Samstag, 15. November 2008

Dein roter Baum




Dein roter Baum

macht Winter.

Deine Vögel

fliegen auf.

Lange saßen sie stumm im Geäst.

Sie fliegen

sie kreisen über dir.

Sie werden fremd.





von Hilde Domin


Hilde Domin wurde 1909 in Köln geboren. Nach dem Studium von Jura, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Philosophie floh die Tochter jüdischer Eltern während des Nationalsozialismus ins Exil, aus dem sie erst nach zwanzig Jahren zurückkehrte. Die vielfach übersetzte, mit Preisen ausgezeichnete und geehrte Lyrikerin und Essayistin galt auch als "starke Ruferin", für die es selbstverständlich war, sich auch auf unbequeme Weise politisch zu Wort zu melden. Ihre Dichtung ist von einem unerschütterlichen Glauben an den Menschen, an Frieden und Gerechtigkeit geprägt.
Ab 1987 hatte sie eine Poetikdozentur an der Universität Frankfurt am Main inne, daraus entstanden die Frankfurter Poetik-Vorlesungen "Das Gedicht als Augenblick von Freiheit", in dem sie auch auf die Verwandtschaft ihrer Dichtung mit der japanischen hinweist. Ihre scheinbar einfachen Gedichte beruhen auf einer bewussten Schreibdisziplin. Jedes gute Gedicht habe eine Reserve an Ungesagtem, die mitgehört wird und die eigentliche Lebensfähigkeit des Gedichtes ausmache. Diese Reserve nehme zu, je mehr der Dichter auf eine unspezifische Genauigkeit abziele.
Als Hilde Domin den Gedichtband "Der Baum blüht trotzdem" veröffentlichte, aus dem das obige Gedicht stammt, war sie bereits neunzig. Es wurde ihr Abschiedsband. Im Februar 2006 starb Hilde Domin in Heidelberg im Alter von 96 Jahren. Harald Hartung schrieb in seinem Nachruf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.2.2006: "Hilde Domin war eine große Mutmacherin. In einem ihrer späten Gedichte beschwört sie sich und uns zugleich, nicht müde zu werden. Wir sollen vielmehr, heißt es da, 'dem Wunder / leise / wie einem Vogel, / die Hand hinhalten'."



Aus Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1999.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1999



Samstag, 1. November 2008

"De Beata Vita"


Ein Haibun von Beate Conrad



Vom Deckengewölbe zu Sankt Bonifatius klingen die hellen Stimmen der Niederdeutschen Kantorei: "Libera me ..." gefolgt von einem vollen Bariton: "Libera eas de peonis ..."
Ein Tier blökt vernehmlich dazwischen.

Pause.

"Mutter wird ihn in der Badewanne ordentlich einweichen und abschrubben müssen, – die weißen Stoppeln stutzen und ihn zur Probe in einen Anzug stecken. 's wird schon werden mit der Hochzeit. Gespartes, das besitzt er wohl. Sein Leben lang als Knecht geschuftet und bei den Schafen soll er geschlafen haben. Was das wichtigste ist, das wisse sie als Älteste mit fünf Geschwistern."
"Einfach ist nicht einfach!" höre ich mich zurückflüstern und fühle den mahnenden Blick des Chorleiters auf mir.

Pause.

Ich trage das verirrte Schaf und meine Erinnerungen hinaus auf den spätabendlichen Marktplatz einer ehemaligen Ackerbürgerstadt. Meine Heimatstadt in einem anderen Leben. Gleich hinter der Kirche beginnen die Uferwiesen. Ich wandere über die neue Fußgängerbrücke weiter im Marschland

verfallner Stall ich
teile meine Ruhestatt mit
dem großen Mond



Beate Conrad ist 1961 in Norddeutschland geboren. Sie lebt in den USA, beschäftigt sich seit 2005 mit der Haiku-Dichtung, ab 2006/7 auch mit Haiga und Haiku-Prosa. Sie ist Mitglied in Haiku-Gesellschaften verschiedener Länder.
Homepage von Beate Conrad


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.