Samstag, 1. November 2008

"De Beata Vita"


Ein Haibun von Beate Conrad



Vom Deckengewölbe zu Sankt Bonifatius klingen die hellen Stimmen der Niederdeutschen Kantorei: "Libera me ..." gefolgt von einem vollen Bariton: "Libera eas de peonis ..."
Ein Tier blökt vernehmlich dazwischen.

Pause.

"Mutter wird ihn in der Badewanne ordentlich einweichen und abschrubben müssen, – die weißen Stoppeln stutzen und ihn zur Probe in einen Anzug stecken. 's wird schon werden mit der Hochzeit. Gespartes, das besitzt er wohl. Sein Leben lang als Knecht geschuftet und bei den Schafen soll er geschlafen haben. Was das wichtigste ist, das wisse sie als Älteste mit fünf Geschwistern."
"Einfach ist nicht einfach!" höre ich mich zurückflüstern und fühle den mahnenden Blick des Chorleiters auf mir.

Pause.

Ich trage das verirrte Schaf und meine Erinnerungen hinaus auf den spätabendlichen Marktplatz einer ehemaligen Ackerbürgerstadt. Meine Heimatstadt in einem anderen Leben. Gleich hinter der Kirche beginnen die Uferwiesen. Ich wandere über die neue Fußgängerbrücke weiter im Marschland

verfallner Stall ich
teile meine Ruhestatt mit
dem großen Mond



Beate Conrad ist 1961 in Norddeutschland geboren. Sie lebt in den USA, beschäftigt sich seit 2005 mit der Haiku-Dichtung, ab 2006/7 auch mit Haiga und Haiku-Prosa. Sie ist Mitglied in Haiku-Gesellschaften verschiedener Länder.
Homepage von Beate Conrad


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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