Freitag, 3. Juni 2011

Le jour se lève


von Hans Lesener



In aller Herrgottsfrühe bin ich auf dem Weg zur Arbeit.

Ich kenne diese Strecke, aber so wie heute morgen um halb fünf habe ich sie noch nie gesehen: Die Landschaft ist in den Dunst der schwindenden Nacht gehüllt. Nebel heben sich aus den Schatten. Zögernd überlagert ein Grau-Braun Häuser und Bäume, Felder und Hügel. In den Senken wird es ergänzt von einem stumpfen Grün - ein Farbton, der entsteht, wenn man beginnt, auf einer Palette Grün und Rot zu mischen. Staubiges Heu sieht so aus.

Trockenheit. Geschmack von schwarzem Kaffee. Wie im Büro. Eigentlich sollte bald die Sonne aufgehen.

Im Kopf
die jobs-to-do-list.
Denen werd ich‘s zeigen.



Hans Lesener wurde 1936 in Herne/Westf. geboren. Er studierte Jura und Geschichte, danach war er im Wissenschaftsministerium Düsseldorf und als Hochschulkanzler berufstätig. Hans Lesener schreibt seit seiner Schul- und Studienzeit, seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit Kurzlyrik nach japanischem Vorbild. Neben dem Haiku gehört sein besonderes Interesse dem Rengay, Haibun und dem Ruhrpotthaiku. 2010 erschien sein Debütwerk "Wolkenschatten. Kurze Lyrik, Kurze Prosa".


Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.