Dienstag, 15. Dezember 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



XII. Am Ende der Mond

Mit dieser Folge endet unsere zwölftteilige Mondhaiku-Serie. Zu Beginn befanden wir uns mit Bashô in gespannter Erwartung auf den Mondaufgang, wir sind dann den Gefühlen des Mondrauschs nachgegangen und haben die taghelle Mystik Robert Musils ausgelotet, wir haben gesehen, wie die Erwähnung seiner Abwesenheit den Mond noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen vermag, wir haben Haiku gezeigt, die den Mond zum Zeugen des Elends der Welt machen, haben eine Mondausstellung besucht, erinnerten uns gemeinsam an die erste Mondlandung vor 40 Jahren, erlebten den zersplitterten Mond, haben im Herbst eine virtuelle Mondschau gefeiert, wir sind dem Tod begegnet und haben zuletzt einer Wiederauferstehung in einem zweiten Leben beigewohnt. Manche Stationen dieser einjährigen Reise sind spontan entstanden, nur wenige waren zu Beginn bereits geplant. Manche Ideen ließen sich nicht realisieren, einige Beiträge, die mir zugesagt waren, kamen leider nicht zustande. Das Hin und Her eines ganz normalen Jahres, das ansonsten viele dunkle Schatten geworfen hat. Bleibt uns, mit neuer Hoffnung gelassen ins nächste Jahr zu gehen.

Zuletzt drei Winterhaiku: Das erste hat mir Itô Yûki bereits im vergangenen Winter aus Japan in englischer Sprache zugeschickt, ein Gedicht, das in der Tradition des so genannten gendai haiku (zeitgenössisches Haiku) steht:

wintermoon - / moonlit needle / near my neck



Wintermond -

die Mondlichtnadel

nah am Nacken


Itô Yûki


Der Mond wirkt hier ambivalent: Einerseits erhält er durch die Erwähnung des Nacken eine bedrohliche und unheimliche Erscheinung, zugleich erinnert die Zuspitzung seines Lichts zu einer Nadel, die in das Genick eingestochen wird, an die Heilkraft der Akupunktur. Im Nacken befindet sich ein Punkt, den man bei chronischen Kopfschmerzen und Erschöpfungssyndrom behandeln kann.

Das folgende Gedicht des in den USA lebenden Haiku-Dichters Yu Chang zeigt noch einmal deutlich, welch eindrückliche Spuren das Abwesende hinterlassen kann.


moonless night / the darkness deepest / where the snowy owl was


Mondlose Nacht

die tiefste Dunkelheit

wo die Schneeeule war



Yu Chang


Beide, der Mond und die Schneeeule, sind nicht mehr selbst gegenwärtig und doch bleiben sie auf der inneren Leinwand kontrastierend zu ihrer eigentlichen Erscheinung präsent.

Schließlich noch ein Wintermondhaiku aus eigener Feder, das den letzten Vollmond dieses Jahres am 31.12.2009 ankündigt:



Die letzte Nacht

im Mühlenteich schmilzt

der volle Mond



Udo Wenzel




In eigener Sache:

Mit dem Ende dieser Serie zum Jahr der Astronomie und dem Beginn des neuen Jahres verändere ich die Erscheinungsweise des Taubenschlag. Seit drei Jahren veröffentlichte ich nahezu regelmäßig alle vierzehn Tage ein kurzes Gedicht oder eine Prosaminiatur. Es begann mit einem eigenen Haiku: „Erster Schnee / nun bleibe ich / doch." Dies mag auch als Motto für die kommenden Jahre dienen: Der Litblog wird von mir weitergeführt werden, aber nicht mehr regelmäßig. Dadurch erhält der Blog einen spontaneren Charakter, wie es für Blogs üblich ist. Meine Abonnenten (wer abonnieren möchte, schicke mir bitte eine eMail oder klicke unten "Abonnieren" an) werden auch zukünftig über Aktualisierungen der Webseite informiert werden. Wer eigene Kurzgedichte oder Kurzprosa geschrieben hat und sie gerne im Taubenschlag veröffentlicht sehen möchte, kann mich anschreiben. Ich werde mich bemühen, alle Anfragen zu prüfen und möglichst kurzfristig zu beantworten.

Allen meinen Lesern danke ich für ihre Aufmerksamkeit, ich wünsche ein glückliches und glückendes Jahr 2010 und schließe mit einem Zitat des amerikanischen Lyrikers Charles Simic: „Wir nennen zuerst ein Ding, dann ein anderes. So kommt die Zeit in die Dichtung. Raum entsteht andererseits durch die Aufmerksamkeit, die wir jedem einzelnen Wort schenken. Je intensiver unsere Aufmerksamkeit, desto größer der Raum. Und es ist eine Menge Raum in den Worten.“ (Die Wahrnehmung des Dichters. Über Poesie und Wirklichkeit, München 2007, S. 85)


Videoschnipsel: Ausschnitten aus dem Film "Le Petit Soldat" von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1960 wurde ein Musikstück von John Zorn unterlegt: "Mao's Moon". Der Satz Godards: „Was ich will, ist das Entscheidende durch den Zufall zu treffen“, erinnert an die Ästhetik der Haiku-Dichtung. Es ist auch eine Menge Raum in Godards Bildern.






Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?

Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond
Gefährten des Mondes Teil VIII: No Moon is Perfect
Gefährten des Mondes Teil IX: Die letzte Reise
Gefährten des Mondes Teil X: Die kleine Mondschau
Gefährten des Mondes Teil XI: Full Moon Forever

Dienstag, 1. Dezember 2009

Die Vorüberlaufenden


von Franz Kafka


Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazierengeht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond -, uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiterlaufen lassen.
Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.
Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht so viel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.

Franz Kafkas (1883-1924) kurze Erzählung, in der die Nacht und das Vielleicht die Hauptrolle spielen, geleitet uns in den dunkelsten Monat des Jahres. Sie erschien im Jahr 1908 in der Januar/Februar-Ausgabe der Zweimonatszeitschrift Hyperion. Kafkas Geschichten spenden mir vor allem im Winter Trost. Sein Werk wird gemeinhin für düster und hoffnungslos gehalten, aber die Geschichten sind doch auch voller Humor. Die Traurigkeit, die in ihnen steckt, ist die eines Buster Keaton, der keine Miene verzieht, auch wenn in seinen Filmen ein Unglück das nächste jagt. Der Inhalt vieler Geschichten erinnert mich an dieses unbewegte Gesicht, aber Kafkas Sprache schlägt bei aller Tragik wohlchoreografierte Kapriolen.



Sonntag, 15. November 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



XI. Full Moon Forever


Neben unserer wirklichen Welt existiert mindestens noch eine weitere Welt, die sich ohne große Umstände erreichen lässt. Second Life (SL) heißt eine computergestützte 3D-Welt, in der Menschen online als Avatare miteinander in Kontakt treten, diese Welt aufbauen und verändern, spielen und sogar Handel betreiben. In dieser zweiten Welt gibt es auch einen virtuellen Raum, in dem man sich der Haiku-Dichtung widmet. Als ich davon vor zwei Wochen hörte, meldete ich mich mit einem kostenlosen Basiszugang bei Second Life an, gab "Haiku" in die Suchmaschine ein und ließ mich an die angezeigte Adresse teleportieren. Am schwarzen Bildschirm baute sich allmählich eine verschneite Landschaft auf.



