Donnerstag, 15. Januar 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel


Aufgrund eines Vorschlags der International Astronomical Union ist das Jahr 2009 von der UNO zum Jahr der Astronomie erklärt worden. Vor knapp 400 Jahren beobachteten Galilei und andere Astronomen erstmals mit dem soeben erfundenen Fernrohr die Gestirne, 1609 erschien Keplers "Astronomia Nova", in dem die ersten beiden seiner Planetengesetze formuliert werden. Konzentrieren wir uns dieses Jahr auf den nahe liegendsten Himmelskörper, den Mond, der auch die Imaginationskraft der Haikudichter - und Poeten überhaupt - schon immer besonders angesprochen hat. Dies mag in dessen Eigenart begründet sein, wandelbar und unwandelbar zugleich zu sein. Bei aller regelmäßigen Wiederkehr erscheint der Begleiter der Erde doch auch in seinem Formenreichtum und seinen oft wunderlich anmutenden Positionswechseln ebenso unstet wie das Leben der vor- und frühmodernen japanischen Dichter. Der Welt der Träume nahe, lässt der leuchtende Mond die Dinge in anderem Licht erscheinen, wie es auch gute Dichtung vermag. Großes Vorbild des berühmten Haikudichters Bashô (1644-1694) war der Dichtermönch Saigyô (1118-1190) das literarische Ideal des hyôhaku, das „stete Getriebenwerden“, prägte sein Leben und sein Werk, das bis in die Moderne ausstrahlt. Folgen wir in den nächsten zwölf Monaten in zwölf Folgen den Spuren von Haikudichtern unterschiedlicher Länder und Epochen, lesen ihre Werke, nehmen an einer „virtuellen“ Mondschau teil und verfassen eigene Gedichte, beobachten wir den Verlauf des Erdtrabanten und werden mit ihnen Gefährten des Mondes.


I. Große Erwartungen


In einer Septembernacht des Jahres 1690 treffen sich einige Männer im Haus von Mizuta Masahide (1657-1723), Arzt in Zeze und Leiter des dortigen Haikai-Zirkels, zum gemeinsamen Dichten. Einer der Teilnehmer der Dichterrunde ist der 45 Jahre alte kränkelnde Matsuo Bashô. Er hatte ein unruhiges Jahr hinter sich. Ende April war er in Zeze angekommen, wo ihm seine Schüler am Rande des Biwa-Sees eine kleine Berghütte eingerichtet hatten, die Genjû-an („Klause des Verweilens im Wahn der Welt“). Der Aufenthalt ist in seinem Haibun Genjûan no ki* beschrieben. Darin berichtet er auch von seinem schlechten Gesundheitszustand: „Mein kränkelnder und erschöpfter Körper ist es, der mir den Umgang mit anderen erschwert und mich zu einem Menschen macht, der sich von der Welt abwendet.“ (S. 191f.). Bashôs „Weltabgewandtheit“ hindert den passionierten Poeten aber nicht daran, gemeinsam mit seinen Schülern und anderen Dichtern zu dichten. Zu dem Dichtertreffen, auf der haikai no renga verfasst werden sollen, bringt Bashô, wie es damals Brauch war, dem Gastgeber einen Vers als Grußbotschaft dar:


tsuki shiro ya hiza ni te o oku yoi no yado

Gleich geht der Mond auf!

Alle sind im Zimmer, die

Hände auf den Knien.



Kurz vor der Zusammenkunft war Vollmond gewesen. Am 17. September hatte Bashô in dem buddhistischen Tempel Gichû, in dem er 4 Jahre später beerdigt werden sollte, eine tsukimi abgehalten, eine rituelle Feier zur gemeinsamen Betrachtung des vollen Herbstmondes. Das davon inspirierte Haiku kündet von Bashôs neuem poetischen Stil – karumi („Leichtigkeit“). Bashô propagierte in seinen letzten Lebensjahren die Einfachheit in der Dichtung, eine Abkehr von der Verwendung chinesischer Schriftzeichen und literarischer Bezüge. Statt dessen sollten Themen des Alltags Gegenstand der Dichtung werden, verfasst in einfacher Sprache, die auch umgangssprachliche Ausdrücke enthalten darf. Mitte des Jahres hatte er ihn erstmals in seiner Heimatstadt erwähnt. Dieser neue Stil führte zu erheblichen Differenzen zwischen Bashô und einigen Schülern, da ihn viele als Trivialisierung der Haikudichtung empfanden.
Auffallend am japanischen Original sind insbesondere die Assonanzen mit dem Vokal o, die die feierliche Stimmung und Erwartungshaltung der Mondbeobachter mit lautmalerischen Mitteln anklingen lässt. Ein haikai, das auch inhaltlich für den Auftakt zu einer Dichterrunde ebenso geeignet ist wie für den Beginn unserer zwölfteiligen Mondhaiku-Sammlung.

*„Aufzeichnungen aus der Klause des Wahns“, übers. von Jörg Quenzer in Bashô: „Sarumino. Das Affenmäntelchen“. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 1994.

Übersetzung des Haiku nach der englischen Übertragung von David Landis Barnhill von Udo Wenzel.


Aktuelles über den Mond:

Den letzten Vollmond konnte man am Sonntag, den 11. Januar beobachten:

Vollmond-Schnappschuss, 17:50 Uhr in der Nähe von Hannover.

Der nächste Vollmond ist am Montag, den 9. Februar 2009 um 15:49 Uhr. In den frühen Morgenstunden dieses Tages wandert der Mond durch den Halbschatten der Erde, deshalb wird es kurz nach 15:30 Uhr eine Halbschattenfinsternis des Mondes geben. Aber da der Vollmond erst gegen 17:33 Uhr bei uns aufgeht, ist diese Finsternis für uns nicht sichtbar. Sie ist nur in den östlichen Gebieten Asiens, in Ozeanien, Australien, Neuseeland und großen Teilen des Pazifischen Ozeans zu sehen.





Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats. Wer möchte, möge mir seine beliebtesten Mondhaiku (keine eigenen Werke) zusenden. Ich werde einige auswählen und in einer oder mehreren Folgen der zwölfteiligen Reihe vorstellen.


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Donnerstag, 1. Januar 2009

Nüchtern betrachtet




Am Neujahrshimmel

Sterne gleich glitzerndem Glas,

getauscht gegen Gold.



























Text und Bild von Udo Wenzel