Samstag, 15. August 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



VIII. No Moon is Perfect

Im geozentrischen Weltbild des Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) galt die irdische Welt unterhalb des Mondes als veränderlich und unvollkommen, alles oberhalb des Mondes als ewig und vollkommen. Der Mond selbst erschien den Anhängern dieser Vorstellung eine perfekte geometrische Kugel zu sein, die sich in vollkommenen Kreisbahnen um die Erde dreht. Der Mond, ein makelloser runder Spiegel. Diese Idee hielt sich bis ins Mittelalter. Ein Schönheitsfehler dieser Theorie waren die dunklen Flecken auf dem Mond, die eine Erklärung erforderlich machten. Man vermutete, dass es zwischen Sonne und Erde Dämpfe gäbe, die das Licht an einzelnen Stellen verdunkelten oder auch, dass der Mondspiegel irdische Unregelmäßigkeiten reflektiere. Wenngleich seit langem bekannt ist, wie dieser Teil der Welt tatsächlich aufgebaut ist, zeigte und zeigt sich doch bis heute in Kunst und Dichtung immer wieder ein Nachklang dieser Vollkommenheitsvorstellung. Auch in den Haiku, die ich heute vorstellen möchte, ist dieser - wenn auch nur hintergründig - erkennbar. Alle thematisieren die Liebe. Indem Mond und Liebe in einem Gedicht gemeinsam artikuliert werden, wird der Mond zum Medium des inneren Zustandes des Dichters (oder des subjektiven Ichs) und reflektiert, verstärkt bzw. schwächt diesen ab.
Doch drohen Kitsch und Gemeinplätze, sobald Liebe und Mond in einem Gedicht auftreten. Ästhetisch unverdächtiger ist es dagegen „irdische Unregelmäßigkeiten“ zu „reflektieren“ und gefährdete oder zerbrochene Liebe zu thematisieren. Auch wenn es längst an der Realität abgeschliffen und als illusorisch erkannt wurde, tragen doch vermutlich die meisten von uns das romantische Bild vollkommener Liebe und Zweisamkeit als Herzenswunsch in uns. Deren Abwesenheit oder Risse in der Harmonie erleben wir als emotionales Unglück oder Krise. In dem Gedicht des britischen Haiku- und Tanka-Dichters Brian Tasker gerät der Mond ganz bildlich zum Spiegel der Liebe, genauer gesagt zum Spiegel ihres Endes:



in parting / the moon in a puddle / shattered


In Trennung

   der Mond in der Pfütze

      zersplittert


(aus Kirkup/Cobb/Mortimer (Hrsg.): „The Haiku Hundred”, 1992, S. 56, Übersetzung von Udo Wenzel)


Nicht nur die Liebe des lyrischen Ichs ist „zerbrochen“, auch sein mentaler Zustand und seine Gefühlswelt erscheinen wie zersplittert. Diese Gemütsverfassung korrespondiert mit den „Bruchstücken“ des mehrfach gespiegelten Mondes, die das lyrische Ich - man stellt sich den Kopf gesenkt vor - unterwegs in einer Pfütze entdeckt.

Im folgenden Haiku von Yosa Buson (1716-1783) erwähnt dieser das Wort „Liebe“ zwar nicht explizit, doch legt die Anordnung von Mond und Tränen die Assoziation nahe, dass das lyrische Ich unter Liebeskummer leidet:


Tsuki mireba / namida ni kudaku / chiji no tama


Durch einen Tränenschleier

sah ich den Mond zu Kristallperlen

tausendfach zersplittert ...



(aus: Buson, Dichterlandschaften, S. 273, Übersetzung von G.S. Dombrady)


Die Tränen des lyrischen Ichs verzerren seine Sicht auf den Mond. Das lyrische Ich vergleicht die Splitter des Mondes nicht mit echten Perlen, sondern nur mit billigen Kristallperlen. Die ehemals für vollkommen gehaltene Liebe wird nun als wertlos empfunden.

Eine versöhnlichere Stimmung zeigt das Haiku der schottisch-kanadischen Dichterin und Verlegerin Margaret Saunders (1926-2005), die im Literaturkreis von Hamilton verkehrte:


After / our quarrel / a full moon

Nach

unserem Streit,

ein voller Mond



(aus: William J. Higginson, The Haiku Handbook, 1985, S. 74, Übersetzung Udo Wenzel)


Der Mond, den die beiden am Streit Beteiligten sehen, erinnert sie an ihre eigene „Vollkommenheit“. Die Erwähnung des vollen Mondes legt nahe, dass sie sich wieder aussöhnen werden. Denkbar wäre aber auch, dass sich ein neuer Streit um die Frage ankündigt, wem dieser „eine“ Mond gehört. Der Mond wird zur Metapher des gemeinsamen Besitzes, um dessen Aufteilung gerungen werden muss. Eine vergleichbare Situation greift ein Haiku des deutschen Haiku-Dichters Hubertus Thum auf, das dieser 2009 in einer Sendung des Bayrischen Rundfunks in einem Interview erwähnte: „Nach dem Ehekrach - der Mond - der Mond“. (zitiert aus Das Haiku: Drei Zeilen, die alles sagen - Japanische Lyrik, Manuskript, Seite 6) Die Doppelung des Mondes löst die Assoziation aus, dass sich die Streitenden in getrennten Räumen aufhalten und jeder in „seinen eigenen“ Mond starrt. Eine raffinierte Variante zu Saunders Thema.

Insbesondere die zeitgenössischen Haiku zeigen die Magie von einfachen Worten und einer Dichtung der Begrenzung. Durch die schlichte Nebeneinanderstellung von äußerer Welt und innerer Welt werden beim Leser Gefühle evoziert. So können auch „große Themen“ verdichtet werden, ohne elegische Töne anzustimmen. Ja, gerade die großen Themen verlangen heutzutage nach einfachen Worten, um den auf- und abgeklärten Menschen überhaupt noch erreichen zu können.



Aktuelles über den Mond:

Der nächste Vollmond wird in unseren Breitengraden am 4. September ab 18:33 Uhr zu sehen sein. Auch in den Nächten des 2. und 3. September wird der Mond, wie schon im August, noch einmal "dicht" an Jupiter vorbeiziehen.


Mond und Jupiter über dem Campingplatz (Bensersiel am 6.8.20009)


Die auf 12 Folgen angelegte Haikusammlung „Gefährten des Mondes“ erscheint immer am 15. eines Monats.



Videoschnipsel:


Szenen aus dem Stück "Vollmond" der vor kurzem verstorbenen großen Choreografin Pina Bausch.




Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?


Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond

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