Ein großes rotes Eingangstor mit nach oben geschwungenen Querbalken trägt die Inschrift SHIN TAO, daneben leuchtet das Yin-Yang-Symbol. Ich trete ein. Tropische Gewächse, fernöstliche Bauten, pittoreske Brückchen bauen sich links und rechts von mir auf. In dieser japanisch anmutenden Szenerie begegne ich einem seltsam aussehenden Avatar. Ein aufrecht gehender Leopard. Er nennt sich Dante Osaka. Ich erfahre von ihm, dass er im wirklichen Leben Mark Arvid White heißt und in Alaska lebt. In den letzten zwei Jahren hat er gemeinsam mit Sunnie Beaumont und Pomona Writer diesen Ort in Second Life aufgebaut, hier veranstaltet er regelmäßig Haiku-Retreats. Alles begann mit einer einfachen Hütte, in der er einige eigene Haiku zeigte. Inzwischen ist daraus eine Bibliothek in mehreren Häusern gewachsen, in denen Haiga der Mitglieder seiner Gruppe und von den bekannten Haiku-Meistern ausgestellt werden. Außerdem entstanden ein Zentrum für Meditation und eine Theaterbühne, auf der neue Dramen, Tänze und Lesungen aufgeführt werden. Regelmäßig treffen sich die Mitglieder seiner fünfzigköpfigen Gruppe zu Lesungen und Diskussionen über Haiku und andere ostasiatische Dichtung. Shin Tao ist vernetzt mit anderen literarisch interessierten Gruppen, zum Beispiel nutzt die Shinmachi Kabuki Group einmal wöchentlich das Theater für ihre Vorführungen. Normalerweise, so berichtet er, finden sich bis zu einem Dutzend Besucher pro Tag ein. Zu den großen Festlichkeiten Halloween, Obon Laternenfest, Kirschblütenfest), die er regelmäßig ausrichtet, erhöht sich die Anzahl auf bis zu fünfzig Besucher.

Vieles an diesem Ort ist sehr japonistisch, manches wirkt hölzern, doch gestehe ich, es übt einen gewissen Reiz aus: Shin Tao ist mir zu einem kleinen Refugium bei der Computerarbeit geworden, das ich inzwischen immer wieder einmal aufsuche. Nach der virtuellen tsukimi (Mondschau), deren Ergebnisse im letzten Monat im Taubenschlag veröffentlicht wurden, hatte ich schon mehrfach Gelegenheit, auf einem der Liegestühle Platz zu nehmen, die im Shin Tao unter freiem Sternenhimmel auf einer Empore aufgestellt sind, und den vollen Mond zu betrachten. Vollmond ist hier, wann immer man möchte.





Vielleicht begegnen wir uns einmal in dieser Welt. Sollten Sie mit dem Gedanken spielen, sich bei Second Life anzumelden, dann besuchen Sie auch Lumi's Garten, in dem Blumen Gedichte vortragen, wenn man sie berührt. Mindestens eine davon auch Haiku. Ein freundlicher Österreicher hat das für mich eingerichtet. Übrigens: Im Apfelland, einer deutschen Parzelle des Second Life, werden Sie in deutscher Sprache in die Möglichkeiten von SL und der Steuerung ihres Avatars eingeführt. Wer weiß, vielleicht gibt es dort bald auch einen Raum, in dem sich deutsche Haiku-Dichter treffen können. Wie wäre es mit einer Dependance der Deutschen Haiku-Gesellschaft? Würde der nächste Haiku-Kongress in Second Life stattfinden, wäre er vermutlich gut besucht.



Aktuelles über den Mond:

Der zwölfte Vollmond des Jahres 2009 wird am 2. Dezember 2009 ab 16:08 Uhr (MEZ) zu sehen sein. Das wird aber noch nicht der letzte Mond des Jahres sein, am 31.12. gibt es einen so genannten Blue Moon. Kein ungewöhnliches Ereignis, dergleichen tritt in 100 Jahren 41 mal auf. Und wer am 6. Dezember gegen 22 Uhr den Sternenhimmel betrachten kann, wird den Mond am Mars vorbeiziehen sehen.



Der letzte Teil der zwölfteiligen Serie „Gefährten des Mondes“ erscheint voraussichtlich am 15. Dezember 2009.


Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?




Im Videoschnipsel das Stück "The Haijin's Tea Party" von Dante Osaka, in dem sich die Haiku-Meister Bashô, Buson und Issa ein Stelldichein geben.

Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond
Gefährten des Mondes Teil VIII: No Moon is Perfect
Gefährten des Mondes Teil IX: Die letzte Reise
Gefährten des Mondes Teil X: Die kleine Mondschau

Sonntag, 1. November 2009

Herzlich Willkommen


Udo Wenzel



Vor 60 Jahren wurde mein Vater aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen und kam nach Süddeutschland. Geboren und aufgewachsen ist er in Trutnov (Trautenau), das im heutigen Tschechien liegt. Die Rückkehr in die Heimat war ihm verwehrt, er gehörte fortan zu den Menschen, die sich selbst "Vertriebene" nannten und von den schwäbischen Anwohnern als "Rucksackdeutsche" bezeichnet wurden. In Trutnov gab es ein Kino, in dem sich meine späteren Eltern das erste Mal geküsst haben. Das Wiedersehen nach dem Krieg stellte ich mir vielleicht deshalb lange Zeit romantisch vor. In der Erinnerung zeigt ein Foto meinen Vater leise lächelnd vor einer Wohnungstür in der neuen Heimat mit einem Schild "Herzlich Willkommen" im Hintergrund.



Viel später erfuhr ich, dass es in Wirklichkeit anders war: Die Beziehung zwischen meinen künftigen Eltern war noch ungeklärt, und eines Tages erzählte mir mein Vater auf einer Reise ins Riesengebirge einige Details über seine Rückkehr und die Anfänge unserer Familie, die mit romantischer Filmästhetik nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Wenn ich das schlecht belichtete Foto heute betrachte, wirkt sein Blick unentschlossen, vielleicht auch ein wenig unsicher, was ihn hinter der Tür erwartet.

Die 1977 in Karl-Marx-Stadt geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Kirsten Fuchs schildert in einem ihrer Texte eine Heimkehrerszene. Kirsten Fuchs ist Mitglied der Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten. In der Performance geben ihre Texte Aspekte frei, die mir bei der Lektüre nicht aufgefallen wären. Zum Beispiel den bitteren Witz im Monolog einer Frau, die von ihrem aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Mann überrascht wird. In dem Video liest sie das Prosastück "Herzlich Willkommen" anlässlich einer Gala zur Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2009.




Donnerstag, 15. Oktober 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



X. Die kleine Mondschau



Alle eingestiegen,
der Bus fährt los
Richtung Mond
(Udo Wenzel)



Anlässlich des ersten Herbstvollmonds lud ich im vergangenen Monat erneut zu einem Haiku-Treffen ein. In Japan nennt man diese traditionelle Herbstmondschau tsukimi. Dabei werden spezielle Gerichte gereicht und Sake getrunken (月見料理, tsukimi ryouri). Der Ursprung der Tradition wird in der Heian-Periode vermutet, auf dem Land diente der Brauch auch dazu, für eine ergiebige Ernte zu bitten. Schon damals, aber auch noch heute werden während der tsukimi viele Gedichte über den Mond verfasst, oft im Stile eines Tanka oder Haiku. Auch bei der kleinen Mondschau unseres Leserkreises entstanden einige Haiku. Da es nicht sehr viele Einsendungen gab, ist es möglich von jedem Einsender ein Haiku vorzustellen. Das Gemeinschaftserlebnis einer Mondschau erscheint mir wichtiger als eine Auswahl ausschließlich nach qualitativen Gesichtspunkten. Ich danke allen Beteiligten für ihre Teilnahme. Die Rückmeldungen waren weitgehend sehr positiv, es wurden nicht nur Haiku eingesendet, auch ein im Mondrausch verfasstes Rengay traf ein. Und aus den USA erreichte mich ein selbst gemaltes Bild von Beate Conrad, das ich dieser Ausgabe voranstelle:






Herbstgastspiel - / Ein korpulenter Mond betritt / die Bühne

autumn performance -

a well-fed moon takes

the floor



Wolfgang Beutke





Klarer Herbstmond

durch den Hafen kräuselt

eine Lichtstrasse



Valeria Barouch




voller Herbstmond

in meinem Traum dreht er sich

um



Gabriele Reinhard






Kranichrufe …

der Weinmond teilt die Wolken

über dem Meer



Ramona Linke







Oktobermond

lauschen wie der Wind

das Silber formt




Helga Stania




Maisernte

auf dem Feld Scheinwerferkegel

heller als Mondlicht



Silvia Kempen





Schwarze Fetzen

stürmen nach Osten

fest, der Herbstmond

und ich



Ralf Broeker





Wolkenloch -

der Mond bestaunt

die Erntekrone



Claudia Brefeld





die Tanne bei Nacht

ganz vertieft

ins Mondanschaun



Michael Lindenhofer





Herbstmond

Im Puzzlespiel

zwei gleiche Teile



Heike Stehr





Mondwinde



Laue Oktober­nacht

Wider­hall des Käuz­chens Ruf

Leise Mond­winde



Hans-Peter Zürcher





Kartoffelfeuer -

über weiter Flur

ein voller Mond



Martina Heinisch





Über Reisfelder

streift der Mond mit seinem Licht -

die Fülle preisend



Helmut Hannig





der Herbstmond―

im deutschen Himmel

spielen die Wolken



wintermond





In Herbstnachthelle

fallen schwer ein paar Trauben.

