Mittwoch, 1. April 2009

Luftpost




diesiger mittag, die krähe

schwingt sich vom dach

ihr gezogener anflug

bindet die flächen der luft, nur

verzögert die landung

das haarfeine rucken

des blicks

hinterm fenster





von Nico Bleutge


Nico Bleutge, geboren 1972 in München. Studium der Germanistik, Allgemeinen Rhetorik und Philosophie in Tübingen. Das Gedicht stammt aus dem jüngsten Buch des Essayisten, Lyrikers und Literaturkritikers: "fallstreifen. gedichte". Es ist nach "klare konturen" der zweite Lyrikband des Autors. Nico Bleutge gilt als größte Begabung unter den jüngeren deutschen Dichtern. Er beschreibt in seinen Gedichten in ausgefeilter Sprache und Rhythmus das alltäglich Wahrnehmbare, intensive Augenblicke, knappe eindringliche Bilder, häufig aus der Natur. Dabei ist seine Dichtung weder reine Naturdichtung noch behauptet sie, sich alleine vom erlebten Augenblick zu nähren. Nico Bleutge verwendete für viele seiner Gedichte "fremdes Textmaterial", Gedichte und Textstellen von Walter Benjamin, H.C. Artmann, Emily Dickinson und anderen. Zudem führen einige Gedichte an historische Orte und Szenen vom Barock bis zum Zweiten Weltkrieg. Bleutge selbst erscheint in seinen Gedichten zwar gelegentlich, doch nicht als subjektiv wertendes Ich, sondern als Horchender, Sehender, Spürender, wie man es auch von vielen Haiku kennt. In vielen seiner Gedichte taucht "Luft" in verschiedenen Zuständen auf. Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb seine Gedichte so leicht, durchlässig und schwebend erscheinen.



Aus Nico Bleutge: fallstreifen. gedichte. Verlag C.H. Beck.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags. © Verlag C.H. Beck Verlag oHG, München 2008.



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