Freitag, 1. Mai 2009

Flirt


von Peter Altenberg


Sie trug ein Kleid von der mattgrünen Farbe der Diamant-Käfer und gab einem Cavalier Rosenblätter zu essen, welche sie abzupfte.
»Ambrosia – – –« sagte der Cavalier.
Später sass sie immer allein. Ihr mattgrünes Kleid schimmerte wie Phosphor. Sie zupfte langsam Rosenblätter ab, gab sie Niemandem zu essen.
Eine Thräne fiel auf ihr Kleid.
Nektar!



Der vor 150 Jahren in Wien geborene Peter Altenberg beschrieb in seinem ausschließlich aus Prosaskizzen bestehenden Werk die Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende. Als sein erstes Buch, "Wie ich es sehe", 1896 erscheint, ist Altenberg 37 Jahre alt. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns gilt als Sonderling. Nachdem ein Arzt ihm eine "Über-Empfindlichkeit der Nerven" attestiert hat, verbringt er seine Tage mit Kaffeehausbesuchen und Flanieren. Das Buch des stadtbekannten Bohémien wird zum Erfolg. Karl Kraus und Arthur Schnitzler schätzen und fördern ihn, zu seinem Freundeskreis zählt auch Alfred Polgar. Nachdem nach dem Tod seiner Eltern seine Finanzquellen versiegen, rufen Künstler aus seinem Umkreis wie Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Hesse und Max Reinhardt immer wieder zu Spendensammlungen für ihn auf, deren Einkünfte ihm erlauben weiterhin zu schreiben.
Die impressionistischen Skizzen von Peter Altenberg enthalten keine Plots, sie schildern flüchtige Sinneseindrücke, Dialogfetzen, kurze Szenen aus dem Alltag. Auf den ersten Blick erscheinen sie oberflächlich, doch zeugen die literarischen Momentaufnahmen wie Fotografien vom bürgerlichen und proletarischen Leben des fin de siècle. Die Miniaturen beeinflussten unter anderem Robert Musil, Franz Kafka und Uwe Johnson. Egon Friedell schrieb über ihn: „Er ist kein Lyriker, denn er hat keine Form. Er ist kein Epiker, denn er hat keine Handlung. Er ist kein Philosoph, denn er hat kein System. Seine Gedanken sind barock, sein Stil ist salopp, seine Pathetik ist überheizt. Und im Leben ist er ein Narr." Altenberg starb 1919 krank und vereinsamt in seiner Heimatstadt Wien.