Komm, schenk nochmal ein.



Beate Conrad





Blätterzittern – durch die Zweige sinkt glänzend der Mond



Ina Müller-Velten






Mondschau


Ein Rengay von Claudia Brefeld, Gabriele Reinhard und Georges Hartmann


Ein letzter Schluck Sake
der Mond bleibt
verschleiert


Versuch’s doch mal mit Riesling
strahlt der Winzer


versperrt
die Tür zum Weinkeller
flüsternder Wind


Zwischen Dunkelheit und Most
eine Fledermaus


Diese Blässe
in den roten Gesichtern
am frühen Morgen


zum Abschied unser Toast
Immer wieder Tsukimi!



(Claudia Brefeld 1,4; Georges Hartmann 2,5; Gabriele Reinhard 3,6)



Das Copyright der Beiträge liegt bei den Autoren.



Aktuelles über den Mond:

Morgen früh, am 16. Oktober 2009, gibt es die Möglichkeit die Dreierkonstellation Merkur, Venus und Saturn gemeinsam mit der Mondsichel zu beobachten. Der nächste Vollmond ist dann am 2. November ab 20:14 Uhr MEZ zu sehen.



Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint meistens am 15. eines Monats.


Videoschnipsel:


Der folgende Ausschnitt stammt aus dem Film "Frau im Mond" von Fritz Lang. Der letzte Stummfilm des Regisseurs hatte heute vor 80 Jahren Premiere im Ufa-Palast am Zoo in Berlin. Erleben Sie das Gefühl der Schwerelosigkeit und die aufregende Landung:







Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond
Gefährten des Mondes Teil VIII: No Moon is Perfect
Gefährten des Mondes Teil IX: Die letzte Reise

Freitag, 2. Oktober 2009

Der Korridor


von Miranda July



The Hallway from The Hallway on Vimeo.




Mehr über Miranda July.


Zur Erinnerung:

Der erste Herbstmond dieses Jahres wird am Sonntag, den 4. Oktober zu sehen sein. In Japan wird am 3. Oktober tsukumi (Mondschau) gefeiert, dies entspricht der 15. Nacht des achten Monats im Lunarkalender. Ich lade meine Leser zu einer virtuellen tsukimi ein: Betrachten Sie am 3. oder 4. Oktober den Herbstmond und senden mir bis zum 05. Oktober 2009 ein aktuelles, bisher unveröffentlichtes Herbstmond-Haiku (maximal 2 Haiku pro Einsender) zu (udo.wenzel@gmx.de, Kennwort tsukimi). Die besten Haiku werden voraussichtlich am 15. Oktober 2009 auf dieser Webseite veröffentlicht werden.

Dienstag, 15. September 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



IX. Die letzte Reise

Jisei sind japanische Todesgedichte. Angesichts des nahenden Todes schrieben viele Japaner hoher Bildung (Zenmönche, Samurai, Dichter) ein letztes Gedicht. Solche Gedichte findet man bereits in den klassischen Gedichtsammlungen Japans, im Kojiki (712 n.Chr.), Man'yoshu (Ende des 8. Jahrhunderts) und Kokinshu 905 n.Chr.). Die meisten waren zunächst als kanshi (chinesisches Gedicht) oder als waka verfasst, ab dem 16. Jahrhundert gibt es auch erste haikai. Größere Verbreitung erlangte diese Praxis jedoch erst während der Meiji-Zeit (1868-1912). In den Gedichten wird der Tod oder das Sterben meistens nicht direkt erwähnt. Yoel Hoffmann weist in seinem Buch „Japanese Death Poems“ (Tokio, Vermont, Singapur 1986) darauf hin, dass die jisei oftmals Naturerscheinungen thematisieren, die in der jeweiligen Jahreszeit präsent sind. Andererseits haben sich viele Dichter bereits lange vor ihrem Tod Gedanken über ihr letztes Gedicht gemacht. Auch dieser Umstand lässt darauf schließen, dass die Gedichte nicht unbedingt realistische Abbildung sein wollen, sondern symbolisch aufgeladen sind und sich intertextuell auf frühere literarische Vorlagen beziehen. Ein häufiges Motiv ist beispielsweise ein weißer Vogel: Yamato Takeru-no-Mikoto, der Held des Kojiki, von dem das erste Sterbegedicht überliefert ist, verwandelte sich zum Zeitpunkt seines Todes in einen weißen Vogel. Naheliegend ist, dass man sie ebenso als Grußformel verstehen kann, eine wichtige Funktion auch des Startverses in der Ketten-Dichtung. So sind jisei zugleich ein letzter Abschiedsgruß an die Hinterbliebenen.

Zum Sommerende möchte ich aus Hoffmanns Buch einige jisei vorstellen, in denen der Mond vorkommt. Die Haiku wurden von mir aus der englischen Übersetzung von Hoffmann ins Deutsche übertragen.



Kûkû to / mono no nioi ya / tsuki no ume


Leer ist

der Geruch der Dinge ...

über Pflaumenblüten der Mond


Sohoku, S. 309


Sohoku starb 64jährig im Frühjahr des Jahres 1743. Vermutlich hat er selbst ein letztes Mal die Blüte des Pflaumenbaums erlebt, die ihn zu diesem Vers inspirierte. entspricht dem Begriff Shunyata im Sanskrit und verweist auf die buddhistische Lehre (im Mahayana-Buddhismus) vom „Nicht-Selbst“. Danach sind alle Phänomene „leer“, sie sind substanzlos und haben keine Eigennatur oder beständige Existenz im steten Wandel der Welt.


Meigetsu no / ato ni mo mune no / hikari kana


Voller Herbstmond -

sein Licht verbleibt

auf meiner Brust



Kanshu, S. 214


Meigetsu bezeichnet den achten Vollmond im Lunarkalender. Der Brauch des tsukimi (siehe dazu auch unten die Einladung), des gemeinsamen Betrachtens des vollen Herbstmondes wird seit altersher in Japan zelebriert, überliefert wurde er aus China. Kanshu starb am elften Tag des neunten Monats des Jahres 1772. Das Gedicht legt die Vermutung nahe, dass Kanshu in den letzten Stunden seines Lebens noch einmal das Licht des ehedem vollen Mondes in seinem Herzen verspürt hat.


Tsumimono ya / nakute jôdo e / tsuki no fune


Unbeladen

gen Himmel gerichtet

das Mondschiff



Dohaku, S. 158


Tsumi im ersten Wortteil hat im Original eine Doppelbedeutung: Es steht sowohl für Sünde als auch für „Ladung“, so dass auch „Ohne Sünde“ übersetzt werden könnte. Dohaku erscheint bereit für seine letzte Reise, die er glücklicherweise ohne Gepäck antreten kann. Er starb 1675.


Itsu nukeru / soko tomo shirazu / oke no tsuki


Man weiß nie, wann

der Boden herausfällt:

der Mond im Fass.



Mabutsu, S. 239


Mabutsu thematisiert hier die Ungewissheit der Stunde des eigenen Todes. Noch spiegelt sich der Mond im Wasser des Fasses, doch wie lange noch? Der Dichter starb am Tag des Herbstvollmonds im Jahr 1874.


Meigetsu no / hô e korobasu / makura kana


Voller Herbstmond -

ich schiebe mein Kissen

näher an ihn heran



Saiba, S. 273


Auch Saiba starb 1858 zu dem Zeitpunkt, der in seinem jisei angegeben ist. Saiba versuchte wohl tatsächlich sein Bett näher an das Fenster zu schieben, durch das der Mond hereinschien. Dieser Akt erinnert nicht nur an die tröstende Wirkung des vollen Licht des Mondes. Der Mond steht im Buddhismus auch als Symbol für Erleuchtung und zeigt den Wunsch des Dichters am Ende seines Lebens diesem geistigen Zustand zumindest näher zu kommen.




