Sonntag, 26. Dezember 2010

Rauhnacht




Schweig still!

Weißer Hund

im schwarzen Schnee



von
Udo Wenzel


Donnerstag, 2. Dezember 2010

vor den lichtjahren




das schwarze dunkel

der zeit vor den lichtjahren

schläft in meinem bett





von Inger Christensen


Die am 2. Januar 2009 verstorbene dänische Schriftstellerin Inger Christensen (geb. 1935) hat neben einer Reihe einflussreicher Gedichtbände auch eine Vielzahl anderer literarischer Arbeiten hinterlassen. In ihren poetologischen Essays, die in Deutschland unter dem Titel "Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod" beim Hanser Verlag (1999) erschienen sind, thematisierte sie immmer wieder das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und das Verhältnis von Dichtung und Natur. Sie betonte, dass es sich dabei nicht um wirkliche Gegensatzpaare handelt. Inger Christensen hat sich immer gegen Vereinseitigungen des Denkens und Schwarz-Weiß-Malerei ausgesprochen: "Man muß ständig versuchen, sich in Bewegung zu halten, zu unbekannten Gebieten auszurücken, und neue Erlebnisse und Erfahrungen in Besitz nehmen", äußerte sie 1978 in einem Interview mit Henning Thogersen.
Der großen dänischen Dichterin wurde 2010 eine Ausgabe des "Schreibhefts" gewidmet. Neben eigenen Arbeiten finden sich Beiträge von vielen namhaften Schriftstellern, die Aspekte ihres Werks noch einmal ausleuchten, u.a. Peter Handke, Durs Grünbein, Herta Müller und Friedericke Mayröcker. Das "Schreibheft" enthält auch neun Haiku der Autorin.



Aus: Schreibheft für Literatur 74. Zeitschrift , S. 59. Die leere Seite. Ein Inger-Christensen-Alphabet. Zusammenbuchstabiert von Hanns Grössel und Norbert Wehr. Herausgegeben von Norbert Wehr. Im Original ohne Überschrift. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Peter Borum.

Mittwoch, 17. November 2010

Punktierung




Mit soviel Fäden!

Der Regen näht

Himmel und Erde zusammen.





von Ales Rasanau


Ales Rasanau, geb. 1947 in Sjalez/Weißrussland/Sowjetunion. Der vielfach preisgekrönte Dichter war nach dem Studium der Philologie Stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift "Krynica". Aufgrund kritischer Äußerungen zu den politischen Verhältnissen seines Landes wurde er entlassen und konnte fortan in seinem Heimatland nicht mehr veröffentlichen. Seit 1999 hält er sich im Ausland auf.
Für die jüngere Generation ist er sowohl durch seine literarische Leistung als auch seine menschliche Integrität zu einer Identifikationsfigur geworden.
Das Buch "Punktierungen" entstand 2006 im schweizerischen Zug. Rasanau verfasst solche Kurzgedichte bereits seit 1970, er hat sie, wie er selbst sagt, im Laufe der Jahre "haikuisiert". Ilma Rakusa schreibt dazu im Nachwort: "Es sind haikuhafte Gebilde von großer Lakonie und lapidarer Schönheit, die sowohl auf Pointen wie auf Metaphern verzichten .... Scheinbar unprätentiös realisieren sie am vollkommensten, was Rasanau als poetische Arbeit bezeichnet: von einem Stoff, einem Ding angerührt werden - und darauf antworten. Wobei eines mitspielen sollte: die paradoxe Verbindung von "außerordentlichem Zufall und außerordentlicher Gesetzmäßigkeit".



Aus: Ales Rasanau. Das dritte Auge. Punktierungen. Weißrussisch und Deutsch. Übersetzung von Elke Erb. Urs Engeler Edition, Januar 2008. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Donnerstag, 4. November 2010

Herbsthaibun


von Hans Lesener



Mit dem Fahrrad durchs Münsterland. Auf schmalen Pfaden, die hier ‚Pättkes‘ heißen, oft uralt sind und abseits der Haupt- und Nebenstraßen verlaufen. Zwischen Hecken und Wällen, an Gräben und Zäunen entlang, durch Wälder und Felder. Oft streben sie einem fernen Kirchtum zu.
An diesem Oktobernachmittag steht die Sonne schon tief. Jeder Waldsaum atmet Licht und Schatten, Baumgruppen formen Skulpturen, Alleen von Ahornbäumen und Buchen wandern bis zum Horizont. Eichen herrschen dunkel und scheinbar unerschütterlich, doch von nahem offenbaren sie Wunden, Spalten und Risse.


          Fabelwesen -
          Birke und Efeu
          ein Liebespaar.


