Mittwoch, 1. Juli 2009

Nasse Asche


von Hans Lesener



Dein Hof brennt, sage ich zu meinem Freund abends am Telefon. Rettet die Pferde und die Papiere im Büro, sagt mein Freund. Niemand betritt das Haus, sagt der Feuerwehrmann, der vor dem Eingang steht, während die Nachbarn durch die Hintertür die bewegliche Habe bergen. Der Kamin muss runter, sagt der Bauer, sonst ist nicht richtig abgebrannt. Das ist das Beste, was ihm passieren konnte, wenn er ordentlich versichert ist, sagt ein Gaffer. Alle Pferde sind draußen, sagt meine Frau, nur der Rappe aus der letzten Box hinten rechts hat es nicht geschafft. Alles ist ordentlich gelaufen, sagt mein Freund morgens um vier, danke. Gut, dass ich gestern meine Sachen mitgenommen habe, sagt seine Tochter. Sie haben eine Rauchvergiftung, sagt der Sanitäter zu mir. So riecht also nasse Asche, sage ich am Morgen danach.



Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

1 Kommentar:

RBroeker hat gesagt…

Die ruhige Sprache, der sachliche Ton, die schlichten Worte - das Münsterländische ist eben nicht nur eine Einstellung. Jedes "sagen" hat seine im Leser reifende Tonalität, das Einfache wird durch diesen (womöglich von Wolf Schneider entliehenen) Kunstgriff groß.

Viele Grüße
Ralf