Sonntag, 26. September 2010

Herbsthaiku




Zeit das Kartoffelfeuer

zu schüren

Zeit die Türen zu schließen



von Ilma Rakusa


Ilma Rakusa, 1946 geboren in Rimavská Sobota (Slowakei). Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. 1951 zieht die Familie in die Schweiz. Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. Seit 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Daneben freiberuflich als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin (“Neue Zürcher Zeitung”, “Die Zeit”) tätig. Lebt in Zürich.
2009 erhielt Ilma Rakusa für ihr Werk "Mehr Meer. Erinnerungspassagen" den Schweizer Buchpreis. "Diese Schönheitsempfindlichkeit, diese Erfüllung der Welt mit Poesie ist die besondere Befähigung dieser Autorin, und eine andere ist es, den Leser damit anzustecken.", sagte Martin Ebel in seiner Laudatio. Diese Gabe ist auch in dem Haiku von Ilma Rakusa zu spüren, das 2006 in der Anthologie "Lektüre zwischen den Jahren" beim Insel Verlag erschienen ist.


Zur Homepage von Ilma Rakusa.



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Das Gedicht trägt im Original keinen Titel.



Kommentare:

Ralf Bröker hat gesagt…

Diese Anlehnung an Bibel ("Es gibt eine Zeit ..."), Rilke ("Wer jetzt kein Haus hat ...") und Grass (Eingangsszene der "Blechtrommel") macht mich staunen. Danke fürs Entdecken und Zeigen!

Viele Grüße
Ralf

Rudi Pfaller hat gesagt…

Ähnliche Assoziationen wie Ralf Bröker hatte ich auch.
Darüber hinaus ist m.E. besonders die Konstruktion interessant - diese Alliterationen und eine auffällige Assonanz.
Jede Zeile beginnt mit z. Die Wiederholung entspricht dem ewigen Gleichmaß in der Zeit (die Thema des Haiku ist), das Gleichmaß, das uns existenzielle Sicherheit gibt. Ebenso auffällig die Assonanz "schüren / Türen" und wiederum eine Alliteration [sch]üren / [sch]ließen. Mit diesen Stilmitteln wird der Text wahrlich eine geschlossene Sache - wie sich auch die Türen schließen. Dabei öffnet sich der Text aber dem Leser leicht und eröffnet einen weiten Horizont.

Rudi Pfaller