Die Landschaft ist herbstlich aufgeräumt. Das Getreide geerntet, viele Äcker schon umgepflügt. Hier und da steht noch ein Schlag mit dürrem Mais, ein spätes Feld gelber Senf. Die Flächen reihen sich sauber und ordentlich aneinander, breiten sich in flachen Mulden aus, ziehen über sanfte Hügel hin. Einige zeigen schon das leichte Grün der keimenden Saat, andere sind noch blassgelb und stoppelig. Ruhe liegt über allem. Ich steige vom Rad, greife in eine dunkel glänzende Ackerscholle, zerkrümele die Erde zwischen den Fingern. Sie fühlt sich angenehm an.

Auf einem Pfahl sitzt unbeweglich ein Bussard, sein weißes Brustgefieder leuchtet. Geschmeidig und selbstbewusst schreitet eine graue Katze über den Querriegel eines Zauns.


          Mein Testament
          liegt bei dem Notar.
          Alles geregelt.





Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Essen




Andere Länder

in denen gegessen wird,

bis in den Abend hinein



von Udo Wenzel


Wie funktioniert Hunger weltweit, wie profitieren wir im Westen vom Hunger, warum sind wir verantwortlich und was müssen wir tun, um die Situation zu verändern? Diese Fragen wirft die Dokumentation „Hunger“ von Markus Vetter und Karin Steinberger auf, die am Sonntag, den 25.10.2010 zum Auftakt der Themenwoche "Essen" in der ARD gezeigt wurde. Der Dokumentarfilmer Markus Vetter und die Journalistin Karin Steinberger zeigen Beispiele aus Mauretanien, Kenia, Indien, Brasilien und Haiti.
Auf der Webseite des swr kann der Film noch online betrachtet werden. Hier ein Interview mit dem Regisseur im Deutschlandradio Kultur. "Jeder von uns kann auch etwas machen“ (Markus Vetter), wenn wir nicht versäumen, unser Gerechtigkeitsempfinden zu schärfen.



Sonntag, 26. September 2010

Herbsthaiku




Zeit das Kartoffelfeuer

zu schüren

Zeit die Türen zu schließen



von Ilma Rakusa


Ilma Rakusa, 1946 geboren in Rimavská Sobota (Slowakei). Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. 1951 zieht die Familie in die Schweiz. Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. Seit 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Daneben freiberuflich als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin (“Neue Zürcher Zeitung”, “Die Zeit”) tätig. Lebt in Zürich.
2009 erhielt Ilma Rakusa für ihr Werk "Mehr Meer. Erinnerungspassagen" den Schweizer Buchpreis. "Diese Schönheitsempfindlichkeit, diese Erfüllung der Welt mit Poesie ist die besondere Befähigung dieser Autorin, und eine andere ist es, den Leser damit anzustecken.", sagte Martin Ebel in seiner Laudatio. Diese Gabe ist auch in dem Haiku von Ilma Rakusa zu spüren, das 2006 in der Anthologie "Lektüre zwischen den Jahren" beim Insel Verlag erschienen ist.


Zur Homepage von Ilma Rakusa.



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Das Gedicht trägt im Original keinen Titel.



Sonntag, 12. September 2010

In eigener Sache






Veröffentlichungshinweis:

In diesen Tagen erscheint mein Debütband Taubenschlag. Kurzlyrik und Kurzprosa im Wiesenburg Verlag. Er enthält eine Sammlung meiner gelungensten Haiku, Tanka, Sequenzen und Kurzprosa der letzten acht Jahre und ein Nachwort von Annika Reich. Darin schreibt sie: "Udo Wenzels Haiku können das gut: Die Dinge offen lassen, Türen in die Vorstellungswelten ihrer Leser hinein öffnen und sich dann wieder diskret zurückziehen, den Blick, die Wahrnehmung aufrauen und nicht erklären, was durch die Reibung entstanden ist."
Neben bereits veröffentlichten Texten enhält der Band auch noch unveröffentlichtes Material.

Das Buch ist gebunden, hat 110 Seiten und kostet 14,90 Euro. Es ist im Buchhandel erhältlich oder kann direkt beim Verlag bestellt werden. Den Lesern meines Litblogs biete ich ein signiertes Exemplar zum Ladenpreis an. Bestellung bitte an meine eMail-Adresse udo.wenzel@gmx.de.

Samstag, 28. August 2010

Weltuntergang


Ein Rengay von
Hans Lesener und Udo Wenzel



Typhone!
Hierhin und dorthin fliegen
kreischende Möwen.


Schaum vor dem Mund predigt er
den Weltuntergang - morgen.


Getigerte Katze -
schnurrend reibt sie sich an
einer Leitplanke.


"Autobahnpolizei"-
Töchterchen und Teddy
krabbeln ins Elternbett.


In der Bucht baden, dort wo
die Walfische strandeten.


