Montag, 15. September 2008

Reisender, kommst du...


von Horst Ludwig



Es ist meine Art, an einem neuen Ort, vor allem nach einer langen Anreise, erstmal in eine Kirche zu gehen. Ich meine schon, daß ein gewisser förmlicher Dank für gute Fahrt und für das, was andere geschaffen haben und ich jetzt miterleben kann, immer würdig und recht ist.
Wie so viele wirtschaftlich wichtige deutsche Städte war natürlich auch Bremen im zweiten Weltkrieg stark zerstört worden; und der natürlich nötige schnelle Wiederaufbau und sicher auch kritisches Nachdenken bedingten dann jedoch auch, daß vieles nicht wieder so ist, wie's einmal ganz natürlich gewachsen war.


Der St.-Petri-Dom —
auch das meine Art Kirche.
Salvete corda!


Weit über ein Millennium an dieser namhaften Stelle also christliches Gebet. Das ist schon erhebend. Ewiges Licht leuchte allen Betern.
Draußen sogleich viel fürs Auge Angenehmes. Modern das Haus der Bürgerschaft; — umstritten, ich weiß. Aber ich finde es nicht nur nicht unpassend, ich finde es gut; es zeigt Geschichte. Gegenüber das Rathaus mit dem schwerttragenden Roland davor und seinem kaiserlichen Reichsschild; nur wenig weiter seitab charmant die Skulptur aus dem 20. Jahrhundert der Bremer Stadtmusikanten aus dem 12. Jahrhundert. Ebenso lieblich das Schnoorviertel und dann die Böttcherstraße mit


Jugendstilspiele,
Modersohn, Bernhard Hötger, —
das lebt einen an.


Und diesmal seh ich mir, weil ich vorm Abend noch gut Zeit habe, zur Weserrenaissance auch das Gewerbehaus an, in der Ansgaritorstraße (welch genaue lateinischen Genitive!).
Sodann muß ich aber auch das andere sehen, den Hafen (ja, der Überseehafen ist ja eigentlich in Bremerhaven, das hier, das haben Sie ja sicher schnell gesehen), aber auch einige wichtige Industrie, die Universität, Wohngegenden, Museen, — naja, auch die Brauerei, deren Bier ich mir im weiten Amerika hin und wieder zur Brust nehme. Ja, und der Borgward, — ich fand den Wagen immer große Klasse.


Ein jedes Stück Welt —
es offen zu betreten
ist mein Ereignis



Dieses 'Haibun' von Horst Ludwig wurde auf die Ausschreibung zu "Schlüsseltexten" eingesendet. Der Autor wurde bereits in der Ausgabe 07/2007 des Taubenschlag vorgestellt. Es ist der letzte Prosatext, der in der Reihe der "Schlüsseltexte" veröffentlicht wird. Das Motiv des Schlüssels wurde auf ganz unterschiedliche Weise eingesetzt. Ganz offen bei Beate Conrad, als Notenschlüssel getarnt bei Hans Lesener und hier schließlich taucht es kunstvoll mehrfach verschlüsselt auf. Nur ein kleiner Hinweis: man sehe sich einmal das Bremer Stadtwappen an.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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