Mittwoch, 3. Februar 2010




weite Welt

mit dem weißen Wind

mein wilder Wille



Ein Haiku von Dietmar Tauchner

Dietmar Tauchner, geb. 1972 in Neunkirchen, lebt und arbeitet in Puchberg & Wien. (Kurz-)Lyriker, Dramatiker, Essayist, Trekker und passionierter Reisender. Publikationen in diversen internationalen Online- und Printmagazinen und Anthologien, wie z.B: Acorn, Frogpond, CET, Dulzinea, KO. Erster Preis beim internationalen Kurzlyrikwettbewerb Ludbreg, Kroatien & Gewinner des Preises der Haiku International Association in Tokio 2008.
Herausgeber des Kurzlyrikmagazines Chrysanthemum.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Kommentare:

Rudi Pfaller hat gesagt…

Natürlich kann man sich der Wirkung dieser sechs Alliterationen nicht entziehen.
Und doch: Etwas hemmt mich im Genuss der drei Zeilen. Ist es "Winterstürme wichen dem Wonnemond", das sich zwischen den Text und meine literarischen Erinnerungen drängt? Man kann sich der Bemühungen unserer Studienräte, uns in deutscher Literatur zu bilden, nicht entziehen. Mir legt sich diese Erinnerung bisweilen wie ein grauer Schleier über Gegenwartsliteratur. Ich überlege mir nun, ob der Autor auch ähnlichen Reminiszenzen unterworfen war und nichts wirklich Gegenwärtiges schrieb.
Ich bin kein Anhänger mehr des strengen shasei. Es gibt auch das imiganisierende Haiku, aber dieser Text scheint mir wirklich nicht aus dem Erleben, sondern in rein formaler Schreibtischarbeit entstanden zu sein. Die Alliteration auf w hatte es Dietmar Tauchner angetan und er hat sie kumuliert, bis in die Nähe zum Nibelungen-Epos und Wagnerianismus.
Rudi Pfaller

dietmar tauchner hat gesagt…

Grundsätzlich freue ich mich über den Kommentar zu "weite Welt", weil nicht viel diskutiert wird über das Haiku. Sicherlich ist das Schweigen haikuimmanent, aber um diese Immanenz wirken lassen zu können, muss ein (kantscher) Transzendenzakt vollzogen werden, muss das Schweigen durch die Rede, das Wort eingeleitet werden.
Nun aber zum Text: Freilich ist eine ungewöhnliche Erfahrung für den, der sie nicht kennt, oft nichts mehr als "Phantasterei" oder bloße Erfindung. Tatsächlich handelt es sich bei "weite Welt" um eine Bergwanderung, mit Schneeschuhen ausgestattet, durch eine tiefstwinterliche Schneelandschaft. Der Wind wird zur Alliteration, er peitscht in rhytmischen Wellen seine W-Windungen and die des Gehörs. Und um an sein Ziel zu gelangen, um die Strapazen annehmen zu können, benötigt unser Wandersmann tatsächlich einen "wilden Willen", keinen "stählernen" oder einen zur "Macht", nein, er benötigt einen Willen, der bei Schopenhauer als stärkster Trieb gelten würde, der sich der "Wildnis" anpasst, sich in sie wiegt, ohne ganz zu veschmelzen.
Aber letztlich ist es egal, ob der Text erfunden wurde oder erlebt; er soll nur das einfangen, was der Erfindende oder Erlebende (wie sehr die beiden zusammengehören, wird immer klarer)vor dem Eintauchen ins Schweigen "ansilben" wollte, sozusagen, seinen wilden Willen kurz in einen Wort-Willen wandelt, der eine tiefschneeige Stille aufwirft, die höher ist als der zu besteigende Berg.......Dietmar Tauchenr

Udo K. Wenzel hat gesagt…

Die Frage, die in der Diskussion um Dietmar Tauchners Haiku aufgeworfen wird, ist die Frage nach Authentizität. Eigentlich ein Begriff, der in der Literaturkritik lange Zeit keine Rolle mehr spielte, aber aktuell - man lese die Debatte um Helene Hegemanns Roman, in der die Echtheit wider die Originalität ins Feld geführt wird - wieder verstärkt in der Diskussion auftaucht. Ob etwas selbst erlebt wurde oder nicht, scheint mir tatsächlich nebensächlich zu sein, es zählt, ob das Ergebnis überzeugt, den Leser mitnimmt. Heißt, die Imaginationskraft gepaart mit sprachlichem Vermögen (der Text mag aber aus ganz einfachen Worten bestehen) ist entscheidend.

Vom Haiku wird erwartet, dass es schlicht zu sein habe, nicht zu künstlich sein dürfe, um sich nicht zwischen Leser und Gegenstand zu stellen. Diese Erwartungshaltung zeigt sich in Rudi Pfallers Reaktion und seinem Verdacht: Die Alliterationsgrenze scheint im Text von Tauchner überschritten zu sein, so mancher Leser wird nicht mitgenommen, weil der Text „zu gemacht“ wirkt. Oder, um es anders auszudrücken, er scheint zu sehr der Welt der Sprache zuzugehören und zu wenig der Welt des Schweigens.

Es ist allgemein bekannt, wie heikel diese Entgegensetzung ist. Aber genau das ist es, was ich an diesem Werk hervor heben möchte (und Tauchners Antwort, in der er auf das eigene Erleben hinweist, dem der Text zugrunde liegt, verdeutlicht es): Dieses Haiku stellt sich dem Schweigemythos entgegen und führt ihn ad absurdum. Wer ins Paradies möchte, muss vom Baum der Erkenntnis essen: Es ist diese Idee aus Kleists „Marionettentheater“, an die es mich erinnert und nicht an die Herren Nibelungen, Wagner, Kant und Schopenhauer, deren Erwähnung mir angesichts der Geringfügigkeit unserer Werke etwas übertrieben vorkommt.

Als ich das Haiku per eMail erhielt, war vor meinem Fenster gerade eine Schneelandschaft entstanden, wie ich sie hier noch nie gesehen habe. Beides vermischte sich mit meiner „2666“-Lektüre (Roberto Bolaño) und führte dazu, dass mir das wilde Weitweiße unmittelbar einleuchtete.