Aktuelles über den Mond und Einladung:

Der erste Herbstmond dieses Jahres wird am Sonntag, den 4. Oktober zu sehen sein. In Japan wird am 3. Oktober tsukumi (Mondschau) gefeiert, dies entspricht der 15. Nacht des achten Monats im Lunarkalender. Ursprünglich wurden in dieser Nacht der Mondgottheit Opfergaben dargebracht und um eine ertragreiche Ernte gebeten. Noch heute werden dabei Reiskuchen (tsukimi-dango), Stielblütengras (susuki), saisonales Obst und Reiswein verwendet und Haiku zum Thema gedichtet. Ich lade meine Leser zu einer virtuellen tsukimi ein: Betrachten Sie am 3. oder 4. Oktober den Herbstmond und senden mir bis zum 05. Oktober 2009 ein aktuelles, bisher unveröffentlichtes Herbstmond-Haiku (maximal 2 Haiku pro Einsender) zu (udo.wenzel@gmx.de, Kennwort tsukimi). Die besten Haiku werden voraussichtlich am 15. Oktober 2009 auf dieser Webseite veröffentlicht werden.




Augustvollmond in Sarn (Foto von Anne Weiler)


Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint gewöhnlich am 15. eines Monats.



Videoschnipsel:


Rezept zur Herstellung eines traditonellen Gerichts zur Mondschau:



Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?


Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond
Gefährten des Mondes Teil VIII: No Moon is Perfect

Dienstag, 1. September 2009

Visite


von Udo Wenzel



Angesteckt habe er sich, am Wagen vielleicht. Oder bei Günter von Gegenüber. Schüttelfrost habe ihn gepackt, dann sei er gestürzt. Bettruhe brauche er nicht, aufstehen wolle er nun und hinaus, hinauf zum Grab seiner Frau. Die Stiefmütterchen pflücken und den Kindern bringen. Erwachsen seien die schon, hätten selber jetzt Kinder und verständen ihn nun. Wie er damals war: Stets ungeduldig, mürrisch auch schon. Streng bis zum Handausholen. Nun kämen sie nur noch viermal im Jahr, die Wohnung kontrollieren: Sind die Gläser gespült, Böden und Staub gewischt und alles an seinem Platz? Habe er früher auch bei ihnen gemacht, wie einst der Kapo in der Gefangenschaft. Versteckt habe er sich fast immer, wenn es an die Arbeit ging. Einmal wurde er wirklich übersehen und hatte einen unruhig ruhigen Tag. Kein gutes Vorbild, ich weiß, sagte er, gegen Tränen ankämpfend, und zog sich die Decke über den Kopf. Wie sie dastehen, die Ärzte, in einer Reihe, nach Größe sortiert. Wie seine Kinder am Sonntag, die Kameraden und er beim Appell.


Ein Maulwurf -
der Mond in Nierenform,
gelb wie Harn.



Samstag, 15. August 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



VIII. No Moon is Perfect

Im geozentrischen Weltbild des Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) galt die irdische Welt unterhalb des Mondes als veränderlich und unvollkommen, alles oberhalb des Mondes als ewig und vollkommen. Der Mond selbst erschien den Anhängern dieser Vorstellung eine perfekte geometrische Kugel zu sein, die sich in vollkommenen Kreisbahnen um die Erde dreht. Der Mond, ein makelloser runder Spiegel. Diese Idee hielt sich bis ins Mittelalter. Ein Schönheitsfehler dieser Theorie waren die dunklen Flecken auf dem Mond, die eine Erklärung erforderlich machten. Man vermutete, dass es zwischen Sonne und Erde Dämpfe gäbe, die das Licht an einzelnen Stellen verdunkelten oder auch, dass der Mondspiegel irdische Unregelmäßigkeiten reflektiere. Wenngleich seit langem bekannt ist, wie dieser Teil der Welt tatsächlich aufgebaut ist, zeigte und zeigt sich doch bis heute in Kunst und Dichtung immer wieder ein Nachklang dieser Vollkommenheitsvorstellung. Auch in den Haiku, die ich heute vorstellen möchte, ist dieser - wenn auch nur hintergründig - erkennbar. Alle thematisieren die Liebe. Indem Mond und Liebe in einem Gedicht gemeinsam artikuliert werden, wird der Mond zum Medium des inneren Zustandes des Dichters (oder des subjektiven Ichs) und reflektiert, verstärkt bzw. schwächt diesen ab.
Doch drohen Kitsch und Gemeinplätze, sobald Liebe und Mond in einem Gedicht auftreten. Ästhetisch unverdächtiger ist es dagegen „irdische Unregelmäßigkeiten“ zu „reflektieren“ und gefährdete oder zerbrochene Liebe zu thematisieren. Auch wenn es längst an der Realität abgeschliffen und als illusorisch erkannt wurde, tragen doch vermutlich die meisten von uns das romantische Bild vollkommener Liebe und Zweisamkeit als Herzenswunsch in uns. Deren Abwesenheit oder Risse in der Harmonie erleben wir als emotionales Unglück oder Krise. In dem Gedicht des britischen Haiku- und Tanka-Dichters Brian Tasker gerät der Mond ganz bildlich zum Spiegel der Liebe, genauer gesagt zum Spiegel ihres Endes:



in parting / the moon in a puddle / shattered


In Trennung

   der Mond in der Pfütze

      zersplittert


(aus Kirkup/Cobb/Mortimer (Hrsg.): „The Haiku Hundred”, 1992, S. 56, Übersetzung von Udo Wenzel)


Nicht nur die Liebe des lyrischen Ichs ist „zerbrochen“, auch sein mentaler Zustand und seine Gefühlswelt erscheinen wie zersplittert. Diese Gemütsverfassung korrespondiert mit den „Bruchstücken“ des mehrfach gespiegelten Mondes, die das lyrische Ich - man stellt sich den Kopf gesenkt vor - unterwegs in einer Pfütze entdeckt.

Im folgenden Haiku von Yosa Buson (1716-1783) erwähnt dieser das Wort „Liebe“ zwar nicht explizit, doch legt die Anordnung von Mond und Tränen die Assoziation nahe, dass das lyrische Ich unter Liebeskummer leidet:


Tsuki mireba / namida ni kudaku / chiji no tama


Durch einen Tränenschleier

sah ich den Mond zu Kristallperlen

tausendfach zersplittert ...



(aus: Buson, Dichterlandschaften, S. 273, Übersetzung von G.S. Dombrady)


Die Tränen des lyrischen Ichs verzerren seine Sicht auf den Mond. Das lyrische Ich vergleicht die Splitter des Mondes nicht mit echten Perlen, sondern nur mit billigen Kristallperlen. Die ehemals für vollkommen gehaltene Liebe wird nun als wertlos empfunden.

Eine versöhnlichere Stimmung zeigt das Haiku der schottisch-kanadischen Dichterin und Verlegerin Margaret Saunders (1926-2005), die im Literaturkreis von Hamilton verkehrte:


After / our quarrel / a full moon

Nach

unserem Streit,

ein voller Mond



(aus: William J. Higginson, The Haiku Handbook, 1985, S. 74, Übersetzung Udo Wenzel)


Der Mond, den die beiden am Streit Beteiligten sehen, erinnert sie an ihre eigene „Vollkommenheit“. Die Erwähnung des vollen Mondes legt nahe, dass sie sich wieder aussöhnen werden. Denkbar wäre aber auch, dass sich ein neuer Streit um die Frage ankündigt, wem dieser „eine“ Mond gehört. Der Mond wird zur Metapher des gemeinsamen Besitzes, um dessen Aufteilung gerungen werden muss. Eine vergleichbare Situation greift ein Haiku des deutschen Haiku-Dichters Hubertus Thum auf, das dieser 2009 in einer Sendung des Bayrischen Rundfunks in einem Interview erwähnte: „Nach dem Ehekrach - der Mond - der Mond“. (zitiert aus Das Haiku: Drei Zeilen, die alles sagen - Japanische Lyrik, Manuskript, Seite 6) Die Doppelung des Mondes löst die Assoziation aus, dass sich die Streitenden in getrennten Räumen aufhalten und jeder in „seinen eigenen“ Mond starrt. Eine raffinierte Variante zu Saunders Thema.

