Montag, 1. September 2008

Blutspur




Schlage nach Mücken -

und blutverschmiert ist

diese Kriegsgeschichte



ka o utte / gunsho no ue ni / chi o in su





von Masaoka Shiki


Masaoka Shiki (1867-1902) gilt in der japanischen Haiku-Dichtung als einer der vier großen Haiku-Dichter (neben Bashô, Buson und Issa). Shiki lebte zur Zeit der Meiji-Restauration (1868-1912), eine Epoche, die geprägt war durch die Zunahme westlicher Einflüsse und einer rasanten Modernisierung des Landes. Viele Literaten dieser Zeit waren vom westlichen Realismus beeinflusst, zugleich waren sie bestrebt, etwas „Japanisches“ zu erhalten, bzw. zu definieren. Shiki kritisierte die Haiku-Dichtung seiner Zeit, der er Oberflächlichkeit vorwarf und jeden literarischen Wert absprach. In einer seiner zahlreichen Schriften konstatierte er, viele Haiku von Matsuo Bashô (1644-1694) seien schlechte Haiku. Da Bashô damals wie ein Heiliger verehrt wurde, galt dies als eine heftige Attacke auf die Haiku-Dichtung und das Meister-Schüler-System.
Die Verwendung des Begriffes haiku verdanken wir Shiki. Es handelt sich dabei um eine Kombination von haikai (so der Name der Kettendichtung) und hokku (der Startvers eines Kettengedichts). Shikis Art zu dichten und seine kritische Tätigkeit sorgten schließlich dafür, dass dem Haiku als eigenständigen Gedicht literarische Qualitäten zugesprochen wurden.
Eine der großen Reformleistungen Shikis war die Entwicklung des shasei-Stils. Shasei bedeutet „Skizze aus dem Leben“ und birgt die Idee, dass die Welt so abgebildet werden könne, wie sie ist. Auch wenn dieser Abbildrealismus aus heutiger Sicht naiv erscheinen mag*, erfüllte er doch damals eine wichtige Funktion. Shiki sah die Haiku-Dichtung seiner Zeit in Konventionen erstarrt. Teilweise war genau festgelegt, welche Wörter auf welche Weise und in welchen Verbindungen innerhalb eines Haiku verwendet werden sollten. Shiki wandte sich der tatsächlichen Welt zu und riet den Dichtern seiner Zeit, diese zu beobachten und aus dem eigenen Umfeld und Erleben zu schreiben.
In dem vielfach ausgezeichneten Buch „The Poetics of Japanese Verse“ (Tôkyô 2000) weist der Literaturexperte Kôji Kawamoto (geb. 1935) zurecht darauf hin, dass der „Realismus“ nicht etwa eine zeitlos gültige Methode darstellt, sondern in den unterschiedlichen Epochen der Literaturgeschichte jeweils unterschiedliche methodische Verfahren nutzte, um eine Szene realistischer erscheinen zu lassen. Wichtig für eine fesselnde realistische Darstellung ist letztlich das einfallsreiche Arrangement der sprachlichen Elemente und nicht die Tatsache, dass etwas detailgetreu beschrieben wird. Dies gilt für Shikis Gedichte ebenso wie für Gedichte, die heute versuchen, realistisch zu sein.
Eindrucksvoll im obigen Haiku aus dem Sommer 1896 erscheint mir besonders, wie hier persönliches mit einem gesellschaftlichen Ereignis in einer gewöhnlichen Sommerszenerie verwoben ist. 1895 wurde Shiki auf eigenes Drängen als Korrespondent für die Tageszeitung Nihon im japanisch-chinesischen Krieg eingesetzt. Dabei litt er bereits seit einiger Zeit unter Tuberkulose (an der er im Alter von 34 Jahren sterben sollte) und spuckte nun häufig Blut. Schon nach einem Monat sah er sich gezwungen, stark geschwächt zurückzukehren. Woher das im Haiku erwähnte Blut auf Shikis Kriegsgeschichte stammt, bleibt offen. Janine Beichman-Yamamoto mutmaßt in ihrem Aufsatz Masaoka Shiki's A Drop of Ink aufgrund von Shikis Tagebucheintragungen, dass er sich in diesem Kriegseinsatz erstmals seiner Sterblichkeit in Gänze bewusst geworden sei und daraufhin nach seiner Rückkehr verstärkt eine Reform der Haiku-Dichtung angestrebt habe.


Anmerkung:
* siehe dazu die Arbeiten u.a. von Ernst Gombrich ("Kunst und Illusion") und Nelson Goodman ("Sprache der Kunst")



Übersetzung von Udo Wenzel unter Zuhilfenahme von „Masaoka Shiki. Selected Poems. Translated by Burton Watson“ (New York 1997) und mit freundlicher Unterstützung von Kanae Shirai-Elfeky.



1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Schlage nach Mücken -
und blutverschmiert ist
diese Kriegsgeschichte
(Masaoka Shiki)

Dieses Haiku fasziniert mich. Ich mag mich gar nicht mit der Person Shikis und der Entstehungsgeschichte des Textes beschäftigen. Die Struktur des Gedichts an sich ist beispielhaft, gibt eine Vorstellung vom Wesen des Haiku, seiner Ausdruckskraft.

Die tote Mücke steht für die Ganzheit der gefallenen Krieger. Im Schlag hört man das Brüllen der Geschütze. Der winzige Blutstropfen der totgeschlagenen Mücke wächst sich in der Fantasie aus zum Blut auf dem Schlachtfeld. Der einzelne Akt spiegelt das ewige Gleichmaß menschlicher Gewalt.

Dieser Text ist ein Paradebeispiel dafür, wie das Haiku im Kleinen das Große und im kurzen Eindruck die Ewigkeit ausdrückt.

Von meiner Fantasie weitergetrieben, gelange ich ins Metaphysische. Das Universum wird von der Wissenschaft auf die winzige dichte Singularität reduziert. Shiki reduziert das ganze Weltgetriebe auf die einzelne Mücke.

Rudi Pfaller
rudipfaller@web.de

P.S.: Mit der Technik des Eintrags hier komme ich einfach nicht zurecht. Nur "anonym" kriege ich es hin, was aber durch meinen Namen und die E-Mail-Adresse repariert wird.