XII. Am Ende der Mond
Mit dieser Folge endet unsere zwölftteilige Mondhaiku-Serie. Zu Beginn befanden wir uns mit Bashô in gespannter Erwartung auf den Mondaufgang, wir sind dann den Gefühlen des Mondrauschs nachgegangen und haben die taghelle Mystik Robert Musils ausgelotet, wir haben gesehen, wie die Erwähnung seiner Abwesenheit den Mond noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen vermag, wir haben Haiku gezeigt, die den Mond zum Zeugen des Elends der Welt machen, haben eine Mondausstellung besucht, erinnerten uns gemeinsam an die erste Mondlandung vor 40 Jahren, erlebten den zersplitterten Mond, haben im Herbst eine virtuelle Mondschau gefeiert, wir sind dem Tod begegnet und haben zuletzt einer Wiederauferstehung in einem zweiten Leben beigewohnt. Manche Stationen dieser einjährigen Reise sind spontan entstanden, nur wenige waren zu Beginn bereits geplant. Manche Ideen ließen sich nicht realisieren, einige Beiträge, die mir zugesagt waren, kamen leider nicht zustande. Das Hin und Her eines ganz normalen Jahres, das ansonsten viele dunkle Schatten geworfen hat. Bleibt uns, mit neuer Hoffnung gelassen ins nächste Jahr zu gehen.
Zuletzt drei Winterhaiku: Das erste hat mir Itô Yûki bereits im vergangenen Winter aus Japan in englischer Sprache zugeschickt, ein Gedicht, das in der Tradition des so genannten gendai haiku (zeitgenössisches Haiku) steht:
wintermoon - / moonlit needle / near my neck
Wintermond -
die Mondlichtnadel
nah am Nacken
Itô Yûki
Der Mond wirkt hier ambivalent: Einerseits erhält er durch die Erwähnung des Nacken eine bedrohliche und unheimliche Erscheinung, zugleich erinnert die Zuspitzung seines Lichts zu einer Nadel, die in das Genick eingestochen wird, an die Heilkraft der Akupunktur. Im Nacken befindet sich ein Punkt, den man bei chronischen Kopfschmerzen und Erschöpfungssyndrom behandeln kann.
Das folgende Gedicht des in den USA lebenden Haiku-Dichters Yu Chang zeigt noch einmal deutlich, welch eindrückliche Spuren das Abwesende hinterlassen kann.
moonless night / the darkness deepest / where the snowy owl was
Mondlose Nacht
die tiefste Dunkelheit
wo die Schneeeule war
Yu Chang
Beide, der Mond und die Schneeeule, sind nicht mehr selbst gegenwärtig und doch bleiben sie auf der inneren Leinwand kontrastierend zu ihrer eigentlichen Erscheinung präsent.
Schließlich noch ein Wintermondhaiku aus eigener Feder, das den letzten Vollmond dieses Jahres am 31.12.2009 ankündigt:
Die letzte Nacht
im Mühlenteich schmilzt
der volle Mond
Udo Wenzel
In eigener Sache:
Mit dem Ende dieser Serie zum Jahr der Astronomie und dem Beginn des neuen Jahres verändere ich die Erscheinungsweise des Taubenschlag. Seit drei Jahren veröffentlichte ich nahezu regelmäßig alle vierzehn Tage ein kurzes Gedicht oder eine Prosaminiatur. Es begann mit einem eigenen Haiku: „Erster Schnee / nun bleibe ich / doch." Dies mag auch als Motto für die kommenden Jahre dienen: Der Litblog wird von mir weitergeführt werden, aber nicht mehr regelmäßig. Dadurch erhält der Blog einen spontaneren Charakter, wie es für Blogs üblich ist. Meine Abonnenten (wer abonnieren möchte, schicke mir bitte eine eMail oder klicke unten "Abonnieren" an) werden auch zukünftig über Aktualisierungen der Webseite informiert werden. Wer eigene Kurzgedichte oder Kurzprosa geschrieben hat und sie gerne im Taubenschlag veröffentlicht sehen möchte, kann mich anschreiben. Ich werde mich bemühen, alle Anfragen zu prüfen und möglichst kurzfristig zu beantworten. Allen meinen Lesern danke ich für ihre Aufmerksamkeit, ich wünsche ein glückliches und glückendes Jahr 2010 und schließe mit einem Zitat des amerikanischen Lyrikers Charles Simic: „Wir nennen zuerst ein Ding, dann ein anderes. So kommt die Zeit in die Dichtung. Raum entsteht andererseits durch die Aufmerksamkeit, die wir jedem einzelnen Wort schenken. Je intensiver unsere Aufmerksamkeit, desto größer der Raum. Und es ist eine Menge Raum in den Worten.“ (Die Wahrnehmung des Dichters. Über Poesie und Wirklichkeit, München 2007, S. 85)
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