Insbesondere die zeitgenössischen Haiku zeigen die Magie von einfachen Worten und einer Dichtung der Begrenzung. Durch die schlichte Nebeneinanderstellung von äußerer Welt und innerer Welt werden beim Leser Gefühle evoziert. So können auch „große Themen“ verdichtet werden, ohne elegische Töne anzustimmen. Ja, gerade die großen Themen verlangen heutzutage nach einfachen Worten, um den auf- und abgeklärten Menschen überhaupt noch erreichen zu können.



Aktuelles über den Mond:

Der nächste Vollmond wird in unseren Breitengraden am 4. September ab 18:33 Uhr zu sehen sein. Auch in den Nächten des 2. und 3. September wird der Mond, wie schon im August, noch einmal "dicht" an Jupiter vorbeiziehen.


Mond und Jupiter über dem Campingplatz (Bensersiel am 6.8.20009)


Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats.



Videoschnipsel:


Szenen aus dem Stück "Vollmond" der vor kurzem verstorbenen großen Choreografin Pina Bausch.




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Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond

Samstag, 1. August 2009

Weit weg


von Ralf Bröker


Wir feiern den einundvierzigsten Geburtstag meiner Schwester. Unsere Mutter erinnert sich zwischen Käsespießchen und Pils an die Schwangerschaft, erzählt von meinem Kindermund: "Mama, Baby? Mama - Ka?"
"Immer wenn die Kleine geschlafen hat, hast Du vor ihrer Tür gestanden und wolltest rein. Im Juli dann haben wir Dich mal nachts aus dem Bett geholt. Du solltest dabei sein, wenn der erste Mensch den Mond betritt. Wir sind aber vor dem Fernseher eingeschlafen. Als wir wach geworden sind, war der Schrecken groß: Du warst weg. Gefunden haben wir Dich vor Karins Tür. Geschlafen hast Du dort. Ganz friedlich."


Wenn ich lange hinschau',
kommt er mir näher,
der Mond.


Ralf Bröker, geboren 1968 im Münsterland und dorthin nach einem Frankfurter Zwischenspiel zurückgekehrt, arbeitet im Rhein-Ruhr-Gebiet.



Mittwoch, 15. Juli 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



VII. Erster Flug zum Mond


Haiku-Treffen
anlässlich der ersten Mondlandung
am 20. Juli 1969




Ein kleiner Schritt


Die Mücken, den Larven entschlüpft,
sind gen Himmel geflogen -
empor zur Mondsichel!
(Kobayashi Issa)



Anlässlich des 40. Jahrestages der ersten Mondlandung lud ich im Juni 2009 erstmalig zu einer kukai (Haiku-Treffen) zu diesem Motiv ein. Das Sujet ist nicht nur ungewöhnlich, es ist als Haiku-Gegenstand auch schwierig. Wie ansetzen bei einem Ereignis, das 40 Jahre zurückliegt und auf dem Mond stattfand? Erinnerung, fingierte Momentaufnahme oder Kommentar? Manche Einsendung würde man wohl eher als Senryû bezeichnen, da die Thematik ironisch behandelt wurde. Der Mond ist traditionellerweise ein kigo (Jahreszeitenwort) für den Herbst, Mondlandung könnte ein kigo für den Hochsommer werden. Mein Dank gilt allen Teilnehmern, die sich an dieser Pionierleistung versucht und Haiku beigesteuert haben. Ganz besonders freue ich mich, dass an dem Haiku-Treffen nicht nur erfahrene Haiku-Dichter teilnahmen, sondern sich auch eine Schulklasse (10. Klasse) der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Bergedorf entschlossen hat, zu dem Motiv Haiku zu verfassen und einzusenden. Die Schülerinnen und Schüler hatten zuvor im Poetik-Unterricht Grundzüge des Haiku-Dichtens besprochen und mit der Teilnahme an dem Haiku-Treffen einen kleinen ersten Schritt zum Haiku-Dichten unternommen. Möge daraus mehr entstehen.



Die besten Haiku

1


Stubenfliegen

auf unseren Apfelstücken -

Mondlandung



Martina Heinisch



2


der Mond am Himmel

als habe ihn keiner besucht

vor vierzig Jahren



Michael Denhoff



3

leer gefegt die Straßen


The Eagle has landed



Gabriele Reinhard






Die besten Schüler-Haiku


1


Eine Rakete

Viele Menschen fliegen mit

vor dem Fernseher



Merlin Klock, Lukas Steinhauer-Findorff



2


Ich war nicht dabei

als sie zum Mond starteten

vor vierzig Jahren



Milena Köster



3

Landung ist geglückt

Freudensprünge auf dem Mond

Mehrere Meter



Laura Hoffjann





Alle eingesandten Haiku findet man in dieser PDF-Datei.




Aktuelles über den Mond:

Am 18. Juli gegen 3 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit steht der zunehmende Mond vor dem offenen Sternenhaufen der Plejaden und bedeckt in der folgenden Stunde einige dieser Sterne. In der Nacht vom 5. auf den 6. August 2009 findet eine Halbschattenfinsternis des Mondes statt, am 6. August ist dann auch Vollmond. An diesem Abend zieht der Mond um 21 Uhr an Jupiter vorbei.



Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint meistens am 15. eines Monats.


Videoschnipsel:


Auf die ersten vorsichtigen Schritte auf dem Mond folgten bald weite Sprünge. 1983 machte der vor kurzem verstorbene Michael Jackson durch sein Video "Billie Jean" den "Moonwalk", einen Tanzschritt, der in dieser Form wahrscheinlich aus der Breakdance-Szene jener Jahre stammt, einem breiten Publikum bekannt. Im Internet existieren eine Reihe von Anleitungen zum Erlernen des Tanzschrittes. Ich empfehle diesen Link.
Die erste Filmaufnahme des Tanzschrittes ist aber bereits in dem 1943 bis 1945 entstandenen Film "Kinder des Olymp" von Marcel Carné zu sehen. Hier der Ausschnitt, in dem der Pantomime Jean-Louis Barrault den "Moonwalk"-Schritt präsentiert:






Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse

Mittwoch, 1. Juli 2009

Nasse Asche


von Hans Lesener



Dein Hof brennt, sage ich zu meinem Freund abends am Telefon. Rettet die Pferde und die Papiere im Büro, sagt mein Freund. Niemand betritt das Haus, sagt der Feuerwehrmann, der vor dem Eingang steht, während die Nachbarn durch die Hintertür die bewegliche Habe bergen. Der Kamin muss runter, sagt der Bauer, sonst ist nicht richtig abgebrannt. Das ist das Beste, was ihm passieren konnte, wenn er ordentlich versichert ist, sagt ein Gaffer. Alle Pferde sind draußen, sagt meine Frau, nur der Rappe aus der letzten Box hinten rechts hat es nicht geschafft. Alles ist ordentlich gelaufen, sagt mein Freund morgens um vier, danke. Gut, dass ich gestern meine Sachen mitgenommen habe, sagt seine Tochter. Sie haben eine Rauchvergiftung, sagt der Sanitäter zu mir. So riecht also nasse Asche, sage ich am Morgen danach.



Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Montag, 15. Juni 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



VI. Mondbildnisse



Im vollen Mondlicht

mächtig die Schatten im Park -

und dieser Flieder!



