Sonntag, 15. März 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



III. Kein Mond, nirgends


Das gesteigerte Erleben in „abenteuerlich veränderten Mondnächten“, wie von Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften (siehe Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik) beschrieben, ist nur ein Grund, den Mond zu schätzen, einer, der zudem im gewöhnlichen Alltag keine große Rolle spielt. Es gibt einen sehr viel naheliegenderen: Stellen wir uns die Welt ohne die Lichtquellen unserer modernen Zivilisation vor. Der Mondschein stiftet ein wenig Hoffnung und Sicherheit in der Dunkelheit der Nacht. In der Haiku-Dichtung findet man wohl auch deshalb so häufig Gedichte, die den Vollmond thematisieren. Mir ist so gut wie kein klassisches Haiku bekannt, das die Abwesenheit des Mondes erwähnt. Es gibt ein Haiku von Issa (1763-1828), das sein Gefühl anlässlich einer Mondfinsternis zum Ausdruck bringt:

Die Menschenwelt -

ein Jammertal! Auch für den Mond:

Er verfinstert sich!



Himmel und Erde spiegeln sich in ihrem „negativen“ Erscheinungsbild. Doch ist der Mond bei Issa immer noch anwesend. Fündig wurde ich erst in der modernen Dichtung, bei einer deutschsprachigen Autorin. Das folgende Haiku der österreichischen Dichterin Imma von Bodmershof (1895-1982) lässt erahnen, welche Schrecken einer mondlichtlosen Winternacht innewohnen:


Mondlose Frostnacht

die Rehe scharren nach Moos

mit wunden Läufen.



Der Literaturwissenschaftler Andreas Wittbrodt weist in seinem Aufsatz „Das blaue Glühen des Rittersporn“ darauf hin, dass Bodmershof als Autorin stark von der Literatur der Inneren Emigration geprägt war: „In ihrer Literatur und zumal in ihrer Lyrik stellten die Inneren Emigranten, um es mit einem Wort zu sagen, dem Leben in und mit der korrupten nationalsozialistischen Gesellschaft die "Heile Welt" der Natur sowie das Leben in und mit ihr entgegen.“ Es existieren in der Dichtung von Bodmershof einige Mondgedichte, die den Mond als abwesendes Element enthalten, ihn als etwas Verdecktes, Zukünftiges oder als bedrohten oder schmerzlich weit entfernten Gegenstand ansprechen. Der Schrecken ist in der Dichtung von Bodmershof präsent: Er ist in einigen Naturbildern, die auch als Metapher gelesen werden können, aufgehoben.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, welch beruhigendes Gefühl es ist, wenn man sich der Anwesenheit des Mondes selbst im alltäglichen Geschehen vergewissern kann. Das folgende Haiku legte Imma von Bodmershof im Januar 1972 einem Brief an Martin Heidegger bei. Die Dichterin und der Philosoph standen von 1959 bis zu Heideggers Tod im Jahr 1976 in Briefkontakt (der Briefwechsel erschien im Jahr 2000 im Klett-Cotta Verlag). Deutlich gibt er Zeugnis von der kulturkonservativen Haltung der beiden Autoren. Es mutet teilweise etwas seltsam an, wie hier einer scheinbar heilen Welt der Dichtung und Natur eine technikorientierte und von Massenmedien dominierte Gegenwart entgegen gestellt wird. Pointiert ließe sich angesichts dieses Gedichtes fragen: Wozu ein Fernrohr, wenn es doch auch so geht?

Selbst meine kleine

Theetasse fängt den Mond ein -

stell ich sie richtig.



Man kann die „kleine Theetasse“ auch als Metapher für die „kleine Form der Haikudichtung“ lesen. Imma von Bodmershof beschäftigte sich seit 1947 mit dem Haiku, 1962 veröffentlichte sie ihre erste Sammlung „Haiku“. Sie gilt als erste Autorin, die die ästhetische Qualität der japanischen Kurzdichtung auch in deutscher Sprache realisierte und zählt daher bis heute zu den wichtigsten Vertretern der deutschsprachigen Haiku-Dichtung. Ihren Mondhaiku nachzuspüren ist ein lohnenswertes Unterfangen, in dem die ästhetische Eigenständigkeit der Dichterin erkennbar wird.

Das Haiku von Issa wurde übertragen von G.S. Dombrady, aus Issa: Mein Frühling, Manesse Verlag Zürich, 1983.


Aktuelles über den Mond:

Am 20. März 2009 um 12:43 (MEZ) ist auch aus kalendarischer Sicht Frühlingsanfang. Die Sonne überschreitet den Äquator auf ihrem Weg in Richtung Norden. Dieser Zeitpunkt ist der Frühlingsbeginn auf der Nordhalbkugel der Erde. Tag und Nacht sind bei dieser sogenannten März-Tagundnachtgleiche genau gleich lang (12h). Bis zum Herbst steht die Sonne über der Nordhalbkugel und sorgt für die warmen Jahreszeiten Frühling und Sommer. Den letzten Vollmond konnte man am Mittwoch, den 11. März 2009 beobachten. Einen Tag vor Karfreitag, am 9. April, lässt sich bei klarer Sicht der erste Frühlingsvollmond des Jahres ab 19:25 Uhr bewundern.
Hinweisen möchte ich noch auf den Beginn einer Ausstellung. Ab 26. März widmet sich das Kölner Wallraf-Richartz-Museum dem Mond: „Die Auswahl der Exponate reicht von mittelalterlichen Tafelbildern und romantischen Gemälden über astronomische Instrumente bis hin zu originalen Raumfahrtfotografien und zeitgenössischer Kunst. Alle Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, Modelle und Fotografien spiegeln die große Faszination wider, die der Mond seit je her auf die Menschheit ausübt. Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören zwei Original-Ausgaben von Galileos „Botschaft von neuen Sternen“ und Manets „Mondschein über dem Hafen von Boulogne“, dem ersten impressionistischen Nachtbild überhaupt“. (Zitat aus der Ankündigung des Museums). Die Ausstellung wird bis zum 16. August 2009 zu sehen sein.




Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats. Wer möchte, möge mir seine beliebtesten Mondhaiku (keine eigenen Werke) zusenden. Einsendungen bis zum 10. April werden für die nächste Ausgabe berücksichtigt.


Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?




Das Brad Mehldau Trio spielt "No Moon" auf dem Jazz Festival Vitoria-Gasteiz 2006. Brad Mehldau - piano. Larry Grenadier - bass. Jeff Ballard - drums.

Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Da rackern sich angehende Haiku-Autoren ab, sie lernen, man dürfe nicht so viel Gefühl in den Text legen, das würde den Leser bevormunden und ihm die Freiheit der Interpretation nehmen - und siehe: ein klassicher Haiku-Autor (Issa) stellt die Menschenwelt als ein Jammertal dar. Was für ein Gefühlsüberschwang - Todsünde für die Schreiber in den Foren. Oder war vielleicht Issa gar nicht so klassisch, sondern betrat Neuland, ein Gebiet, auf das sich die Autoren in den Werkstätten nun heute doch endlich wagen sollten? Wie arm werden wir, wenn wir nicht so viel wagen, wie Issa!

Rudi Pfaller