Freitag, 28. Oktober 2011

Bildungsbürger


 von Udo Wenzel



Der Wind wehte heute so stark, dass ich es für das Beste hielt, mir Lasten aufzulegen.
Da sich die öffentliche Bücherei auf meinem Wege befand, begab ich mich eilends hinein, fragte nach gewichtigen Werken, erhielt deren sieben und kam auf diese Weise sicher, ich möchte beinahe sagen: unbeschwert, zuhause an.



Freitag, 3. Juni 2011

Le jour se lève


von Hans Lesener



In aller Herrgottsfrühe bin ich auf dem Weg zur Arbeit.

Ich kenne diese Strecke, aber so wie heute morgen um halb fünf habe ich sie noch nie gesehen: Die Landschaft ist in den Dunst der schwindenden Nacht gehüllt. Nebel heben sich aus den Schatten. Zögernd überlagert ein Grau-Braun Häuser und Bäume, Felder und Hügel. In den Senken wird es ergänzt von einem stumpfen Grün - ein Farbton, der entsteht, wenn man beginnt, auf einer Palette Grün und Rot zu mischen. Staubiges Heu sieht so aus.

Trockenheit. Geschmack von schwarzem Kaffee. Wie im Büro. Eigentlich sollte bald die Sonne aufgehen.

Im Kopf
die jobs-to-do-list.
Denen werd ich‘s zeigen.



Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku. 2010 erschien sein Debütwerk "Wolkenschatten. Kurze Lyrik, Kurze Prosa".


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Sonntag, 17. April 2011

Neue Zweige


Ein Rengay von
Gabriele Reinhard und Udo Wenzel




Knospendes Licht
und dein Lachen - ein Maulwurf
stößt durch Wintergras


vom Kaufhaus stehen nur noch
Mauern mit Himmelsblick


die nackten Augen
der Schaufensterpuppen
Pfirsichblütenduft


raus ins Freie!
Meine schweren Schuhe
bleiben zuhause


flatternd - blaue Bänder
hinterm Cabrio


wieder sprießen
neue Zweige aus
dem glatt gesägten Strunk





(Gabriele Reinhard: Verse 1, 3, 5 und Gemälde;
Udo Wenzel: Verse 2, 4, 6)




Gabriele Reinhard, geb. 1956 in Zweibrücken in der Pfalz, lebt als Malerin und Autorin in Höchstenbach. Einblick in ihr künstlerisches Schaffen findet sich auf der Website.


Sonntag, 20. März 2011

natur




natur, dieser sanfte

verlust



und das geschrei

der krähen



man weiß von nichts,

während sie kreisen

im wind





von Carsten Zimmermann


Carsten Zimmermann wurde 1968 in Bonn geboren. Studium der Philosophie und Germanistik. Schreibt Lyrik, Prosa, Essays und Aphorismen und lebt in Berlin. Über Zimmermanns Buch "licht etc.", das 2009 im Leipziger Literaturverlag erschienen ist, schrieb Ralf Julke in einer Rezension: "Denn auch in den Städten – und das ist bei Zimmermann zuallererst das große, rasende Berlin – kann man diese mystischen Momente erleben, wenn man sich nicht anstecken und selber jagen lässt. Wenn man aus den Straßen hinauf ins Blau schaut und sich über die Unendlichkeit freuen kann, die sich da auftut: "auffällig war / dass alles leuchtete. – dies nämlich war der tag / an dem ich umherging. ... Sich selbst nennt er "rätselzweibeiner". Er lässt sich noch ein auf den fast vergessenen Ton des Verblüffenden, der dem, was er sieht, fühlt und ahnt, das Unfassbare lässt, das Rätsel. Er stellt sich nicht mit schnodderiger Geste – wie leider viel zu Viele – auf die Seite des Weiß-ich-schon, Kenn-ich-schon, beeindruckt mich gar nicht." Bei all seiner Wertschätzung des Ungesagten idyllisiert oder mystifiziert Zimmermann nicht: "Alles muss zu Geld werden, zum Profit für irgendwen. Aber warum nur? Welchen Zweck hat diese Jagd? – Zimmermann traut sich das wenigstens noch anklingen zu lassen, ganz ohne Lamento oder Anklage. Er wirft sich einfach den Mantel über und geht los."