Dieses Haiku von Horst Ludwig, das in der Mitglieder-Anthologie 2007 der Deutschen Haiku-Gesellschaft veröffentlicht wurde, könnte man sich sehr gut als romantisches Gemälde vorstellen. Präsentiert werden könnte dieses fiktive Bildnis derzeit in der Ausstellung Der Mond, die noch bis zum 16. August 2009 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen ist. Zu der kunsthistorischen Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog im Verlag Hatje Cantz erschienen. Wer keine Möglichkeit hat, die Ausstellung zu besuchen, kann sich mit der Lektüre des liebevoll und großzügig gestalteten Bandes trösten. Er umfasst 304 Seiten, 160 der 180 Abbildungen sind farbig. Das Buch möchte einen Ansatz liefern zu einer Ikonografie des Mondes. Trotz anhaltender Mondfaszination gibt es bis heute noch keine umfassende Darstellung der Geschichte des Mondes als Motiv in der Kunst. Hierfür wurden für die Ausstellung Bilder von europäischen Künstlern und Wissenschaftlern vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart gesammelt. Im Vorwort des Katalogs entschuldigt sich der Herausgeber Andreas Blühm für diese eurozentrische Begrenztheit: „Da aber die Erfindung des Telekops (um 1609), der Fotografie (1839) und der Raumfahrt (Mitte des 20. Jahrhunderts) westlichen Ursprungs sind, ist es dennoch möglich, eine wesentliche Bildergeschichte vom Mond zu präsentieren. Diese drei Epochenschritte markieren die entscheidenden Veränderungen und bestimmen auch die Gliederung dieses Buches.“ (S. 48)

Die Unterteilung in Kapitel wurde in sechs Mondphasen gestaltet: In „In himmlischen Sphären“ sind mittelalterliche Monddarstellungen von Stefan Lochner bis Albrecht Dürer zu sehen. „Der Blick durch das Teleskop“ zeigt erste Mondbilder, die die im technischen Hilfsmittel entdeckte Realität künstlerisch verarbeiten. Eine Mondphase widmet sich der „Aufklärung und Romantik“ und präsentiert Zeugnisse der Ent- und Verzauberung des Mondes in der bildenden Kunst. In „Scharf und Unscharf“ sind erste Fotografien zu sehen; die Möglichkeit der exakten Abbildung mittels Apparatur führte dazu, dass viele Künstler sich auf eine Innensicht besannen: Die Malerei wurde impressionistisch. In die Moderne führt uns die Mondphase „Neue Mondfantasien“, die von der Sehnsucht nach erneuter Verzauberung des durch moderne Technik entzauberten Himmelskörpers kündet. Der Band schließt mit dem Kapitel „Die Raumfahrt und die Bilder“.

Begrüßt und verabschiedet wird man im Katalog von den vierzig faszinierend realistischen Kupferstichen der Mondphasen von Hevelius (1611-1687), der als Begründer der Kartographie des Mondes gilt. Selten fand man diese frühen Monddarstellungen in solcher Qualität vereint. Allein schon diese ganzseitigen Abbildungen lohnen meines Erachtens einen Blick in das Buch, aber auch alle anderen Fotografien sind erstklassig reproduziert. Die vielen kenntnisreichen Textbeiträge lassen sowohl den vertrauten Mond als auch den Betrachter selbst auf neue Weise sehen. Das Buch „Der Mond“ ist direkt im Museum erhältlich oder kann im Buchhandel erworben werden.





Copyright des Haiku bei Horst Ludwig mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Haiku 2007, Anthologie der Mitglieder der Deutschen Haiku-Gesellschaft. Herausgegeben von Martin Berner, 2008, S. 44.


Aktuelles über den Mond:

Den letzten Vollmond konnte man am Montag, den 7. Juni 2009 beobachten. Am Montag, den 22. Juni ist Neumond. Am Dienstag, den 07. Juli ab 20:46 Uhr MEZ wird der Mond bei wolkenfreiem Himmel erneut im vollen Glanz zu sehen sein.



Einladung

Im Juli 2009 jährt sich zum 40. Mal die erste Mondlandung (am 21.07.1969). Anlässlich dieses Jahrestages möchte ich in der Juli-Ausgabe des Taubenschlags gelungene Haiku präsentieren, die den ersten Mondflug bzw. die Erinnerung daran thematisieren und bitte meine Leser um thematisch passende Einsendungen eigener Haiku bis zum 10. Juli 2009.



Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint meist am 15. eines Monats.




Pooringmoon from Cabbytube on Vimeo

Im Videoschnipsel heute ein Mondkurzfilm, den ich auf auf dem Videoportal "Vimeo", der anspruchsvollen Alternative zu You tube, gefunden habe.



Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?


Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu

Montag, 1. Juni 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



V. Nur der Mond schaut zu


Eines Nachts wird der Protagonist des Romans „Cancroregina“ von Tommaso Landolfi (1908-1979) von einem mysteriösen Fremden heimgesucht. Sogleich stellt sich heraus, dass dieser aus der nahegelegenen Irrenanstalt entflohen ist. Der Flüchtling überredet ihn, ihn zu seiner verborgenen Erfindung zu begleiten, zu dem Raumschiff „Cancroregina“, und mit ihm gemeinsam zum Mond zu fliegen. Die beiden machen sich auf den Weg und starten ins Weltall, doch den Mond erreichen sie nicht. Am Ende der Geschichte bleibt der Held des Romans alleine auf dem Raumschiff zurück und ist dazu verdammt, die Erde auf ewig zu umkreisen. Der Roman besteht aus Auszügen des „Tagebuches“ des sich nun als „Verstorbener“ Bezeichnenden:



1. Mai
Heute feiert man in fast allen Ländern meines Heimatkontinents den Tag der Arbeit. Und da sind sie tatsächlich, die Arbeiter: In großer Zahl ziehen sie mit Spruchbändern, Standarten, Fahnen, Bannern, Wimpeln und Lieder singend – kurzum, mit allem, was dazugehört – durch die Straßen von Mailand. Nun gut, was gehen mich die Arbeiter an? Sachte, sachte, mir ist – oder war wenigstens – viel an ihnen gelegen, und ich sage keineswegs, daß sie nicht gut daran tun, sich zu erheben, oder daß sie unrecht haben. Doch nichts schlägt mir so auf die Stimmung wie organisierte Aufmärsche mit Gesängen, Spruchbändern und Fahnen. Ich finde es einfach ungeheuer niederschmetternd. Da es aber so viele sind, müssen auch die mit Herz und Verstand dabeisein. Ist es denkbar, daß sie nicht wenigstens ohne Spruchbänder und Fahnen auskommen? Und außerdem sollten sie sich zumindest anders nennen, die Arbeiter, wenn sie ihrer Sache Ansehen verschaffen wollen. Kann man denn wirklich weiter Bezeichnungen wie Arbeitermassen, Arbeiterorganisation, Arbeitergewerkschaft gebrauchen oder diesen anderen Begriff, der klingt wie Rumpeln im Bauch: Proletariat, proletarisch und so weiter. Und sie sollen ihren Führern (auch eine schöne und für den, der damit gemeint ist, ehrenhafte Bezeichnung) andere Namen geben. Hat man je gehört, daß einer von denen einen irgendwie geistreichen oder vielversprechenden Namen getragen hätte?(...) Gibt es einen einzigen Arbeiter, frage ich mich, der im tiefsten Inneren nicht davon überzeugt ist, daß Arbeit den Menschen erniedrigt? (…) Und weiter: Warum diese abscheulichen Abkürzungen, die es einem empfindlicheren Menschen verwehren, Zeitung zu lesen, weil sie einfach pysischen Widerwillen erzeugen? Wer hat nur diese Abkürzungen erfunden? Sie sind das Grab der Wörter und also auch der … Kurzum: Warum besteht man hartnäckig darauf, aus diesem elenden Dasein die Poesie zu verbannen, die allein doch auch den Arbeitern helfen kann? (...)


(aus: Cancroregina, S. 74 ff.)



Die einen verbannen die Poesie aus der Wirklichkeit, die anderen, die Poeten, kümmern sich oft nicht um das "elende Dasein". Wer Haiku zu lesen beginnt, hat anfangs häufig den Eindruck, es handle sich bei diesem Genre um eine Poesie des Idylls: Naturgedichte, in denen die Schönheit von Blüten, Mondlicht und Vogelgesang dargestellt wird. Doch der erste Anschein trügt: Die Haikupoesie war und ist keine Weltfluchtdichtung für Naturschwärmer. Die Dichter sahen und sehen auch die gesellschaftliche Wirklichkeit und nehmen sie in ihre Texte auf. Wohl am bekanntesten ist Kobayashi Issas (1763-1828) Liebe zu den einfachen Dingen und den „geringsten“ Geschöpfen. Im folgenden Haiku steht Issa nur scheinbar schicksalhaft ergeben zu seiner Armut:



So ist sie nun mal -

schau sie dir ruhig an, meine Bruchbude,

du voller Mond!



