Dienstag, 19. Januar 2010

Über dem See


von Hans Lesener


"Jetzt piekst es ein bißchen!", sagt die Schwester, während sie mir langsam eine Injektionsnadel in die Vene auf meinem linken Handrücken sticht.
Dann spritzt sie das Narkosemittel .
Aus der Hand steigt leichte Wärme in den Arm, wird stärker. Mein Blick verschleiert sich. Eine Hitzewelle erreicht Achsel und Schulter. Ich sinke, sinke sanft und tief ins Dunkel.
Sekunden später im Krankenbett öffne ich benommen die Augen. Ein anderes Zimmer. Grauweiß gestreifte Vorhänge, fremde Geräusche. Aus nebelhafter Ferne höre ich eine Stimme sagen "Es ist schon vorbei, alles ist gut gegangen." und schlafe wieder ein.
Wie lange ? Ich weiß es nicht. Erneut werde ich wach. Lippen, Zunge und Gaumen kleben heiß und trocken. Kaum ist es mir möglich, "Wasser" auszusprechen.
Schon hält mir die Schwester einen weißen Plastikbecher an den Mund. Einen Schluck und den zweiten, schneller, gierig..
So kann Wasser schmecken.

         "Der Berg über dem See :
         Sie spiegelten einander.
         Möglicherweise überlebt der Berg im See. " *


* Gary Snyder , Gefahr auf den Gipfeln, Berlin 2006 , S. 11.


Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Freitag, 1. Januar 2010

Kontinuität


von Udo Wenzel


Versuchshalber packe ich ein Wort zwischen zwei andere, eines, das ächzt, sich duckt, zittert, dann sich streckt, aufbäumt und wütet gegen den ganzen Satz. Als Kind erregte es mich Ameisen zu fangen und sie in Spinnennetze zu werfen. Stieß die Spinne, vom Rütteln geweckt, hervor, warf ich einen Stein gegen sie und rettete das Opfer. Heute markiere ich nur noch das verängstigte Wort und kopiere es auf eine leere Seite.