, zierlichen Profil wie einem Farbholzschnitt entstiegen. Die Männer - dunkler Teint, kantige Gesichter - trinken schweigend ihr Dosenbier. Niemand scheint die vier zu beachten.

Jeder für sich
im Großraumwagen -
nur die Blicke ...

Wir passieren Koblenz, Boppard. Die Eisenbahntrasse rückt näher an das Rheinufer heran. Etwas ändert sich in der Unterhaltung der beiden Japanerinnen. Ihre Sprache wird musikalischer, nähert sich einer noch unbestimmten Tonfolge, sucht nach einer Melodie. Nimmt an Kraft und Fülle zu, ohne laut zu sein. Kein Zweifel, das ist geschulter, beherrschter Gesang, ohne Worte, nur mit einzelnen unterlegten Silben. Ähnlich verhalten sich Sänger, wenn sie sich nicht völlig verausgaben wollen. Auch meine Mitfahrerinnen halten ihre Stimmen zurück, lächelnd und unbefangen. Immer deutlicher ist es nun zu erkennen, das Loreleylied. Aber die Sängerinnen wirken gar nicht traurig, sind fröhlich und selbstbewusst.
Schließlich lassen wir den berühmten Felsen hinter uns. Die Frauen unterhalten sich nur noch leise. Eine blickt kurz zu mir herüber, amüsiert. Nach einer halben Stunde steige ich aus. Noch ein Blick.

Auf dem Bahnsteig -
Du läufst mir entgegen
mit wehendem Haar



Das Prosastück nach japanischem Vorbild wurde von Hans Lesener auf die Ausschreibung vom Februar 2008 als "Schlüsseltext" eingesandt.
Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Ein weiterer Schlüsseltext folgt am 15.9.2008

Freitag, 1. August 2008

im porzellanhimmel


wie ein elefant
wäre ich sanft
still
wäre ich grau


schon heften die wolken
ein anderes wort
hell
ans delfter blau



von
Udo Wenzel