Donnerstag, 2. Dezember 2010

vor den lichtjahren




das schwarze dunkel

der zeit vor den lichtjahren

schläft in meinem bett





von Inger Christensen


Die am 2. Januar 2009 verstorbene dänische Schriftstellerin Inger Christensen (geb. 1935) hat neben einer Reihe einflussreicher Gedichtbände auch eine Vielzahl anderer literarischer Arbeiten hinterlassen. In ihren poetologischen Essays, die in Deutschland unter dem Titel "Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod" beim Hanser Verlag (1999) erschienen sind, thematisierte sie immmer wieder das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und das Verhältnis von Dichtung und Natur. Sie betonte, dass es sich dabei nicht um wirkliche Gegensatzpaare handelt. Inger Christensen hat sich immer gegen Vereinseitigungen des Denkens und Schwarz-Weiß-Malerei ausgesprochen: "Man muß ständig versuchen, sich in Bewegung zu halten, zu unbekannten Gebieten auszurücken, und neue Erlebnisse und Erfahrungen in Besitz nehmen", äußerte sie 1978 in einem Interview mit Henning Thogersen.
Der großen dänischen Dichterin wurde 2010 eine Ausgabe des "Schreibhefts" gewidmet. Neben eigenen Arbeiten finden sich Beiträge von vielen namhaften Schriftstellern, die Aspekte ihres Werks noch einmal ausleuchten, u.a. Peter Handke, Durs Grünbein, Herta Müller und Friedericke Mayröcker. Das "Schreibheft" enthält auch neun Haiku der Autorin.



Aus: Schreibheft für Literatur 74. Zeitschrift , S. 59. Die leere Seite. Ein Inger-Christensen-Alphabet. Zusammenbuchstabiert von Hanns Grössel und Norbert Wehr. Herausgegeben von Norbert Wehr. Im Original ohne Überschrift. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Peter Borum.

1 Kommentar:

Rudi Pfaller hat gesagt…

Das schwarze Dunkel ist eine Dopplung, nach den traditionellen Haiku-Regeln, aber diese gelten nicht in der Vereinigung von Haiku und Lyrik. Die neue Haiku-Bewegung schert sich nicht um solche Regelverletzungen – mit Recht, denn sie bringt atemberaubende Texte hervor, wie diesen hier.
In der zweiten Zeile wird dem Dunkel die Zeit vor den Lichtjahren gegenübergestellt. Bei den Lichtjahren dachte ich zuerst an Licht, meinte, das Dunkel werde dem Licht gegenübergestellt. Nach einer Nacht wurde mir bewusst, dass die Juxtaposition im Gleichsinnigen besteht, denn vor dem Urknall war alles dunkel. Zeit und Licht bestanden noch nicht, sie begannen erst nach der Geburt aus dem schwarzen Dunkel. Seither sind Lichtjahre vergangen, lichte Jahre. Dennoch schläft das Dunkel immer noch in meinem Bett: Ich weiß nicht, woher ich komme und wohin ich gehen werde, aber ich weiß, dass die Vorzeitigkeit meiner dunklen Existenz, jenseits von Zeit und Raum sich jede Nacht in meinem verlorenen Bewusstsein wiederholt.
Im Grunde konnte ich keine Interpretation leisten. Die Metaphysik in Christensens Text ist unausdrücklich. Dennoch prägt sich der Text mir unauslöschlich ein, wie die Zeit nicht auszulöschen ist, die mich unfassbar determiniert.

Rudi Pfaller