Montag, 15. Dezember 2008

Und dann noch




Sie wandte sich ihm zu. Oder, anders:

sie wandte sich ab. Tauben stoben

übers Meer, oder: nachts schlug

die See an die Pfeiler der Brücke.

Nachsaison: die Kerzen mediterran,

opak, und die Katze schrie olor,

olor, olor in das blaue Geflüster

der Heide beim Hüttentor.





von Robert Hass


Dem amerikanischen Dichter Robert Hass, geb. 1941 in San Francisco, wurde dieses Jahr für seine Gedichtesammlung Time and Materials. Poems 1997-2005 der Pulitzer-Preis verliehen. Seit 1989 ist Robert Hass Professor an der Berkeley Universität von Kalifornien. Von 1995 bis 1997 war er Poet Laureate der Vereinigten Staaten von Amerika, 1997 wurde ihm zum zweiten Mal der National Book Critics Circle Award zugesprochen. 2002 übernahm er die Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur an der FU Berlin.
Hass übersetzte unter anderem die Werke des polnischen Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz und des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer ins Englische. Sein Werk The Essential Haiku: Versions of Bashô, Buson, and Issa (1994) enthält Übersetzungen der klassischen Haikudichter.
Das Gedicht Und dann noch stammt aus der 2005 erschienenen Anthologie Die Wünsche der Menschen, das einzige auf Deutsch vorliegende Werk. Robert Hass' Affinität zum Haiku zeigt sich in vielen seiner Gedichte. So erinnern eine Reihe von Langgedichten in ihrer Bildhaftigkeit und Präzision immer wieder an Haiku-Sequenzen.
"Wollte man eine Landkarte seiner dichterischen Herkunft zeichnen, so sähe sie vielleicht so aus: Von der kurzen Form des Haiku lernte Robert Hass die Unmittelbarkeit des dichterischen Bildes, von Ezra Pound den Versuch, die Sinnlichkeit vor der Abstraktion der Metapher zu retten, von W.C. Williams die Raffinesse der Einfachheit, von Whitman den epischen Atem und - mit Seitenblick auf Rilke - den hymnischen Gestus des Lobens." (aus dem Klappentext von Die Wünsche der Menschen)



Aus Robert Hass: Die Wünsche der Menschen. Gedichte.
© 1999 Ammann Verlag & Co., Zürich. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Montag, 1. Dezember 2008

Lichtblick




herbe herbstnacht

in der neonvertagten stadt

ruft eine hure „hallo"



von Dietmar Tauchner

Dietmar Tauchner, geb. 1972 in Neunkirchen, lebt und arbeitet in Puchberg & Wien. (Kurz-)Lyriker, Dramatiker, Essayist, Trekker und passionierter Reisender. Publikationen in diversen internationalen Online- und Printmagazinen und Anthologien, wie z.B: Acorn, Frogpond, CET, Dulzinea, KO. Erster Preis beim internationalen Kurzlyrikwettbewerb Ludbreg, Kroatien & Gewinner des Preises der Haiku International Association in Tokio 2008.
Herausgeber des Kurzlyrikmagazines Chrysanthemum.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.