Dienstag, 1. Dezember 2009

Die Vorüberlaufenden


von Franz Kafka


Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazierengeht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar - denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond -, uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiterlaufen lassen.
Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts voneinander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.
Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht so viel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.

Franz Kafkas (1883-1924) kurze Erzählung, in der die Nacht und das Vielleicht die Hauptrolle spielen, geleitet uns in den dunkelsten Monat des Jahres. Sie erschien im Jahr 1908 in der Januar/Februar-Ausgabe der Zweimonatszeitschrift Hyperion. Kafkas Geschichten spenden mir vor allem im Winter Trost. Sein Werk wird gemeinhin für düster und hoffnungslos gehalten, aber die Geschichten sind doch auch voller Humor. Die Traurigkeit, die in ihnen steckt, ist die eines Buster Keaton, der keine Miene verzieht, auch wenn in seinen Filmen ein Unglück das nächste jagt. Der Inhalt vieler Geschichten erinnert mich an dieses unbewegte Gesicht, aber Kafkas Sprache schlägt bei aller Tragik wohlchoreografierte Kapriolen.



1 Kommentar:

niklas hat gesagt…

gut und schön gewählt udo!