Sonntag, 15. Februar 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



II. Mondrausch und taghelle Mystik


Die Tatsache, dass der Mond schon seit sehr langer Zeit Gegenstand von Dichtung ist, macht es schwer, etwas über ihn zu verfassen, das noch nicht gesagt wurde. „Mondgespräche sind so von ganzem Herzen verbraucht“ schreibt Robert Musil im zweiten Teil seines Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ und weist damit auf die Gefahr hin, dabei in Kitsch abzugleiten. Doch kurz darauf schildert der Protagonist Ulrich seiner Schwerster Agathe sprachgewaltig die Macht der „abenteuerlich veränderten Mondnächte“, den „Mondrausch“, der gewöhnlich als „sentimentale Ausschweifung“ entwürdigt wird, wo er doch eigentlich das „Fragment eines anderen Lebens“ ist: „So hat jeder Vorgang in Mondnächten die Natur des Unwiederholbaren. Er hat die Natur des Gesteigerten. Er hat die der uneigennützigen Freigebigkeit und Entäußerung“ (Musil, Mann ohne Eigenschaften, S. 1084).
Es ist die Aufgabe des Dichters, eine Lösung zu finden, die dieses gesteigerte Erleben auf unkonventionelle Weise darstellt. Das Gedicht von Bashô, das im ersten Teil vorgestellt wurde, wird alleine durch die Tatsache, dass der Mond noch nicht anwesend ist, zu etwas Besonderem. Es zeigt nicht den Mond selbst, sondern konzentriert lediglich auf die Erwartung des am Horizont auftauchenden Himmelskörper. Geschickt umschifft Bashô die Klippen des Klischees. Es ist nicht zuletzt auch die Kunst, die Dinge auf andere Weise zu betrachten, die seine Größe als Dichter ausmachen. In seinem berühmten Froschhaiku quaken die Frösche nicht, wie sie es in der haikai-Dichtung bis dato taten. Ein anderes Beispiel ist Bashôs Umgang mit Klischeelandschaften. Auf seiner Reise ins Hinterland bedichtet er den Fuji auf ungewöhnliche Weise: „Nebliger kalter Herbstregen / der Fuji war heut' nicht zu sehen / wie interessant“ (Arbeitsübersetzung von R.F. Wittkamp).
Machen wir einen Zeitsprung in die Gegenwart und sehen uns an, wie ein zeitgenössischer Haikudichter den Mond auf kunstvolle Weise zeigt. Auch der Brite David Cobb, Gründungsmitglied der British Haiku Society, zeigt in seinem Haiku den Mond nicht direkt, sein Licht erscheint nur in der Spiegelung. Das gespiegelte Mondlicht ist ein häufiges Motiv in der Dichtung, aber selten wurde eine so einfallsreiche Darstellung gefunden wie diese:


Tropfen für Tropfen

wächst das Mondlicht

im Eiszapfen



Mondschwärmerei verbietet hier schon alleine die distanzierte Haltung des Betrachters. Die Kälte der Szenerie intensiviert diese Distanz noch und lässt ein Bild kristalliner Schönheit entstehen. Wie in Bashôs Haiku ist auch hier die gewöhnliche Zeiterfahrung verändert. Erscheint diese bei Bashô gedehnt vom Warten, wirkt sie hier wie in Zeitraffer beschleunigt. Cobb schreibt dazu, dass ihn an dem Bild die Art und Weise fasziniert habe, wie Eiszapfen und Mond in Verbindung stehen: der Mond ist das passive Element, der Eiszapfen das aktive.

Ich möchte an dieser Stelle ein weiteres Haiku vorstellen, in dem eine Spiegelung des Mondes die subjektive Zeiterfahrung beeinflusst. Naitô Jôsô (1662-1704), ein Schüler Bashôs, bringt in dem folgenden Winterhaiku den Mond mit der persönlichen Lebenszeit eines Menschen in Verbindung:


yuki yori mo samushi shiraga ni fuyu no tsuki

Kälter noch als Schnee

der Wintermond

auf weißen Haaren



Die weißen Haare eines alten Mannes erscheinen im weißen Licht des Wintermondes „kälter als Schnee“, sie lassen den Mann älter erscheinen und künden von der Unumkehrbarkeit der Zeit. Lassen wir noch einmal Robert Musil zu Wort kommen: „Jede Mitteilung ist eine neidlose Teilung. Jedes Geben ein Empfangen. Jede Empfängnis vielseitig verflochten in die Erregung der Nacht. So zu sein, es ist der einzige Zugang zum Wissen dessen, was vor sich geht.“ Das Mondlicht sendet ein Vorzeichen des Todes, das der Dichter hier möglicherweise an sich selbst wahrnimmt.


Was bleibt vom „Rausch“ der Nacht bei Tageslicht? Ulrich begegnet seiner Schwester am nächsten Tag erneut, beide nehmen die Welt auf gesteigerte Weise wahr: Der Verlauf der Grenze zwischen ihnen und zwischen ihnen und der Welt erscheint etwas verändert. Doch hat dieser Zustand nichts mit Schwärmerei gemein: „Zudem hatte ein Mann wie er, wenn er sich nicht belog, .... kaum die Möglichkeit, an ein verschämtes Stelldichein mit der Natur zu glauben, dessen Raunen und Augenaufschlagen, Gottseligkeit und stummes Musizieren vielmehr das Vorrecht einer besonderen Einfalt ist, die sich einbildet, wenn sie kaum den Kopf ins Gras lege, kitzle sie Gott schon am Hals, obzwar sie an Wochentagen nichts dawider hat, daß die Natur auch an der Fruchtbörse gehandelt wird. Ulrich verabscheute diese Schleudermystik zu billigstem Preis und Lob, die im Grunde ihrer beständigen Gottergriffenheit über die Maßen liederlich ist, und überließ sich da eher noch der Ohnmacht, eine zum Greifen deutliche Farbe mit Worten zu bezeichnen oder eine der Formen zu beschreiben, die auf so gedankenlos eindringliche Art für sich selbst sprachen. Denn das Wort schneidet nicht in solchem Zustand, und die Frucht bleibt am Ast, ob man sie gleich schon im Mund meint: das ist wohl das erste Geheimnis der taghellen Mystik“ (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1978, S. 1088).
Mit dem Begriff der „taghellen“ Mystik verweist Musil auf eine nichtregressive Erkenntnismöglichkeit, der „andere Zustand“ sei nur erreichbar, indem man durch Sprache und Denken hindurch geht. Diese utopische Verbindung von seelischem Erleben und Exaktheit ist auch eine wichtige Qualität guter Haikudichtung.


Copyright des Haiku by David Cobb, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: David Cobb, Im Zeichen des Janus, Hub-Verlag, 2006. Übersetzung des Haiku von Jôsô auf Basis der englischen Übersetzung von Blyth von Udo Wenzel mit freundlicher Hilfe von Kanae Shirai.


Aktuelles über den Mond:

Den letzten Vollmond konnte man am Montag, den 9. Februar 2009 beobachten. Am Montag, den 11. März 2009 um 3:38 Uhr wird der Mond erneut zum Vollmond.



Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats. Wer möchte, möge mir seine beliebtesten Mondhaiku (keine eigenen Werke) zusenden. Ich werde einige auswählen und in einer oder mehreren Folgen der zwölfteiligen Reihe vorstellen.


Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?




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