Dienstag, 1. September 2009

Visite


von Udo Wenzel



Angesteckt habe er sich, am Wagen vielleicht. Oder bei Günter von Gegenüber. Schüttelfrost habe ihn gepackt, dann sei er gestürzt. Bettruhe brauche er nicht, aufstehen wolle er nun und hinaus, hinauf zum Grab seiner Frau. Die Stiefmütterchen pflücken und den Kindern bringen. Erwachsen seien die schon, hätten selber jetzt Kinder und verständen ihn nun. Wie er damals war: Stets ungeduldig, mürrisch auch schon. Streng bis zum Handausholen. Nun kämen sie nur noch viermal im Jahr, die Wohnung kontrollieren: Sind die Gläser gespült, Böden und Staub gewischt und alles an seinem Platz? Habe er früher auch bei ihnen gemacht, wie einst der Kapo in der Gefangenschaft. Versteckt habe er sich fast immer, wenn es an die Arbeit ging. Einmal wurde er wirklich übersehen und hatte einen unruhig ruhigen Tag. Kein gutes Vorbild, ich weiß, sagte er, gegen Tränen ankämpfend, und zog sich die Decke über den Kopf. Wie sie dastehen, die Ärzte, in einer Reihe, nach Größe sortiert. Wie seine Kinder am Sonntag, die Kameraden und er beim Appell.


Ein Maulwurf -
der Mond in Nierenform,
gelb wie Harn.



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