(aus: Die letzten Tage meines Vaters, S. 122)


Issa war Anhänger des auch in Japan populären Amida-Buddhismus. Amitabha, japanisch Amida, bedeutet wörtlich »Grenzenloses Licht« und symbolisiert Mitgefühl und Weisheit. Der Mond mag hier stellvertretend für Amida angesprochen werden, das Gedicht drückt den Wunsch aus, jemand möge das Elend sehen und Empathie zeigen. Im Einverständnis mit der eigenen Lage ist etwas Widerständiges enthalten.

Yosa Buson (1716-1784) wird allgemein als der Maler unter den Haikudichtern bezeichnet. Buson hat nicht nur selbst gemalt, seine Haiku gelten als besonders bildhaft. Masaoka Shiki (1867-1902) bewunderte insbesondere die Kraft und Präzision seiner Gedichte und war der Ansicht, dass Buson ein größerer Haiku-Dichter als Bashô sei. Buson ging es weniger um das Naturerleben als Bashô, stärker als dieser war er an der literarischen Verfeinerung der Dichtung interessiert. Dem Mond widmete er eine ganze Reihe von Gedichten:



Der Mond im Zenit.

Er durchwandert mit mir

ein Elendsviertel.



(aus: Dichterlandschaften, S. 272)


Gemeinsam mit dem Mond wandert der Dichter durch einen verwahrlosten Stadtteil. Ohne den Begleiter ist es schwierig, das Elend zu erkennen. Der hoch stehende Mond wird hier als Gefährte benötigt, auch um das Gesehene ertragen und mit jemanden zu teilen zu können.

In einer ähnlichen Lage befindet sich der afro-amerikanische Schriftsteller Richard Wright (1908-1960). Er aber ist nicht Beobachter, sondern selbst Opfer der elenden Verhältnisse. In seiner armseligen Unterkunft muss er erkennen, dass nicht einmal das Mondlicht umsonst zu haben ist.



Ich zahle Miete

für Läuse in einem kalten Zimmer,

und für das Mondlicht.



(aus: Haiku. This Other World, S. 272, Übersetzung von Udo Wenzel)


Auch Wright beschreibt nicht die Schönheit des Mondes, das Haiku spricht von Einsamkeit und Armut. Er wohnte zu dieser Zeit in einem heruntergekommenen Apartment in der Rue Régis in Paris, während seine Familie in London lebte. Der schwarze Autor, bekannt für sein Engagement gegen Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut, das sich z.B. in seinen Büchern Native Son und Black Boy zeigte, schrieb in den letzten zwei Jahren seines Lebens an die 4000 Haiku. Kurz vor seinem Tod wählte er 817 davon als veröffentlichenswert aus. Die Auswahl verschwand lange Zeit in den Archiven, erst 1998, knapp 40 Jahre nach seinem Tod, erschien sie auf Betreiben seiner Tochter Julia Wright unter dem Titel: „Haiku. This Other World“.



Aktuelles über den Mond:

Am 7. Juni 2009 um 20:47 (MEZ) können wir den nächsten Vollmond betrachten. In der Nacht des 7. Juni um 3 Uhr MEZ zieht der Mond an dem roten Riesen Antares vorbei. "Was der Mond roth auf geht." "Wie ein blutig Eisen." (Büchner, Woyzeck)


Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats.



Als Videoschnipsel der Trailer zu einem Theaterstück, das derzeit in der Berliner Schaubühne zu sehen ist. Das Drama „John Gabriel Borkmann“ von Ibsen wirkt wie ein Kommentar zur aktuellen Finanzkrise. Josef Bierbichler spielt den Finanzverbrecher Borkmann, am Ende des Videoausschnitts sieht man das Elend des einst Mächtigen unerbittlich vom Mond ausgeleuchtet.





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Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt

Freitag, 1. Mai 2009

Flirt


von Peter Altenberg


Sie trug ein Kleid von der mattgrünen Farbe der Diamant-Käfer und gab einem Cavalier Rosenblätter zu essen, welche sie abzupfte.
»Ambrosia – – –« sagte der Cavalier.
Später sass sie immer allein. Ihr mattgrünes Kleid schimmerte wie Phosphor. Sie zupfte langsam Rosenblätter ab, gab sie Niemandem zu essen.
Eine Thräne fiel auf ihr Kleid.
Nektar!



Der vor 150 Jahren in Wien geborene Peter Altenberg beschrieb in seinem ausschließlich aus Prosaskizzen bestehenden Werk die Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende. Als sein erstes Buch, "Wie ich es sehe", 1896 erscheint, ist Altenberg 37 Jahre alt. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns gilt als Sonderling. Nachdem ein Arzt ihm eine "Über-Empfindlichkeit der Nerven" attestiert hat, verbringt er seine Tage mit Kaffeehausbesuchen und Flanieren. Das Buch des stadtbekannten Bohémien wird zum Erfolg. Karl Kraus und Arthur Schnitzler schätzen und fördern ihn, zu seinem Freundeskreis zählt auch Alfred Polgar. Nachdem nach dem Tod seiner Eltern seine Finanzquellen versiegen, rufen Künstler aus seinem Umkreis wie Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Hesse und Max Reinhardt immer wieder zu Spendensammlungen für ihn auf, deren Einkünfte ihm erlauben weiterhin zu schreiben.
Die impressionistischen Skizzen von Peter Altenberg enthalten keine Plots, sie schildern flüchtige Sinneseindrücke, Dialogfetzen, kurze Szenen aus dem Alltag. Auf den ersten Blick erscheinen sie oberflächlich, doch zeugen die literarischen Momentaufnahmen wie Fotografien vom bürgerlichen und proletarischen Leben des fin de siècle. Die Miniaturen beeinflussten unter anderem Robert Musil, Franz Kafka und Uwe Johnson. Egon Friedell schrieb über ihn: „Er ist kein Lyriker, denn er hat keine Form. Er ist kein Epiker, denn er hat keine Handlung. Er ist kein Philosoph, denn er hat kein System. Seine Gedanken sind barock, sein Stil ist salopp, seine Pathetik ist überheizt. Und im Leben ist er ein Narr." Altenberg starb 1919 krank und vereinsamt in seiner Heimatstadt Wien.



Mittwoch, 15. April 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



IV. Wie es Euch gefällt


Im vierten Teil der Serie mit Haiku zum Thema Mond kommen meine Leser zu Wort. Auf meine Einladung zur Einsendung von Lieblingshaiku zum Thema Mond wurden unter anderem die folgenden Gedichte eingeschickt:



Das Glühwürmchen

gejagt, flüchtet sich

in den Mond.



von Oshima Ryota (1707-1787)



Dem heißen Bad entstiegen -

ins helle Mondlicht hinein.



von Taneda Santôka (1882-1940)



Wasser holen -

in beiden Eimern

das Schwanken des Mondes



von Gerd Börner (geb. 1944)


Vielen Dank an alle, die mir ihre Favoriten zugeschickt haben. Aus urheberrechtlichen Gründen möchte ich an dieser Stelle nicht mehr als drei Haiku vorstellen. Eine Liste mit allen eingesandten Beiträge lasse ich gerne allen Interessierten zukommen. Stichwort: Leserliste Mondhaiku.



Aktuelles über den Mond:

Der nächste Vollmond geht am 9. Mai 2009 um 20:51 Uhr (MEZ) auf. Wer Glück hat, kann bei sternenklarem Himmel am Abend des 6. und 7. Mai beobachten, wie der nahezu volle Mond an Spica vorbeizieht. Spica ist der hellste Stern im Sternbild Jungfrau und der fünfzehnthellste Stern von der Erde aus gesehen.



Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats.




Im Videoschnipsel heute ein Ausschnitt aus dem Film "The Wizard of Oz", das mit Musik von Pink Floyds "Dark Side of the Moon" unterlegt wurde.

Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends

Mittwoch, 1. April 2009

Luftpost




diesiger mittag, die krähe

schwingt sich vom dach

ihr gezogener anflug

bindet die flächen der luft, nur

verzögert die landung

das haarfeine rucken

des blicks

hinterm fenster





von Nico Bleutge


Nico Bleutge, geboren 1972 in München. Studium der Germanistik, Allgemeinen Rhetorik und Philosophie in Tübingen. Das Gedicht stammt aus dem jüngsten Buch des Essayisten, Lyrikers und Literaturkritikers: "fallstreifen. gedichte". Es ist nach "klare konturen" der zweite Lyrikband des Autors. Nico Bleutge gilt als größte Begabung unter den jüngeren deutschen Dichtern. Er beschreibt in seinen Gedichten in ausgefeilter Sprache und Rhythmus das alltäglich Wahrnehmbare, intensive Augenblicke, knappe eindringliche Bilder, häufig aus der Natur. Dabei ist seine Dichtung weder reine Naturdichtung noch behauptet sie, sich alleine vom erlebten Augenblick zu nähren. Nico Bleutge verwendete für viele seiner Gedichte "fremdes Textmaterial", Gedichte und Textstellen von Walter Benjamin, H.C. Artmann, Emily Dickinson und anderen. Zudem führen einige Gedichte an historische Orte und Szenen vom Barock bis zum Zweiten Weltkrieg. Bleutge selbst erscheint in seinen Gedichten zwar gelegentlich, doch nicht als subjektiv wertendes Ich, sondern als Horchender, Sehender, Spürender, wie man es auch von vielen Haiku kennt. In vielen seiner Gedichte taucht "Luft" in verschiedenen Zuständen auf. Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb seine Gedichte so leicht, durchlässig und schwebend erscheinen.



Aus Nico Bleutge: fallstreifen. gedichte. Verlag C.H. Beck.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags. © Verlag C.H. Beck Verlag oHG, München 2008.



Sonntag, 15. März 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



III. Kein Mond, nirgends


Das gesteigerte Erleben in „abenteuerlich veränderten Mondnächten“, wie von Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften (siehe Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik) beschrieben, ist nur ein Grund, den Mond zu schätzen, einer, der zudem im gewöhnlichen Alltag keine große Rolle spielt. Es gibt einen sehr viel naheliegenderen: Stellen wir uns die Welt ohne die Lichtquellen unserer modernen Zivilisation vor. Der Mondschein stiftet ein wenig Hoffnung und Sicherheit in der Dunkelheit der Nacht. In der Haiku-Dichtung findet man wohl auch deshalb so häufig Gedichte, die den Vollmond thematisieren. Mir ist so gut wie kein klassisches Haiku bekannt, das die Abwesenheit des Mondes erwähnt. Es gibt ein Haiku von Issa (1763-1828), das sein Gefühl anlässlich einer Mondfinsternis zum Ausdruck bringt:

Die Menschenwelt -

ein Jammertal! Auch für den Mond:

Er verfinstert sich!



Himmel und Erde spiegeln sich in ihrem „negativen“ Erscheinungsbild. Doch ist der Mond bei Issa immer noch anwesend. Fündig wurde ich erst in der modernen Dichtung, bei einer deutschsprachigen Autorin. Das folgende Haiku der österreichischen Dichterin Imma von Bodmershof (1895-1982) lässt erahnen, welche Schrecken einer mondlichtlosen Winternacht innewohnen:


Mondlose Frostnacht

die Rehe scharren nach Moos

mit wunden Läufen.



Der Literaturwissenschaftler Andreas Wittbrodt weist in seinem Aufsatz „Das blaue Glühen des Rittersporn“ darauf hin, dass Bodmershof als Autorin stark von der Literatur der Inneren Emigration geprägt war: „In ihrer Literatur und zumal in ihrer Lyrik stellten die Inneren Emigranten, um es mit einem Wort zu sagen, dem Leben in und mit der korrupten nationalsozialistischen Gesellschaft die "Heile Welt" der Natur sowie das Leben in und mit ihr entgegen.“ Es existieren in der Dichtung von Bodmershof einige Mondgedichte, die den Mond als abwesendes Element enthalten, ihn als etwas Verdecktes, Zukünftiges oder als bedrohten oder schmerzlich weit entfernten Gegenstand ansprechen. Der Schrecken ist in der Dichtung von Bodmershof präsent: Er ist in einigen Naturbildern, die auch als Metapher gelesen werden können, aufgehoben.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, welch beruhigendes Gefühl es ist, wenn man sich der Anwesenheit des Mondes selbst im alltäglichen Geschehen vergewissern kann. Das folgende Haiku legte Imma von Bodmershof im Januar 1972 einem Brief an Martin Heidegger bei. Die Dichterin und der Philosoph standen von 1959 bis zu Heideggers Tod im Jahr 1976 in Briefkontakt (der Briefwechsel erschien im Jahr 2000 im Klett-Cotta Verlag). Deutlich gibt er Zeugnis von der kulturkonservativen Haltung der beiden Autoren. Es mutet teilweise etwas seltsam an, wie hier einer scheinbar heilen Welt der Dichtung und Natur eine technikorientierte und von Massenmedien dominierte Gegenwart entgegen gestellt wird. Pointiert ließe sich angesichts dieses Gedichtes fragen: Wozu ein Fernrohr, wenn es doch auch so geht?

Selbst meine kleine

Theetasse fängt den Mond ein -

stell ich sie richtig.



Man kann die „kleine Theetasse“ auch als Metapher für die „kleine Form der Haikudichtung“ lesen. Imma von Bodmershof beschäftigte sich seit 1947 mit dem Haiku, 1962 veröffentlichte sie ihre erste Sammlung „Haiku“. Sie gilt als erste Autorin, die die ästhetische Qualität der japanischen Kurzdichtung auch in deutscher Sprache realisierte und zählt daher bis heute zu den wichtigsten Vertretern der deutschsprachigen Haiku-Dichtung. Ihren Mondhaiku nachzuspüren ist ein lohnenswertes Unterfangen, in dem die ästhetische Eigenständigkeit der Dichterin erkennbar wird.

Das Haiku von Issa wurde übertragen von G.S. Dombrady, aus Issa: Mein Frühling, Manesse Verlag Zürich, 1983.


Aktuelles über den Mond:

Am 20. März 2009 um 12:43 (MEZ) ist auch aus kalendarischer Sicht Frühlingsanfang. Die Sonne überschreitet den Äquator auf ihrem Weg in Richtung Norden. Dieser Zeitpunkt ist der Frühlingsbeginn auf der Nordhalbkugel der Erde. Tag und Nacht sind bei dieser sogenannten März-Tagundnachtgleiche genau gleich lang (12h). Bis zum Herbst steht die Sonne über der Nordhalbkugel und sorgt für die warmen Jahreszeiten Frühling und Sommer. Den letzten Vollmond konnte man am Mittwoch, den 11. März 2009 beobachten. Einen Tag vor Karfreitag, am 9. April, lässt sich bei klarer Sicht der erste Frühlingsvollmond des Jahres ab 19:25 Uhr bewundern.
Hinweisen möchte ich noch auf den Beginn einer Ausstellung. Ab 26. März widmet sich das Kölner Wallraf-Richartz-Museum dem Mond: „Die Auswahl der Exponate reicht von mittelalterlichen Tafelbildern und romantischen Gemälden über astronomische Instrumente bis hin zu originalen Raumfahrtfotografien und zeitgenössischer Kunst. Alle Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, Modelle und Fotografien spiegeln die große Faszination wider, die der Mond seit je her auf die Menschheit ausübt. Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören zwei Original-Ausgaben von Galileos „Botschaft von neuen Sternen“ und Manets „Mondschein über dem Hafen von Boulogne“, dem ersten impressionistischen Nachtbild überhaupt“. (Zitat aus der Ankündigung des Museums). Die Ausstellung wird bis zum 16. August 2009 zu sehen sein.




Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats. Wer möchte, möge mir seine beliebtesten Mondhaiku (keine eigenen Werke) zusenden. Einsendungen bis zum 10. April werden für die nächste Ausgabe berücksichtigt.


Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?




Das Brad Mehldau Trio spielt "No Moon" auf dem Jazz Festival Vitoria-Gasteiz 2006. Brad Mehldau - piano. Larry Grenadier - bass. Jeff Ballard - drums.

Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik