Dienstag, 15. Dezember 2009

Gefährten des Mondes


von Udo Wenzel



XII. Am Ende der Mond

Mit dieser Folge endet unsere zwölftteilige Mondhaiku-Serie. Zu Beginn befanden wir uns mit Bashô in gespannter Erwartung auf den Mondaufgang, wir sind dann den Gefühlen des Mondrauschs nachgegangen und haben die taghelle Mystik Robert Musils ausgelotet, wir haben gesehen, wie die Erwähnung seiner Abwesenheit den Mond noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen vermag, wir haben Haiku gezeigt, die den Mond zum Zeugen des Elends der Welt machen, haben eine Mondausstellung besucht, erinnerten uns gemeinsam an die erste Mondlandung vor 40 Jahren, erlebten den zersplitterten Mond, haben im Herbst eine virtuelle Mondschau gefeiert, wir sind dem Tod begegnet und haben zuletzt einer Wiederauferstehung in einem zweiten Leben beigewohnt. Manche Stationen dieser einjährigen Reise sind spontan entstanden, nur wenige waren zu Beginn bereits geplant. Manche Ideen ließen sich nicht realisieren, einige Beiträge, die mir zugesagt waren, kamen leider nicht zustande. Das Hin und Her eines ganz normalen Jahres, das ansonsten viele dunkle Schatten geworfen hat. Bleibt uns, mit neuer Hoffnung gelassen ins nächste Jahr zu gehen.

Zuletzt drei Winterhaiku: Das erste hat mir Itô Yûki bereits im vergangenen Winter aus Japan in englischer Sprache zugeschickt, ein Gedicht, das in der Tradition des so genannten gendai haiku (zeitgenössisches Haiku) steht:

wintermoon - / moonlit needle / near my neck



Wintermond -

die Mondlichtnadel

nah am Nacken


Itô Yûki


Der Mond wirkt hier ambivalent: Einerseits erhält er durch die Erwähnung des Nacken eine bedrohliche und unheimliche Erscheinung, zugleich erinnert die Zuspitzung seines Lichts zu einer Nadel, die in das Genick eingestochen wird, an die Heilkraft der Akupunktur. Im Nacken befindet sich ein Punkt, den man bei chronischen Kopfschmerzen und Erschöpfungssyndrom behandeln kann.

Das folgende Gedicht des in den USA lebenden Haiku-Dichters Yu Chang zeigt noch einmal deutlich, welch eindrückliche Spuren das Abwesende hinterlassen kann.


moonless night / the darkness deepest / where the snowy owl was


Mondlose Nacht

die tiefste Dunkelheit

wo die Schneeeule war



Yu Chang


Beide, der Mond und die Schneeeule, sind nicht mehr selbst gegenwärtig und doch bleiben sie auf der inneren Leinwand kontrastierend zu ihrer eigentlichen Erscheinung präsent.

Schließlich noch ein Wintermondhaiku aus eigener Feder, das den letzten Vollmond dieses Jahres am 31.12.2009 ankündigt:



Die letzte Nacht

im Mühlenteich schmilzt

der volle Mond



Udo Wenzel




In eigener Sache:

Mit dem Ende dieser Serie zum Jahr der Astronomie und dem Beginn des neuen Jahres verändere ich die Erscheinungsweise des Taubenschlag. Seit drei Jahren veröffentlichte ich nahezu regelmäßig alle vierzehn Tage ein kurzes Gedicht oder eine Prosaminiatur. Es begann mit einem eigenen Haiku: „Erster Schnee / nun bleibe ich / doch." Dies mag auch als Motto für die kommenden Jahre dienen: Der Litblog wird von mir weitergeführt werden, aber nicht mehr regelmäßig. Dadurch erhält der Blog einen spontaneren Charakter, wie es für Blogs üblich ist. Meine Abonnenten (wer abonnieren möchte, schicke mir bitte eine eMail oder klicke unten "Abonnieren" an) werden auch zukünftig über Aktualisierungen der Webseite informiert werden. Wer eigene Kurzgedichte oder Kurzprosa geschrieben hat und sie gerne im Taubenschlag veröffentlicht sehen möchte, kann mich anschreiben. Ich werde mich bemühen, alle Anfragen zu prüfen und möglichst kurzfristig zu beantworten.

Allen meinen Lesern danke ich für ihre Aufmerksamkeit, ich wünsche ein glückliches und glückendes Jahr 2010 und schließe mit einem Zitat des amerikanischen Lyrikers Charles Simic: „Wir nennen zuerst ein Ding, dann ein anderes. So kommt die Zeit in die Dichtung. Raum entsteht andererseits durch die Aufmerksamkeit, die wir jedem einzelnen Wort schenken. Je intensiver unsere Aufmerksamkeit, desto größer der Raum. Und es ist eine Menge Raum in den Worten.“ (Die Wahrnehmung des Dichters. Über Poesie und Wirklichkeit, München 2007, S. 85)


Videoschnipsel: Ausschnitten aus dem Film "Le Petit Soldat" von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1960 wurde ein Musikstück von John Zorn unterlegt: "Mao's Moon". Der Satz Godards: „Was ich will, ist das Entscheidende durch den Zufall zu treffen“, erinnert an die Ästhetik der Haiku-Dichtung. Es ist auch eine Menge Raum in Godards Bildern.






Möchten Sie den Text lieber Schwarz auf Weiß lesen?

Gefährten des Mondes Teil I: Große Erwartungen

Gefährten des Mondes Teil II: Mondrausch und taghelle Mystik
Gefährten des Mondes Teil III: Kein Mond, Nirgends
Gefährten des Mondes Teil IV: Wie es Euch gefällt
Gefährten des Mondes Teil V: Nur der Mond schaut zu
Gefährten des Mondes Teil VI: Mondbildnisse
Gefährten des Mondes Teil VII: Erster Flug zum Mond
Gefährten des Mondes Teil VIII: No Moon is Perfect
Gefährten des Mondes Teil IX: Die letzte Reise
Gefährten des Mondes Teil X: Die kleine Mondschau
Gefährten des Mondes Teil XI: Full Moon Forever

Dienstag, 1. Dezember 2009

Die Vorüberlaufenden


von Franz Kafka


Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazierengeht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond -, uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiterlaufen lassen.
Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.
Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht so viel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.

Franz Kafkas (1883-1924) kurze Erzählung, in der die Nacht und das Vielleicht die Hauptrolle spielen, geleitet uns in den dunkelsten Monat des Jahres. Sie erschien im Jahr 1908 in der Januar/Februar-Ausgabe der Zweimonatszeitschrift Hyperion. Kafkas Geschichten spenden mir vor allem im Winter Trost. Sein Werk wird gemeinhin für düster und hoffnungslos gehalten, aber die Geschichten sind doch auch voller Humor. Die Traurigkeit, die in ihnen steckt, ist die eines Buster Keaton, der keine Miene verzieht, auch wenn in seinen Filmen ein Unglück das nächste jagt. Der Inhalt vieler Geschichten erinnert mich an dieses unbewegte Gesicht, aber Kafkas Sprache schlägt bei aller Tragik wohlchoreografierte Kapriolen.