Montag, 15. März 2010

Zwischenlandung




Am Feinkost-Laden

zerfressene Buchstaben.

Bettelndes Tschilpen.



von Rainer Stolz


Rainer Stolz, geb. 1966 in Hamburg, lebt als Lyriker, Sprachspieler und Momentesammler in Berlin; Veröffentlichungen u. a.: „Während mich die Stadt erfindet. Gedichte“ (Elfenbein Verlag, Berlin 2007), Leseheft „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006), Mitherausgabe der Anthologie „Feuer, bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin 2003); Näheres auf der Website von Rainer Stolz.



Die Zwischenlandung im Taubenschlag findet mit freundlicher Genehmigung des Autors statt. Das Haiku trägt im Original keinen Titel.



Kommentare:

Rudi Pfaller hat gesagt…

Die zerfressenen Buchstaben in toriwase zum Feinkostladen - die Edelfresswelle in Gegenüberstllung zum morbiden Schriftzug - das ist meisterhaft. Und wie nebenbei grüßt Rainer Stolz hinüber zu Issas Spatzen, die immer aufs Überleben aus sind und Issa im Überlebenswillen stärkten.
Ein Meisterwerk. Man darf gespannt sein auf eine Haiku-Sammlung des Autors, wenn er denn will. Ich würde es begrüßen.

Rudi Pfaller

Ramona Linke hat gesagt…

Dieses Haiku von Rainer Stolze bewirkt
bei mir ein wuchtiges flash back –
ausgelöst durch das Wort 'Feinkost-Laden'.
Ich beziehe mich hier auf das eigene Er-Leben,
aufgewachsen in der DDR.
Der Feinkost, Feinkost-Laden: Die Menschen
fuhren in die Stadt bzw. die Städter gingen
in den Feinkost-Laden, wenn sie etwas „Besonderes“ für eine ganz besondere Gelegenheit kaufen wollten, wenn sie sich etwas leisten wollten, worauf sie mehr
oder weniger sparen mussten.
Mutters Siebzigster, Einschulung, Jugendweihe,
Weihnachten, Ostern …
Feinkost-Laden stand nie über diesen Läden,
nur Feinkost, aber die Menschen sprachen immer
vom Feinkost-Laden, kein Vergleich mit dem Konsum oder dem Laden der HO - er war der Intershop für DDR-Bürger ohne „Westgeld“…
Feinkost, Exquisit (kaum erschwingliche, aber wenigstens
tragbare Kleidung – die sich kaum jemand leisten konnte).

Das bettelnde Tschilpen: …auch einmal etwas abbekommen wollen, wenigsten vom kleinen Genusskuchen, wenn man schon nicht in die große weite Welt fliegen konnte.

Mich hat dieses Haiku stark mitgenommen, es erinnert mich an mein anderes früheres Leben.

Ramona Linke