Dienstag, 1. Juni 2010

Rapsflicken




Rapsflicken

in mir schlagen schlagen

Lerchenzungen






von Gabriele Reinhard


Gabriele Reinhard, geb. 1956 in Zweibrücken in der Pfalz, lebt als Malerin und Autorin in Höchstenbach. Einen guten Einblick in ihr künstlerisches Schaffen findet sich auf der Website.



Veröffentlichung von Abbildung und Haiku mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Das Gedicht trägt im Original keinen Titel. Alle Rechte liegen bei Gabriele Reinhard.



1 Kommentar:

Rudi Pfaller hat gesagt…

Rapsflicken waren mir zunächst nicht geläufig. Nachdem ich mich kundig gemacht hatte, wusste ich, dass dies gelbe Flecken in der grünen Sommerlandschaft sind, im Luftbild gelbe Inseln.

Man kann sich gut vorstellen, dass Lerchen einst in Rapsfeldern nisteten, allerdings nicht heute in Rapsflicken, die nach Gutdünken im Abstand einiger Jahre ausgebracht werden. Es fehlt den Vögeln an der Beständigkeit ihres Lebensraums und die maschinelle Bearbeitung der Felder führte letztendlich auch zum Artensterben. So sehe ich in den "Lerchenzungen" eher eine Reminiszenz als eine gegenwärtige Erfahrung.

Die Erinnerung an eine Zeit, in der die Lerchen noch an ihren Liedern in die Höhe kletterten um sich dann wie ein Stein fallen zu lassen und kurz über dem Feld die Flügel auszubreiten – dieses Bild schwingt auch in mir wehmütig nach. 1983 zog ich in mein Dorf. Damals gab es noch Lerchen auf dem Feld. Durch die modernisierte Landwirtschaft und Bebauung sind sie verschwunden.

Die Wiederholung des Verbs „schlagen“ machte mir zuerst Mühe. Sicherlich war ich in derselben Situation wie mancher Leser, dass er sich auf diese Wiederholung einlassen und den Sinn der Wiederholung ergründen musste. Ich habe für mich als Lösung gefunden, dass das Herz Gabriele Reinhards für die Lerchen schlägt. Die Wiederholung des zweisilbigen Wortes erzeugt einen Rhythmus, der an den Herzschlag erinnert und die Redewendung „mein Herz schlägt für…“ oder „mein Herz schlägt in…“ drängt sich mir auf.

Die „Lerchenzungen“, das Lied der Lerchen, ist in der Erinnerung ein existenzielles Erlebnis, ähnlich der bewussten Wahrnehmung des eigenen Herzschlags. Wir wissen heute, dass sich Geräusche stark im Gedächtnis verankern und bei anderen sinnlichen Erfahrungen, wie hier den gelben Rapsflicken, assoziativ wieder ins Bewusstsein dringen. Gabriele Reinhard erfuhr sich in der Erinnerung an die Lieder der Lerchen auch selbst.

Ich fand Zugang zum Text. Bleibt noch die Überlegung, ob im puristischen Sinne ein Haiku geschrieben wurde, ob es sich eher um moderne Lyrik handelt oder ob das Haiku hier einen neuen Weg findet. Ich neige zur letzten Auffassung. Die Gattung entwickelt sich – oder sollte ich besser sagen, sie wird weiterentwickelt, zum Beispiel von Gabriele Reinhard?

Rudi Pfaller