Sonntag, 1. November 2009

Herzlich Willkommen


Udo Wenzel



Vor 60 Jahren wurde mein Vater aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen und kam nach Süddeutschland. Geboren und aufgewachsen ist er in Trutnov (Trautenau), das im heutigen Tschechien liegt. Die Rückkehr in die Heimat war ihm verwehrt, er gehörte fortan zu den Menschen, die sich selbst "Vertriebene" nannten und von den schwäbischen Anwohnern als "Rucksackdeutsche" bezeichnet wurden. In Trutnov gab es ein Kino, in dem sich meine späteren Eltern das erste Mal geküsst haben. Das Wiedersehen nach dem Krieg stellte ich mir vielleicht deshalb lange Zeit romantisch vor. In der Erinnerung zeigt ein Foto meinen Vater leise lächelnd vor einer Wohnungstür in der neuen Heimat mit einem Schild "Herzlich Willkommen" im Hintergrund.



Viel später erfuhr ich, dass es in Wirklichkeit anders war: Die Beziehung zwischen meinen künftigen Eltern war noch ungeklärt, und eines Tages erzählte mir mein Vater auf einer Reise ins Riesengebirge einige Details über seine Rückkehr und die Anfänge unserer Familie, die mit romantischer Filmästhetik nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Wenn ich das schlecht belichtete Foto heute betrachte, wirkt sein Blick unentschlossen, vielleicht auch ein wenig unsicher, was ihn hinter der Tür erwartet.

Die 1977 in Karl-Marx-Stadt geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Kirsten Fuchs schildert in einem ihrer Texte eine Heimkehrerszene. Kirsten Fuchs ist Mitglied der Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten. In der Performance geben ihre Texte Aspekte frei, die mir bei der Lektüre nicht aufgefallen wären. Zum Beispiel den bitteren Witz im Monolog einer Frau, die von ihrem aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Mann überrascht wird. In dem Video liest sie das Prosastück "Herzlich Willkommen" anlässlich einer Gala zur Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2009.




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