Montag, 1. Juni 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



V. Nur der Mond schaut zu


Eines Nachts wird der Protagonist des Romans „Cancroregina“ von Tommaso Landolfi (1908-1979) von einem mysteriösen Fremden heimgesucht. Sogleich stellt sich heraus, dass dieser aus der nahegelegenen Irrenanstalt entflohen ist. Der Flüchtling überredet ihn, ihn zu seiner verborgenen Erfindung zu begleiten, zu dem Raumschiff „Cancroregina“, und mit ihm gemeinsam zum Mond zu fliegen. Die beiden machen sich auf den Weg und starten ins Weltall, doch den Mond erreichen sie nicht. Am Ende der Geschichte bleibt der Held des Romans alleine auf dem Raumschiff zurück und ist dazu verdammt, die Erde auf ewig zu umkreisen. Der Roman besteht aus Auszügen des „Tagebuches“ des sich nun als „Verstorbener“ Bezeichnenden:



1. Mai
Heute feiert man in fast allen Ländern meines Heimatkontinents den Tag der Arbeit. Und da sind sie tatsächlich, die Arbeiter: In großer Zahl ziehen sie mit Spruchbändern, Standarten, Fahnen, Bannern, Wimpeln und Lieder singend – kurzum, mit allem, was dazugehört – durch die Straßen von Mailand. Nun gut, was gehen mich die Arbeiter an? Sachte, sachte, mir ist – oder war wenigstens – viel an ihnen gelegen, und ich sage keineswegs, daß sie nicht gut daran tun, sich zu erheben, oder daß sie unrecht haben. Doch nichts schlägt mir so auf die Stimmung wie organisierte Aufmärsche mit Gesängen, Spruchbändern und Fahnen. Ich finde es einfach ungeheuer niederschmetternd. Da es aber so viele sind, müssen auch die mit Herz und Verstand dabeisein. Ist es denkbar, daß sie nicht wenigstens ohne Spruchbänder und Fahnen auskommen? Und außerdem sollten sie sich zumindest anders nennen, die Arbeiter, wenn sie ihrer Sache Ansehen verschaffen wollen. Kann man denn wirklich weiter Bezeichnungen wie Arbeitermassen, Arbeiterorganisation, Arbeitergewerkschaft gebrauchen oder diesen anderen Begriff, der klingt wie Rumpeln im Bauch: Proletariat, proletarisch und so weiter. Und sie sollen ihren Führern (auch eine schöne und für den, der damit gemeint ist, ehrenhafte Bezeichnung) andere Namen geben. Hat man je gehört, daß einer von denen einen irgendwie geistreichen oder vielversprechenden Namen getragen hätte?(...) Gibt es einen einzigen Arbeiter, frage ich mich, der im tiefsten Inneren nicht davon überzeugt ist, daß Arbeit den Menschen erniedrigt? (…) Und weiter: Warum diese abscheulichen Abkürzungen, die es einem empfindlicheren Menschen verwehren, Zeitung zu lesen, weil sie einfach pysischen Widerwillen erzeugen? Wer hat nur diese Abkürzungen erfunden? Sie sind das Grab der Wörter und also auch der … Kurzum: Warum besteht man hartnäckig darauf, aus diesem elenden Dasein die Poesie zu verbannen, die allein doch auch den Arbeitern helfen kann? (...)


(aus: Cancroregina, S. 74 ff.)



Die einen verbannen die Poesie aus der Wirklichkeit, die anderen, die Poeten, kümmern sich oft nicht um das "elende Dasein". Wer Haiku zu lesen beginnt, hat anfangs häufig den Eindruck, es handle sich bei diesem Genre um eine Poesie des Idylls: Naturgedichte, in denen die Schönheit von Blüten, Mondlicht und Vogelgesang dargestellt wird. Doch der erste Anschein trügt: Die Haikupoesie war und ist keine Weltfluchtdichtung für Naturschwärmer. Die Dichter sahen und sehen auch die gesellschaftliche Wirklichkeit und nehmen sie in ihre Texte auf. Wohl am bekanntesten ist Kobayashi Issas (1763-1828) Liebe zu den einfachen Dingen und den „geringsten“ Geschöpfen. Im folgenden Haiku steht Issa nur scheinbar schicksalhaft ergeben zu seiner Armut:



So ist sie nun mal -

schau sie dir ruhig an, meine Bruchbude,

du voller Mond!



