Mittwoch, 15. Oktober 2008

Eine vollständige Geschichte Deutschlands und Japans


von Richard Brautigan


Vor ein paar Jahren (Zweiter Weltkrieg) wohnte ich in einem Motel neben einem Zweigbetrieb von Swifts Konservenfabrik, was eine sehr freundliche Umschreibung für Schlachthof ist.
Sie schlachteten da Schweine, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, bis der Frühling Sommer wurde und der Sommer Herbst, indem sie ihnen den Hals durchschnitten, ein Vorgang, auf den regelmäßig eine Art Klanggesang folgte, schrill wie eine Oper, die man durch einen Müllschlucker laufen läßt.
Irgendwie glaubte ich, daß das Schlachten all dieser Schweine etwas mit dem Gewinnen des Kriegs zu tun hatte. Wahrscheinlich, weil auch sonst alles damit zusammenhing.
In den ersten ein oder zwei Wochen, die wir in dem Motel wohnten, machte es mir wirklich zu schaffen. Das dauernde Gekreische war kaum auszuhalten, aber dann gewöhnte ich mich daran, und es war ein Geräusch wie jedes andere auch: ein Vogel, der in einem Baum singt, das Pfeifensignal zur Mittagszeit oder das Radio oder vorbeifahrende Lastautos oder menschliche Stimmen oder die Sätze, mit denen man zum Essen gerufen wurde.
"Du kannst ja nach dem Essen wieder spielen!"
Immer wenn die Schweine einmal nicht kreischten, war die Stille wie eine Maschine, die kaputtgegangen ist.


Richard Brautigan (1935-1984), geboren in Tacoma/Washington, war freier Schriftsteller in San Francisco. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Westküsten-Underground der 60er und 70er Jahre.
"Der auf den ersten Eindruck schlichte Ton der Texte ist das Ergebnis systematischer Reduktion des Ausdrucks unter konsequenter Konzentrierung und Verdichtung der inhaltlichen Substanz. In seinen Gedichten erinnert dies bisweilen an die Methodik und Ausdrucksform der Imagisten. ... Die hohe Qualität seines sprach-experimentellen Stils zeigt sich in der vermeintlichen Leichtigkeit seiner Texte und der Tatsache, dass seine Reduktionsarbeit nie zum Manierismus absinkt. Brautigan zeichnet sich durch sprachliche Treffsicherheit und Vielseitigkeit aus." (aus Wikipedia)
Aus: Die Rache des Rasens. Geschichten. Die Bücher von Richard Brautigan werden derzeit im Kartaus Verlag neu herausgegeben.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Kartaus Verlags. (c) Kartaus Verlag Regensburg.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Pfifferlinge




Als der Ausreißer gefaßt wurde

hatte er die Taschen

voller Pfifferlinge.




När rymmaren greps

bar han fickoria fulla

med kantareller.





von Tomas Tranströmer


Tomas Tranströmer wurde 1931 in Stockholm geboren und gilt als der bedeutendste schwedische Lyriker der Gegenwart. Er erhielt eine Reihe von internationalen Auszeichnungen, in Deutschland beispielsweise 1981 den Petrarca-Preis, 1992 den Horst-Bienek-Preis für Lyrik und 1996 den August-Preis. Auch zählt man ihn immer wieder zu den Anwärtern auf den Literaturnobelpreis. 1990 erlitt Tranströmer einen Schlaganfall, der sein Sprachzentrum erheblich beeinträchtige.
Auf Deutsch erschien zuletzt das Buch „Das große Rätsel“ (2005), das neben fünf Gedichten eine Reihe von „Haikus“ aus den späten fünfziger Jahren enthält, die nach einem Besuch in der Jugendstrafanstalt Hällby bei Eskilstuna entstanden sind, und eine Reihe neuer Haiku. Das obige Haiku gehört zu diesen Gefängnis-Haiku. Tranströmers Gedichte sind geprägt von einer faszinierenden Bilderwelt, Paradoxien, überraschenden Wendungen und komplexen Metaphern. Motive wie Tod, Gott, Meer und Schatten sind häufig anzutreffen. Alle Haiku von Tomas Tranströmer sind im 5-7-5 Silbenmuster geschrieben. Er bedient sich dabei einer bildmächtigen, aber bewusst unprätentiösen Sprache: „Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen“, schreibt er in seinem Gedicht „Aus dem März '79".
"Tranströmer hat eine diebstahlsichere Fähigkeit, unerwartete Räume zu schaffen - stille Explosionen aus Freude und Trauer, Nischen für Verwunderung und Zuversicht." (Aris Fioretos)



Aus Tomas Tranströmer: Das große Rätsel. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Hanns Grössel. Carl Hanser Verlag, München, 2005.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags. (c) 2005 Carl Hanser Verlag München.