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Autor und Leipziger Literaturverlag. Das Gedicht aus "licht etc." (S. 12) trägt im Original keinen Titel.

Mittwoch, 2. Februar 2011

winter




das land ist stumm

kein blatt auf den lippen



es ist ihm verboten

rose zu sagen



es ist ihm verboten

die tulpen zu rufen



was es sagen möchte

weiss nur der frühling





von Philipp Luidl


Philipp Luidl, geb. 1930 in Diessen am Ammersee. Der freiberufliche Typograf hat bisher drei Bände mit Gedichten (Gedichte, Andere Gedichte, Weitere Gedichte) im Maro Verlag veröffentlicht, viele seiner Gedichte sind auch in Anthologien und Zeitschriften erscheinen. Michael Krüger schrieb: "Philipp Luidl gehört zu den wenigen großen Dichtern, die ihre Gedichte ausschliesslich mit den Augen schreiben. Die wenigen Worte, die es dann braucht, um das Gesehene festzuhalten, sind als Diener des Auges schnell bei der Hand. Weil er lange schauen muss, bis in dem Wirrwarr der Welt sich ein Bild zeigt, das aufzuschreiben sich lohnt, sind seine Texte kurz. Ihre Wirkung dagegen hält beglückend lange an, weil kein überflüssiges Wort von der Schönheit des Gesehenen ablenkt. Seine Gedichte wollen nicht entführen und nicht verführen, sondern hinführen. Genauere Exerzitien des Auges gibt es in der deutschen Poesie dieser Zeit nicht."



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Samstag, 15. Januar 2011

Rückblick




Alter Kalender -

so viele Eintragungen

sind jetzt unwichtig





von Gerhard Stein


Der Autor des Haiku, Gerhard Stein, hat im letzten Jahr bereits seine fünfte Haiku-Sammlung vorgelegt: "Die kleine Brücke" erschien im Werner Kristkeitz Verlag und enthält eine fundierte und verständlich formulierte Darstellung zum Wesen und zur Geschichte des Haiku und außerdem einen Essay über die Frage, ob und inwieweit Haikus und verschiedene Meditationsformen bzw. spirituelle Wege zusammengehören.

Der Autor bevorzugt zwar für sich selbst die klassische Form des Haiku, schätzt jedoch auch einige Exemplare des freien Stils und ist der Meinung, jeder soll für sich selbst entscheiden, ob er seine Kurzgedichte als Haiku bezeichnen will.
Wichtig ist dem Autor die zugrundeliegende Geisteshaltung: Achtsam einen Augenblick wahrnehmen und in einer bestimmten Form und in unprätentiöser Sprache beschreiben.
Gerhard Stein, ursprünglich Ingenieur, arbeitet heute als Diplom-Psychologe, Entspannungstrainer und Fotograf in Kiel, nebenbei studiert er Philosophie.



Im Original ohne Überschrift. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Stein.

Samstag, 1. Januar 2011

Neujahrstag




kann nicht sagen

was diese fliege soll

gleich zu neujahr



von gontran peer


Gontran Peer, geb. 1957, lebt und arbeitet in Norditalien. 2009 erschien sein Debütwerk "haiku zeitgemäß" im Wiesenburg Verlag; 2010 folgte "westöstliche haiku", ein kleines, sehr schön gestaltetes Büchlein mit kalligraphischen Illustrationen von Mitsuyo Matsumoto und einem Vorwort von Barbara Zeizinger. Peer nimmt die Leser mit auf eine Reise durch das Jahr und verleiht den kleinen Ereignissen scheinbar absichtslos poetische Qualitäten. "Um Haiku dichten zu können, muss man selbst Haiku sein" steht den Gedichten als Motto voran und zeugt von der innigen Verbundenheit des Autors mit der japanischen Kurzform.


Das Gedicht trägt im Original keinen Titel. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Gontran Peer. Das Haiku ist dem Band "westöstliche haiku" entnommen, das im Wiesenburg Verlag erschienen ist.