(aus: Die letzten Tage meines Vaters, S. 122)


Issa war Anhänger des auch in Japan populären Amida-Buddhismus. Amitabha, japanisch Amida, bedeutet wörtlich »Grenzenloses Licht« und symbolisiert Mitgefühl und Weisheit. Der Mond mag hier stellvertretend für Amida angesprochen werden, das Gedicht drückt den Wunsch aus, jemand möge das Elend sehen und Empathie zeigen. Im Einverständnis mit der eigenen Lage ist etwas Widerständiges enthalten.

Yosa Buson (1716-1784) wird allgemein als der Maler unter den Haikudichtern bezeichnet. Buson hat nicht nur selbst gemalt, seine Haiku gelten als besonders bildhaft. Masaoka Shiki (1867-1902) bewunderte insbesondere die Kraft und Präzision seiner Gedichte und war der Ansicht, dass Buson ein größerer Haiku-Dichter als Bashô sei. Buson ging es weniger um das Naturerleben als Bashô, stärker als dieser war er an der literarischen Verfeinerung der Dichtung interessiert. Dem Mond widmete er eine ganze Reihe von Gedichten:



Der Mond im Zenit.

Er durchwandert mit mir

ein Elendsviertel.



(aus: Dichterlandschaften, S. 272)


Gemeinsam mit dem Mond wandert der Dichter durch einen verwahrlosten Stadtteil. Ohne den Begleiter ist es schwierig, das Elend zu erkennen. Der hoch stehende Mond wird hier als Gefährte benötigt, auch um das Gesehene ertragen und mit jemanden zu teilen zu können.

In einer ähnlichen Lage befindet sich der afro-amerikanische Schriftsteller Richard Wright (1908-1960). Er aber ist nicht Beobachter, sondern selbst Opfer der elenden Verhältnisse. In seiner armseligen Unterkunft muss er erkennen, dass nicht einmal das Mondlicht umsonst zu haben ist.



Ich zahle Miete

für Läuse in einem kalten Zimmer,

und für das Mondlicht.



(aus: Haiku. This Other World, S. 272, Übersetzung von Udo Wenzel)


Auch Wright beschreibt nicht die Schönheit des Mondes, das Haiku spricht von Einsamkeit und Armut. Er wohnte zu dieser Zeit in einem heruntergekommenen Apartment in der Rue Régis in Paris, während seine Familie in London lebte. Der schwarze Autor, bekannt für sein Engagement gegen Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut, das sich z.B. in seinen Büchern Native Son und Black Boy zeigte, schrieb in den letzten zwei Jahren seines Lebens an die 4000 Haiku. Kurz vor seinem Tod wählte er 817 davon als veröffentlichenswert aus. Die Auswahl verschwand lange Zeit in den Archiven, erst 1998, knapp 40 Jahre nach seinem Tod, erschien sie auf Betreiben seiner Tochter Julia Wright unter dem Titel: „Haiku. This Other World“.



Aktuelles über den Mond:

Am 7. Juni 2009 um 20:47 (MEZ) können wir den nächsten Vollmond betrachten. In der Nacht des 7. Juni um 3 Uhr MEZ zieht der Mond an dem roten Riesen Antares vorbei. "Was der Mond roth auf geht." "Wie ein blutig Eisen." (Büchner, Woyzeck)


Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats.



Als Videoschnipsel der Trailer zu einem Theaterstück, das derzeit in der Berliner Schaubühne zu sehen ist. Das Drama „John Gabriel Borkmann“ von Ibsen wirkt wie ein Kommentar zur aktuellen Finanzkrise. Josef Bierbichler spielt den Finanzverbrecher Borkmann, am Ende des Videoausschnitts sieht man das Elend des einst Mächtigen unerbittlich vom Mond ausgeleuchtet.





Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?


Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt

1 Kommentar:

Rudi Pfaller hat gesagt…

Richard Wright, ein Mensch, der wie Issa schreibt. Das hat mich tief beeindruckt. Er muss Issa geliebt haben.

Rudi Pfaller