Sonntag, 1. März 2009

Weiße Reifen




Der Baum ist

eine Wolke

ich rücke den Kopf



Bald kommt Schnee

wir werden auf weißen Reifen fahren




von Peter Waterhouse

Peter Waterhouse wurde 1956 in Berlin geboren. Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Wien und Los Angeles. Der in Wien lebende Autor verfasst Lyrik, Essays, Erzählungen, Theaterstücke, Sachbücher und Romane; außerdem übersetzt er aus dem Englischen und Italienischen. Peter Waterhouse wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der H.C.Artmann Preis und der Erich-Fried-Preis. Die Gedichte von Peter Waterhouse erinnern in ihrer Konzentration auf das Bild und in ihrer einfachen Sprache teilweise an Haiku. Dabei liegt ihm eine Naturmystik fern: "Die Theorien, doch auch das Gerede von der Entwicklung unserer Kultur erzählen, daß die moderne Welt - der logischen Konsistenz, empirischen Verifizierbarkeit und technischen Nüchternheit - Spiritualität zerstört; das ist aber falsch. Ich möchte sagen: Das Gegenteil ist ein bißchen richtiger. Die Selbstverzauberung, Selbstverwandlung ist doch nie vor einem Altar oder vor einem Thron geschehen, sondern vor dem Staub oder vor dem Ölwasser im Hafenbecken oder vor dem Kratzer im Autolack... Der Supermarkt ist nicht das Gegenbild der Spiritualität, er wahrt sie. Er umbaut sie, schützt sie, macht sie unauffindbar, verzögert sie."
(Peter Waterhouse, Die Geheimnislosigkeit. Ein Spazier- und Lesebuch. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1996, S. 115 f.)



Das Gedicht ist ein Auszug aus Peter Waterhouse: Mitschrift aus dem "Meer der Lösungen", Urs Engeler Editor.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Urs Engeler. © Urs Engeler Editor.



Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?


Kommentare:

Rudi Pfaller hat gesagt…

480 v. Chr. droht Xerxes I. den Griechen bei den Thermopylen: Ich habe so viele Bogenschützen, dass ihre Pfeile die Sonne verdunkeln werden! König Leonidas von Sparta lässt der Überlieferung nach antworten: Umso besser – dann kämpfen wir im Schatten!
http://de.wikipedia.org/wiki/Humor

Dies kam mir in den Sinn, als ich den Text von Peter Waterhouse las. Der Text hat lakonischen Humor und endet in einem vorweggenommenen Wohlgefühl, wie es der sarkastische Humor von Leonidas ausdrückt. Dem Winter wird eine Poesie abgewonnen, die den Autofahrer gleichsam auf Wolken fahren lässt. So jedenfalls meine Interpretation, wenn ich weiter oben lese. Das Oben der Wolke und die weißen erdverbundenen Reifen verbinden Himmel und Erde. Eins sein mit den Elementen gewinnt dem Winter eine schöne Zeit ab. Ein Haiku? Ich weiß nicht, jedenfalls Lyrik, die mich anspricht. Was ein Haiku in dieser Zeit ist, wird sich noch herausformen. Möglicherweise spricht man in absehbarer Zeit nicht mehr von einem Haiku, wenn man über einen lyrischen Text diskutiert, der Haikuelemente enthält. Das ist nicht schlimm.

Rudi Pfaller

Udo Wenzel hat gesagt…

Lieber Rudi Pfaller,

danke für den Kommentar! Zur Information: Das Gedicht ist nur ein Auszug aus einem längeren Gedicht (siehe oben), es ist weder ein Haiku noch erhebt es den Anspruch eines zu sein.

Herzliche Grüße
Udo Wenzel