Mittwoch, 17. November 2010

Punktierung




Mit soviel Fäden!

Der Regen näht

Himmel und Erde zusammen.





von Ales Rasanau


Ales Rasanau, geb. 1947 in Sjalez/Weißrussland/Sowjetunion. Der vielfach preisgekrönte Dichter war nach dem Studium der Philologie Stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift "Krynica". Aufgrund kritischer Äußerungen zu den politischen Verhältnissen seines Landes wurde er entlassen und konnte fortan in seinem Heimatland nicht mehr veröffentlichen. Seit 1999 hält er sich im Ausland auf.
Für die jüngere Generation ist er sowohl durch seine literarische Leistung als auch seine menschliche Integrität zu einer Identifikationsfigur geworden.
Das Buch "Punktierungen" entstand 2006 im schweizerischen Zug. Rasanau verfasst solche Kurzgedichte bereits seit 1970, er hat sie, wie er selbst sagt, im Laufe der Jahre "haikuisiert". Ilma Rakusa schreibt dazu im Nachwort: "Es sind haikuhafte Gebilde von großer Lakonie und lapidarer Schönheit, die sowohl auf Pointen wie auf Metaphern verzichten .... Scheinbar unprätentiös realisieren sie am vollkommensten, was Rasanau als poetische Arbeit bezeichnet: von einem Stoff, einem Ding angerührt werden - und darauf antworten. Wobei eines mitspielen sollte: die paradoxe Verbindung von "außerordentlichem Zufall und außerordentlicher Gesetzmäßigkeit".



Aus: Ales Rasanau. Das dritte Auge. Punktierungen. Weißrussisch und Deutsch. Übersetzung von Elke Erb. Urs Engeler Edition, Januar 2008. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Donnerstag, 4. November 2010

Herbsthaibun


von Hans Lesener



Mit dem Fahrrad durchs Münsterland. Auf schmalen Pfaden, die hier ‚Pättkes‘ heißen, oft uralt sind und abseits der Haupt- und Nebenstraßen verlaufen. Zwischen Hecken und Wällen, an Gräben und Zäunen entlang, durch Wälder und Felder. Oft streben sie einem fernen Kirchtum zu.
An diesem Oktobernachmittag steht die Sonne schon tief. Jeder Waldsaum atmet Licht und Schatten, Baumgruppen formen Skulpturen, Alleen von Ahornbäumen und Buchen wandern bis zum Horizont. Eichen herrschen dunkel und scheinbar unerschütterlich, doch von nahem offenbaren sie Wunden, Spalten und Risse.


          Fabelwesen -
          Birke und Efeu
          ein Liebespaar.


Die Landschaft ist herbstlich aufgeräumt. Das Getreide geerntet, viele Äcker schon umgepflügt. Hier und da steht noch ein Schlag mit dürrem Mais, ein spätes Feld gelber Senf. Die Flächen reihen sich sauber und ordentlich aneinander, breiten sich in flachen Mulden aus, ziehen über sanfte Hügel hin. Einige zeigen schon das leichte Grün der keimenden Saat, andere sind noch blassgelb und stoppelig. Ruhe liegt über allem. Ich steige vom Rad, greife in eine dunkel glänzende Ackerscholle, zerkrümele die Erde zwischen den Fingern. Sie fühlt sich angenehm an.

Auf einem Pfahl sitzt unbeweglich ein Bussard, sein weißes Brustgefieder leuchtet. Geschmeidig und selbstbewusst schreitet eine graue Katze über den Querriegel eines Zauns.


          Mein Testament
          liegt bei dem Notar.
          Alles geregelt.





Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.