Spiderman -
sein Schrei verhallt
in der Tiefe.



(Udo Wenzel: 1, 3, 5; Hans Lesener: 2, 4, 6)


Hans Lesener wurde bereits in der Ausgabe 06/2009 des Taubenschlags vorgestellt.


Sonntag, 1. August 2010

Im Schnee




nicht einmal mehr

die Hälfte von sich selbst:

Elster im Schnee





no more than
half itself
the magpie in snow



Ein Haiku von David Cobb


David Cobb (geb. 1926, Gründungsmitglied und ehemaliger Präsident der British Haiku Society) gewann mit der Originalfassung dieses Haiku den Großen Preis des The 21th Oi Ocha New Haiku Contest 2010.



Übersetzung von Udo Wenzel und David Cobb. Das Haiku trägt keine Überschrift. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Geteilt




Nicht einmal mehr

die Hälfte von sich selbst

Elster im Schnee





not more than
half itself
a magpie in snow



Ein Haiku von David Cobb


Masaoka Shiki (1867-1902) beschwört in seinem Haiku eine Stimmung von sommerlicher Untätigkeit und Trägheit, die gerade in diesem Jahrhundertsommer sinnlich erlebbar wird. Man spürt geradezu die flirrende Hitze, in der jegliche menschliche Tatkraft unangebracht erscheint. Die Hacke ist nicht mehr Mittel zum Zweck; sie erlangt ein Eigendasein.



Übersetzung von Udo Wenzel unter Zuhilfenahme verschiedener englisch- und spanischsprachiger Übertragungen.

Sonntag, 18. Juli 2010

Sommerhitze




Eine Hacke, angelehnt.

Niemand ist zu sehen

bei dieser Hitze!




鍬立ててあたり人なき暑さ哉 子規
Kuwa tatete atari hito naki atsusa kana



Ein Haiku von Shiki


Masaoka Shiki (1867-1902) beschwört in seinem Haiku eine Stimmung von sommerlicher Untätigkeit und Trägheit, die gerade in diesem Jahrhundertsommer sinnlich erlebbar wird. Man spürt geradezu die flirrende Hitze, in der jegliche menschliche Tatkraft unangebracht erscheint. Die Hacke ist nicht mehr Mittel zum Zweck; sie erlangt ein Eigendasein.



Übersetzung von Udo Wenzel unter Zuhilfenahme verschiedener englisch- und spanischsprachiger Übertragungen.

Dienstag, 15. Juni 2010

Zum Gruß




und wenn ich

über Raps und Wälder

hinweg winkte,

wäre dir da, als neigte

sich das Schilf zum Gruß?



ein Tanka von Ingrid Kunschke


Ingrid Kunschke, geboren 1962 in den Niederlanden, lebt zwischen Weser- und Wiehengebirge. Sie schreibt Tanka, Haibun und Haiku; vielfach ausgezeichnet. Betreiberin der wohl umfangreichsten deutschsprachigen Website zum Tanka: Tankanetz Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Das Tanka trägt im Original keinen Titel.


Dienstag, 1. Juni 2010

Rapsflicken




Rapsflicken

in mir schlagen schlagen

Lerchenzungen






von Gabriele Reinhard


Gabriele Reinhard, geb. 1956 in Zweibrücken in der Pfalz, lebt als Malerin und Autorin in Höchstenbach. Einen guten Einblick in ihr künstlerisches Schaffen findet sich auf der Website.



Veröffentlichung von Abbildung und Haiku mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Das Gedicht trägt im Original keinen Titel. Alle Rechte liegen bei Gabriele Reinhard.



Sonntag, 2. Mai 2010

Die Rose


Ein Haibun von Ruth Franke





        Blick unter Blitzen
        auf Bücherschätze
        ihr glücklichen Augen


Der Tag schleppt sich dahin, alles ist mühsam, nichts will gelingen. Auch der Blick in den blühenden Garten hilft nicht.


        Pfingstrosen
        in makellosem Weiß
        Donnergrollen


Ich blättere in einem schmalen Lyrik-Band. Gedichte eines fast vollständig Gelähmten, mit dem Joystick Buchstabe für Buchstabe auf der Bildschirmtastatur getippt:


        Das Schönste
        an der Diagnose
        Amyotrophe Lateralsklerose
        kommt zum Schluss:
        die Rose


                  Christian Sighisorean



Ruth Franke, geboren 1932, lebt in Emmendingen bei Freiburg und beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Haiku und Ikebana. Publikationen in Anthologien, Haiku-Magazinen und auf internationalen Websites. 2002 erschien im Mafora Verlag „Lapislazuli / Haiku“. Im Wiesenburg Verlag erscheint in diesen Tagen das zweisprachige Haibun-Buch "Schwerelos gleiten / Slipping Through Water", das ab 10. Mai 2010 in den Buchhandlungen erhältlich ist: "Ruth Franke schwelgt nicht in Erinnerungen: sie ruft Ereignisse ihres Lebens ins Gedächtnis zurück und sieht sie vor dem Hintergrund dessen, was sie geprägt hat ... Die sich daraus entwickelnden Personen der Handlung hinterlassen eine tiefere Spur als bloße Erinnerungen, sie spielen sich wirklich ab gegenüber dem Mythos einer Zeit und Kultur, der immer noch geschrieben wird..." (aus dem Vorwort von Jim Kacian).


