Donnerstag, 4. November 2010

Herbsthaibun


von Hans Lesener



Mit dem Fahrrad durchs Münsterland. Auf schmalen Pfaden, die hier ‚Pättkes‘ heißen, oft uralt sind und abseits der Haupt- und Nebenstraßen verlaufen. Zwischen Hecken und Wällen, an Gräben und Zäunen entlang, durch Wälder und Felder. Oft streben sie einem fernen Kirchtum zu.
An diesem Oktobernachmittag steht die Sonne schon tief. Jeder Waldsaum atmet Licht und Schatten, Baumgruppen formen Skulpturen, Alleen von Ahornbäumen und Buchen wandern bis zum Horizont. Eichen herrschen dunkel und scheinbar unerschütterlich, doch von nahem offenbaren sie Wunden, Spalten und Risse.


          Fabelwesen -
          Birke und Efeu
          ein Liebespaar.


Die Landschaft ist herbstlich aufgeräumt. Das Getreide geerntet, viele Äcker schon umgepflügt. Hier und da steht noch ein Schlag mit dürrem Mais, ein spätes Feld gelber Senf. Die Flächen reihen sich sauber und ordentlich aneinander, breiten sich in flachen Mulden aus, ziehen über sanfte Hügel hin. Einige zeigen schon das leichte Grün der keimenden Saat, andere sind noch blassgelb und stoppelig. Ruhe liegt über allem. Ich steige vom Rad, greife in eine dunkel glänzende Ackerscholle, zerkrümele die Erde zwischen den Fingern. Sie fühlt sich angenehm an.

Auf einem Pfahl sitzt unbeweglich ein Bussard, sein weißes Brustgefieder leuchtet. Geschmeidig und selbstbewusst schreitet eine graue Katze über den Querriegel eines Zauns.


          Mein Testament
          liegt bei dem Notar.
          Alles geregelt.





Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Heute lebt er mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Westmünsterland und betreibt eine kleine Islandpferdezucht. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku.


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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