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Samstag, 10. April 2010

Erinnerung




In schlaflosen Nächten

erzählte sie mir Wunder

längst vergessene

wie damals die Kirschblüten

den Horizont verdeckten



von Udo Wenzel





Montag, 15. März 2010

Zwischenlandung




Am Feinkost-Laden

zerfressene Buchstaben.

Bettelndes Tschilpen.



von Rainer Stolz


Rainer Stolz, geb. 1966 in Hamburg, lebt als Lyriker, Sprachspieler und Momentesammler in Berlin; Veröffentlichungen u. a.: „Während mich die Stadt erfindet. Gedichte“ (Elfenbein Verlag, Berlin 2007), Leseheft „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006), Mitherausgabe der Anthologie „Feuer, bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin 2003); Näheres auf der Website von Rainer Stolz.



Die Zwischenlandung im Taubenschlag findet mit freundlicher Genehmigung des Autors statt. Das Haiku trägt im Original keinen Titel.



Sonntag, 21. Februar 2010

Tweet No. 8


von Udo Wenzel



Auf Friedhöfen, heißt es, bleibe der Schnee nie lange liegen.




Wer meinen Versuchen, das Medium Twitter für kurze poetische Betrachtungen zu nutzen, folgen möchte, gehe auf http://twitter.com/Ukwenzel

Mittwoch, 3. Februar 2010




weite Welt

mit dem weißen Wind

mein wilder Wille



Ein Haiku von Dietmar Tauchner

Dietmar Tauchner, geb. 1972 in Neunkirchen, lebt und arbeitet in Puchberg & Wien. (Kurz-)Lyriker, Dramatiker, Essayist, Trekker und passionierter Reisender. Publikationen in diversen internationalen Online- und Printmagazinen und Anthologien, wie z.B: Acorn, Frogpond, CET, Dulzinea, KO. Erster Preis beim internationalen Kurzlyrikwettbewerb Ludbreg, Kroatien & Gewinner des Preises der Haiku International Association in Tokio 2008.
Herausgeber des Kurzlyrikmagazines Chrysanthemum.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Dienstag, 19. Januar 2010

Über dem See


von Hans Lesener


"Jetzt piekst es ein bißchen!", sagt die Schwester, während sie mir langsam eine Injektionsnadel in die Vene auf meinem linken Handrücken sticht.
Dann spritzt sie das Narkosemittel .
Aus der Hand steigt leichte Wärme in den Arm, wird stärker. Mein Blick verschleiert sich. Eine Hitzewelle erreicht Achsel und Schulter. Ich sinke, sinke sanft und tief ins Dunkel.
Sekunden später im Krankenbett öffne ich benommen die Augen. Ein anderes Zimmer. Grauweiß gestreifte Vorhänge, fremde Geräusche. Aus nebelhafter Ferne höre ich eine Stimme sagen "Es ist schon vorbei, alles ist gut gegangen." und schlafe wieder ein.
Wie lange ? Ich weiß es nicht. Erneut werde ich wach. Lippen, Zunge und Gaumen kleben heiß und trocken. Kaum ist es mir möglich, "Wasser" auszusprechen.
Schon hält mir die Schwester einen weißen Plastikbecher an den Mund. Einen Schluck und den zweiten, schneller, gierig..
So kann Wasser schmecken.

         "Der Berg über dem See :
         Sie spiegelten einander.
         Möglicherweise überlebt der Berg im See. " *


* Gary Snyder , Gefahr auf den Gipfeln, Berlin 2006 , S. 11.


Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Freitag, 1. Januar 2010

Kontinuität


von Udo Wenzel


Versuchshalber packe ich ein Wort zwischen zwei andere, eines, das ächzt, sich duckt, zittert, dann sich streckt, aufbäumt und wütet gegen den ganzen Satz. Als Kind erregte es mich Ameisen zu fangen und sie in Spinnennetze zu werfen. Stieß die Spinne, vom Rütteln geweckt, hervor, warf ich einen Stein gegen sie und rettete das Opfer. Heute markiere ich nur noch das verängstigte Wort und kopiere es auf eine leere Seite.